Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1281.

Was du ererbt von fremden Vätern hast

Die Polen haben sich nach jahrzehntelangen Konvulsionen dazu durchgerungen, die Marienburg zu „erwerben“ und zu „besitzen“

Die Marienburg ist gemeinsames Erbe der Polen und Deutschen. Sie ist inzwischen in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen worden. Dr. Janusz Trupinda, der stellvertretender Direktor des Schloßmuseums in Marienburg, zeichnete in einem Vortrag im Rahmen der Reihe „Ein Franke zieht ins Preußenland" im Kulturzentrum in Ellingen den Wiederaufbau der Burg nach 1945 nach.

Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Marienburg von den Polen als ein Symbol der deutschen Macht betrachtet. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts war Deutschlands Haltung gegenüber Polen stark nationalistisch geprägt. Hatte doch beispielsweise der deutsche Kaiser Wilhelm II. 1902 geäußert: „Der polnische Übermut will den Deutschen nahetreten!" Zudem erklärte Adolf Hitler die Marienburg zur Festung. Als die Rote Armee sie am 9. März 1945 eroberte, war die Bausubstanz zu 70 Prozent zerstört. Betroffen war vor allem die Ostseite mit der Kirche und der darunter liegenden St. Annen-Kapelle mit den Grabstätten der Hochmeister des Deutschen Ordens. Sie hatte tagelang unter starkem Artilleriefeuer gelegen.

Nach einem Vierteljahr der faktischen Besitzlosigkeit übernahmen am 1. Juni 1945 die polnischen Behörden die Burg und beschlossen nach einer Inventarisierung die Enttrümmerung des Geländes. Die Ruinen wurden als erhaltenswertes Bauwerk eingestuft, aber das „Symbol des militanten Deutschtums" wollte man in dieser Form nicht mehr herstellen. Es gab wenige Stimmen gegen einen Wiederaufbau, obwohl die zukünftige Nutzung fraglich war. Am 22. August 1945 ordnete man die Marienburg dem polnischen Militärmuseum als Abteilung zu. 1946 begannen die Renovierungen. Die Restaurierung des Mittelschlosses wurde 1947 aufgenommen. Allerdings wurden alle noch vorhandenen Kunstwerke in das Nationalmuseum und in das Militärmuseum nach Warschau gebracht. Die Bildersammlungen wurden aufgeteilt, Münz- und Waffensammlung waren verschwunden. Nach der Aufnahme in die polnische Denkmalliste am 20. September 1949 übertrug man 1950 das Bauwerk an die Gesellschaft für Tourismus. Dies bedeutete einen Rückschritt bei den Restaurierungsarbeiten, da mit der Übertragung eine Kürzung der Finanzmittel verbunden war.

Das nächste einschneidende Ereignis traf die Marienburg am 7. September 1959. Einem Großbrand im Mittelschloß fielen rund 6000 Quadratmeter Dachfläche zum Opfer. Ein weitreichender Schritt in die positive Richtung wurde daraufhin am 13. September 1959 unternommen: Die polnischen Behörden beschlossen den Wiederaufbau, verbunden mit einer Bewirtschaftung der Gebäude durch das am 1. Januar 1961 gegründete Schloßmuseum Marienburg. Bei den Planungsansätzen wurden entsprechend dem damals herrschenden politischen Zeitgeist Vorgaben gemacht: Bei der Sanierung sollten die Spuren der Preußenzeit eliminiert werden.

Die Reste der noch vorhandenen Innenausstattung wurden entfernt, historische Gemälde wurden übermalt. Noch im gleichen Jahr eröffnete das Schloßmuseum drei Ausstellungen: eine historische Darstellung der Vergangenheit der Marienburg sowie eine Schau über Land und Menschen der Region, wobei die besondere Betonung auf der polnischen Geschichte lag. Relativ objektiv war eine denkmalpflegerische Ausstellung, die die architektonische Historie des Bauwerkes aufzeigte. Das Gesamtkonzept stand unter der Hypothese, daß die Marienburg ein den Polen gehörender architektonischer Schatz sei. Die nur kurze deutsche Geschichte sei dabei nicht erwähnenswert. Politisch wurden die Ordensbrüder in der Nähe der Nationalsozialisten gesehen.

Die Verteilung der Sammlungen in andere Landesteile hatte Auswirkungen auf diese ersten Ausstellungen – nur 300 Exponate standen zur Verfügung, während es heute rund 50000 sind. Allerdings besuchten 1961 bereits 225000 Menschen das „nationale Denkmal". Die Besucherzahlen haben sich heute mehr als verdoppelt, wobei nach Aussage von Trupinda der Anteil der deutschen „Heimwehtouristen" deutlich zurückgeht und neuerdings vermehrt Russen und andere Nationalitäten als Gäste registriert werden.

Seit Bestehen des Schloßmuseums wurden 122 Ausstellungen präsentiert und 136 Publikationen veröffentlicht. 70 Prozent der Ausstellungen fanden nach 1990 statt. Während in den sechziger Jahren nur polnische Elemente gezeigt wurden, beleuchtet man heute die gemeinsame Geschichte der Polen, der Deutschen und des Deutschen Ordens. Zudem stellte die Schatzkammer des Deutschen Ordens in Wien für die am 8. Juni 2007 eröffnete Ausstellung „Imagines Potestatis – Insignien und Machtzeichen im Königreich Polen und im Deutschen Orden" verschiedene Stücke zur Verfügung. Diese Präsentation erinnert an den Verkauf der Marienburg vor 550 Jahren an die Polen. Nach der Wende stellte das Schloßmuseum mehrere Ausstellungen mit nur noch lockerem Bezug zur Geschichte zusammen. Am 7. Dezember 1997 erfolgte die Aufnahme des Ensembles in die Weltkulturerbeliste der UNESCO.

Seit 2001 setzen sich alle geschichtlichen Ausstellungen mit der Realität auseinander. Zudem erfolgt die weitere Wiederherstellung der Burg nach historischen Vorlagen, wobei allerdings auf der seit 1960 bestehenden „Baustelle" lange keine Einigkeit über die Bauform bestand. Verschiedene Einzelelemente wurden unterschiedlich gestaltet, grundsätzlich wurde aber nun der Baustil „Mittelalter" festgelegt. Außerdem werden in früheren Jahren übermalte Wandgemälde wieder freigelegt.

Keine Entscheidung fiel nach den Worten von Janusz Trupinda bisher zur Marienkirche, die als Denkmal an den Krieg erinnern soll. Die Tendenzen deuten in die Richtung, keine Komplettrestaurierung durchzuführen. 2006 wurde zudem eine Stiftung zur Restaurierung der acht Meter hohen Madonnenfigur an der Kirchenaußenwand gegründet. Dabei handelt es sich nach Trupindas Darstellung um eine Nachgestaltung, da für eine Restaurierung zu wenige Fragmente aus der Kriegszeit vorhanden sind. Im gedanklichen Hintergrund der älteren Polen gibt es zudem die Legende: „Wenn die Marienstatue da ist, ist die Marienburg deutsch!" Dennoch, so schloß Janusz Trupinda seinen Vortrag, sei man heute von jeglichen nationalen Zwängen bei Wiederherstellung und Ausstellungsgestaltung befreit.

Wolfgang Freyberg, der Direktor des Kulturzentrums Ostpreußen, dankte dem stellvertretenden Direktor des Schloßmuseums Marienburg für seine eindrucksvolle Schilderung und betonte die gute Zusammenarbeit. Trupinda überreichte ihm eine Medaille des Königs Kasimir IV. Jagiellonicus.

(KK)

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