Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1278.

Was einigen genommen, wird allen fehlen

Und doch ist Pommerland nicht ganz und gar abgebrannt
Eine Reise in das Land der Erinnerung

Wohl keine andere deutsche Ostprovinz wurde in Architektur und Wirtschaftsleben derart stark von den Gutshäusern des Adels geprägt wie Pommern. Bogislaw von Archenholz hat diesen Einflüssen in seinem Buch über „Die verlassenen Schlösser" ein faszinierendes Denkmal gesetzt. Zu der Zeit nach der Vertreibung von 1945 heißt es dort: „Das Unwiederbringliche freilich kehrt nicht wieder, aber die Wunden vernarben, und eine enggedrängte, die eigene Hast längst verabscheuende Menschheit wird die erhaltenen Adelssitze mit ihren Parks und Teichen, mit Alleen, Auffahrt und Wirtschaftsgebäuden als die Oasen der Erinnerung an ein gemeinsames Glück zu schätzen wissen, das nicht nur einigen unter uns genommen wurde, sondern uns allen immer fehlen wird."

Wer die Region jenseits der Oder mit offenen Augen und abseits des Strandrummels in den Ostseebädern bereist, wird bald feststellen, daß das nach dem verlorenen Krieg Polen zugeschlagene Hinterpommern in mancherlei Hinsicht noch immer das Land der Adelssitze geblieben ist. Zwar mußten jene von Kleists, von Bonins oder von Podewils ihre Heimat ebenso verlassen wie die Bewohner Stettins, Köslins und Stolps, doch die Steine ihrer Häuser erzählen von früheren Jahrhunderten. Man muß sich allerdings Zeit nehmen, um diese Geschichten zu hören. Die Autofahrten durchs pommersche Binnenland können schier endlos sein – nicht wegen der Qualität der Straßen (in dieser Hinsicht gibt es inzwischen selten Grund zur Klage), sondern weil die landestypischen gewundenen Alleen und die Geschwindigkeitsbeschränkungen eine gemächliche Fahrweise gebieten bzw. das Überholen dahinzuckelnder Lastwagen und Traktoren lebensgefährlich wäre. Das Fehlen von Autobahnen hat auch in Hinterpommern und Westpreußen ein hohes Verkehrsaufkommen zur Folge und sorgt für lästige Staus nicht nur in großen Städten wie Danzig. Die dadurch erzwungene „Entdeckung der Langsamkeit" gibt dem notorisch hektischen Mitteleuropäer immerhin die Chance zur kulturgeschichtlichen Spurenlese.

Wer beispielsweise von Bütow in der ehemaligen Provinz Lauenburg im hintersten Hinterpommern über Kolziglow, Reddies und Lubben nach Varzin fährt, wird in puncto Herrenhäuser die unterschiedlichsten Erfahrungen machen und zwischen Erschütterung und überraschter Freude schwanken. Man passiert völlig verfallene Gutsanlagen oder auch ein perfekt restauriertes Herrenhaus, in dem heute der polnische Radrennfahrer Jerzy Lang wohnt. Meist stößt der Reisende jedoch auf wenig Spektakuläres, so auf leidlich erhaltene, von den Kommunisten als Schulen, Kinderheime, Sanatorien oder landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften genutzte Gebäudekomplexe. Hier sei exemplarisch das Gut von Lubben erwähnt, das inmitten eines verwilderten Parks liegt und seinen einstigen Charme nur noch an einem wunderschönen schmiedeeisernen Eingangstor offenbart.

Schon in Kolziglow wird man auf Otto von Bismarck aufmerksam gemacht, der in der sehenswerten Fachwerkkirche des Dorfes im Jahre 1849 Johanna von Puttkamer geheiratet hatte. Varzin ist dann erst recht der Ort, sich des großen Kanzlers zu erinnern, der dort in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Palais erwarb, wo er alljährlich viele Monate zubrachte. Das im 18. Jahrhundert stark umgestaltete schlichte Gebäude aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges scheint ebenso wie der ausgedehnte Park in einem Dornröschenschlaf gelegen zu haben; da hier schon im Herbst 1945 eine Forsthochschule eingerichtet wurde, konnte eine verträumte Atmosphäre bewahrt werden, deren Zauber durch erhaltenes Inventar aus dem Besitz Bismarcks verstärkt wird (Schreibtisch, Sekretär und Safe, ein wundervoller Kaminsaal mit einer Büste Kaiser Wilhelms I. sowie ein wohl von einem freudetrunkenen Rotarmisten durchlöchertes eisernes Wildschwein in der ebenfalls kaum veränderten Diele). Im Park liegen Bismarcks Doggen, die sogenannten „Reichshunde", begraben.

Nicht nur auf der Route nach Varzin erweisen sich die zum Teil sehr gut gemachten einheimischen Reiseführer als wertvolle Hilfe, allen voran die deutschsprachige Ausgabe des Bandes „Kaschubei und östliches Hinterpommern" von Jaroslaw Ellwart. Dieser kaschubische Autor bemüht sich um eine objektive Darstellung des deutschen Kulturerbes in Westpreußen und Hinterpommern und betont in der Einleitung zu seinem Reiseführer „Mittleres Hinterpommern": „Als gebürtiger Pommer (denn in der polnischen Tradition erstreckt sich Pommern als ‚Ostpommern‘ bis nach Danzig und Thorn) halte ich es besonders heute … für wichtig, den Beitrag von Kaschuben, Deutschen und Pommern für jene Landschaft aufzuzeigen, die heute Pommern genannt wird. … Die Überlagerung der verschiedenen, von den Ansiedlern mitgebrachten Kulturen und der vorgefundenen materiellen Kultur hat einen großen kulturellen Reichtum hervorgebracht, doch spürt man nach wie vor die fehlende Verbundenheit der neuen Einwohner mit ihrer ‚Heimat‘, was sich alleine schon darin zeigt, daß sie sich nicht als ‚Pommern‘ bezeichnen."

Anders als die nach 1945 anstelle der vertriebenen Deutschen aus allen Teilen Polens nach Hinterpommern gekommenen Neusiedler sind die autochthonen Kaschuben aufs engste mit dem Land und seiner Kultur verbunden. Dieser kleine westslawische Stamm verdient für Reisende im „Blauen Ländchen", so der poetische Beiname des einstigen preußischen Regierungsbezirks Lauenburg, aber auch im angrenzenden Westpreußen besondere Aufmerksamkeit. Überall finden sich Spuren kaschubischer Identität, und das nicht nur an Stätten wie dem sehenswerten Kaschubischen Freilichtmuseum bei Berent, dem Gebäude der Kaschubischen Volkshochschule in Turmberg oder in Form von in Touristenbüros erhältlichen Aufklebern und Büchern, sondern auch in Gestalt von Graffiti an Bauzäunen und Häuserwänden: „Kaszebe" (Kaschubei). Der kaschubische schwarze Greif auf gelbem Grund ist mancherorts allgegenwärtig.

Daß das Kaschubische 2005 von der Zentralregierung als einzige „Regionalsprache" in der Republik Polen anerkannt wurde, trägt ebenso zum Selbstbewußtsein des zwischen Leba und Putzig im Norden und Schlochau und Berent im Süden beheimateten Völkchens bei. In einer vom Warschauer Ministerium für Kultur und Kulturerbe subventionierten Broschüre „Die unbekannte Kaschubei. Was man über die Kaschubei wissen sollte" ist zu lesen: „Als 1945 die Rote Armee Pommern eroberte, haben sie keinen Unterschied zwischen einem Kaschuben und einem Deutschen gemacht. Vor allem die Zivilbevölkerung litt sehr stark unter Plünderungen, Vergewaltigungen, und auch Morde waren keine Seltenheit. Die sogenannte ‚Völkerbewegung‘ nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte die nationale Situation in Pommern völlig. Anstelle der vertriebenen oder ausgesiedelten Deutschen kamen Umsiedler aus Ost- und Zentralpolen. Später stand die kommunistische Regierung den Kaschuben skeptisch gegenüber. Man verdächtigte sie der Deutschfreundlichkeit. … Eine völlig andere Situation, günstig für die Wiedergeburt des Kulturlebens, brach mit dem Untergang der Volksrepublik Polen ein. Derzeit haben die Kaschuben ein eigenes Radio, Programme im öffentlichen Fernsehen, Kaschubischunterricht in der Schule (können auch Abitur in Kaschubisch machen) und sind auch in der Politik vertreten." Hinzuzufügen wäre, daß die kaschubische Minderheit im Juli 2008 – wenige Wochen vor den Deutschen in Oberschlesien – im westpreußischen Ort Schönberg (Szymbark) die Ära der zweisprachigen Ortsschilder in der Republik Polen eröffnete.

In der Ordensburg von Bütow befindet sich ein gepflegtes Kaschubisches Museum. Vor der restaurierten Burg läßt sich der im historisch deutschen Osten zunehmend entideologisierte Umgang mit der Landesgeschichte beobachten, wenn in einer mittelalterlich ausstaffierten Verkaufsbude Spielzeugritter im Gewand des Deutschen Ritterordens angeboten werden, ohne daß diese als „böse" kenntlich gemacht wären. Zu sozialistischen Zeiten war das undenkbar. Hier wie vielerorts zwischen Oder und Weichsel hört man in den Sommermonaten neben dem Polnischen vor allem Deutsch. Personen, die über bessere Englischkenntnisse verfügen, sind selten (ein Pole erklärte dies damit, daß fast alle Englischsprecher heute in Großbritannien oder Irland lebten). Obwohl Englisch nach dem Zerfall des Ostblocks an den Schulen als erste Fremdsprache favorisiert wurde und dem Deutschen laut Statistik seit Jahren den Rang abgelaufen hat, ist in der Praxis das Deutsche als Verkehrssprache deutlich verbreiteter – zumindest in Hinterpommern und Westpreußen. Daß im Kaschubischen Museum in Bütow die Beschriftungen zuerst auf Polnisch, dann auf Englisch und erst zuletzt auf Deutsch stehen, ändert an dieser Feststellung ebenso wenig wie die Erklärung der Exponate auf der vor allem von deutschen Touristen besuchten Marienburg in polnischer und englischer Sprache oder der Verzicht auf Deutsch an Schildern von mit Brüsseler EU-Geldern geförderten Restaurierungsprojekten in der pommerschen Hauptstadt Stettin.

Eine von der Beschilderung wie von der Zielgruppe her rein polnische Angelegenheit ist das „Zentrum für Bildung und Werbung für die Region" bei Schönberg in Westpreußen (unweit von Karthaus). Es handelt sich um einen ausgedehnten Freizeitpark eines wohlhabenden kaschubischen Sägewerkbesitzers, dessen Besuch nicht nur wegen des spektakulären kopfstehenden Hauses lohnt. Hier wird dem deutschen Besucher das ausgeprägte nationale Geschichtsbewußtsein vieler Polen deutlich, das eben auch Platz in einem großen Freizeitpark hat, etwa in Gestalt eines sowjetischen Eisenbahnzuges aus den frühen 1940er Jahren mit einer Ausstellung über die Leiden polnischer Sibirienverschleppter oder in Form eines nachgebauten unterirdischen Bunkers der Widerstandsgruppe „Grif pomorski" (Pommerscher Greif) gegen die NS-Besatzungsherrschaft.

Anmutige, wenig besiedelte Landschaften erstrecken sich oft, soweit das Auge reicht, beispielsweise in der Gegend zwischen Brodnitz und Turmberg in der Kaschubischen Schweiz, hinzu kommen malerische Orte wie Chmielno mit seiner Seepromenade. Die Region bietet vielfältige naturnahe Erholungsmöglichkeiten – Wanderungen, eine Kutschfahrt durch die Wiesen und Wälder bei Briesen, Wassersport auf den größeren kaschubischen Seen oder eine Fahrt mit dem Mini-Zug zur spektakulären Dünenlanschaft bei Leba – und natürlich kulturgeschichtliche Ausflüge, sei es zum sehenswerten Schloß Krockow in die Nordkaschubei, zum mächtigen Kolberger Dom, ins unzerstörte Rügenwalde oder ins ebenfalls vom Krieg verschonte Treptow an der Rega. Letzteres ist nicht nur der Geburtsort des Historikers Johann Gustav Droysen, sondern wohl die sehenswerteste hinterpommersche Kleinstadt überhaupt, die in starkem Kontrast zum umliegenden Gebiet zwischen Stettin und Kolberg steht, dessen architektonisches Erbe im Vergleich zur Kaschubei durch den Krieg und dessen Folgen besonders verheert wurde.

Zum touristischen Pflichtprogramm gehören Ausflüge an die herrlichen Ostseestrände Hinterpommerns (ausdrücklich empfohlen sei der Strand bei Kolberger Deep) oder der Halbinsel Hela, wenngleich das Remmidemmi und die vielen Billigbuden auch in vermeintlich nobleren Bädern abschrecken.

Auch das pommersche Stolp, das erst nach dem 8. Mai 1945 von Rotarmisten großflächig niedergebrannt wurde, lohnt den Besuch. Die polnische Neubebauung nach diesem beispiellosen Inferno vermag zwar die verlorene Altstadt nicht zu ersetzen, aber sie ist im Vergleich zu den einförmigen Plattenbauten anderer Orte gut gelungen. Etliche Bildtafeln mit historischen Fotos verweisen auf das frühere Aussehen, wobei in Wort und Bild aus der deutschen Vergangenheit Stolps kein Hehl gemacht wird. Ganz allgemein fällt die Selbstdarstellung der heute polnischen Verwaltungen und ihre Tourismuswerbung hinsichtlich der deutschen Prägung des Landes östlich der Oder viel unbefangener aus als etwa in grenznahen Regionen der Bundesländer Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern (wo bezeichnenderweise fast ausschließlich die polnischen Ortsnamen benutzt werden). Diese Fortschritte, die mittlerweile nicht nur Oberschlesien, sondern mit Einschränkungen auch Hinterpommern erfaßt haben, lassen hoffen.

Dennoch stellen sich immer wieder Trauer und Wehmut ein, wenn man an die zahlreichen zerstörten deutschen Friedhöfe denkt, etwa jenen von Schönberg in Westpreußen oder Lubben in Pommern, oder an die unrettbar verlorenen Gutshäuser-Ruinen. Immerhin, im unweit der Ostseeküste an der einstigen Reichsgrenze zum „Korridor" gelegenen Wierschutzin überrascht ein weitgehend intakter deutscher Friedhof mit einem Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. In dem Ort lebt bis heute eine größere Gruppe der deutschen Minderheit, die sich um die Toten kümmert.

Hier wie an so vielen anderen Orten des historischen Ostdeutschlands passen die melancholischen Gedichtzeilen des gebürtigen Brandenburgers Gottfried Benn:

Es ist ein Garten, den ich manchmal sehe

östlich der Oder, wo die Ebenen weit,

ein Graben, eine Brücke, und ich stehe

an Fliederbüschen, blau und rauschbereit.

Es ist ein Knabe, dem ich manchmal trauere,

der sich am See in Schilf und Wogen ließ,

noch strömte nicht der Fluß, vor dem ich schauere,

der erst wie Glück und dann Vergessen hieß.

Es ist ein Spruch, dem oftmals ich gesonnen,

der alles sagt, da er dir nichts verheißt –

ich habe ihn auch in dies Buch versponnen,

er stand auf einem Grab:
„Tu sais" – du weißt.

Martin Schmidt (KK)

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