Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1251.

Was es heißt, wie einer heißt – im Ruhrgebiet

Der Forschungsstelle Ostmitteleuropa, Archiv, an der Universität Dortmund und ihrem Leiter Jo­hannes Hoffmann ist es zu verdanken, daß der erste Band eines Lexikons erschienen ist, in dem die Familiennamen polnischer Herkunft im Ruhrgebiet erfaßt und erklärt werden. Waren es nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem die heimatvertriebenen Oberschlesier, die zum Teil polnische Namen nach Süddeutschland brachten, so führt derzeit die Binnenwanderung in Deutschland aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit in manchen Teilen des Ruhrgebietes dazu, daß man mehr Familiennamen polni­scher Herkunft in Süddeutschland antrifft als bisher. Dadurch hat das Werk auch für viele Leser außerhalb des Untersuchungsraumes Aktualität.

Das Lexikon gibt nicht nur in alphabetischer Form alle einschlägigen Familiennamen und deren Nebenformen an, sondern erfaßt auch die Gesamtzahl der Nennungen in den Telefonbüchern des Ruhrgebietes und darüber hinaus in dessen einzelnen Städten. Durch die Zusammenarbeit mit dem Krakauer Institut für Polnische Sprache der Polnischen Akademie der Wissenschaften war es auch möglich, historische Wurzeln der einzelnen Namen aufzunehmen und zu deuten. Somit bietet dieses Werk sowohl dem Laien die Möglichkeit, sich kundig zu machen, als auch dem Namenkundler, seine Kenntnisse zu erweitern. Da auch in diesen Kreisen kaum jemand der polnischen Sprache mächtig ist, ist es sehr zu begrüßen, daß in eigenen Kapiteln über den sprachlichen Bau der polni­schen Familiennamen, über mundartliche polnische Einflüsse und solche aus dem Deutschen unter­richtet wird. Auf den ersten 40 Seiten wird neben der Geschichte der polnischen Zuwanderer im Ruhrgebiet zwischen 1870 und 1945 und deren sozialen Problemen auch ein Abriß über die Geschichte der polnischen Familiennamen gegeben.

Es erfreut die Objektivität und Akribie, mit der das Lexikon von dem deutschen und den polnischen Autoren erstellt worden ist. So erfährt man beispielsweise bei Furmanek, daß es bereits den alt­polnischen Gattungsnamen forman (= Kutscher) gibt, der für 1434 belegt ist. Auch wenn nicht ei­gens erwähnt ist, daß dies ein Lehnwort aus dem Deutschen ist, so geht doch die frühe Symbiose der beiden Sprachen daraus hervor.

Beim zweiten Band wäre es wünschenswert, wenn die Vorsatzkarte, die Polen in den jetzigen Gren­zen zeigt, durch eine solche ersetzt werden könnte, die die Verbreitung der polnischen Sprache zur Zeit der Entstehung der polnischen Familiennamen widerspiegelt. Dabei ist interessant, daß es zwar seit dem 13. Jahrhundert in Polen zweiteilige Personennamen gibt, aber erst im 16. Jahrhun­dert die ältesten erblichen Familiennamen überliefert sind; und erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts ist die Erblichkeit der Familiennamen fest.

Schon jetzt darf man sich auf den Anschlußband freuen, in dem die Namen von M bis Z bearbeitet werden. Er soll im Frühjahr 2008 erscheinen. Zum Schluß drängen sich dem Leser nicht ausge­sprochene Grundsatzfragen zur Integration auf. Schließlich erfährt er, daß vor dem Ersten Weltkrieg in Wanne-Eickel die polnischen Bergleute in manchen Zechen über 50 Prozent der Belegschaft ausmachten, in eigenen Kolonien wohnten und die Zahl der zugewanderten Polen und Masuren im Ruhrgebiet bis 1914 auf etwa eine halbe Million angesetzt wird. In diesem Zusammenhang sei auch auf eine Neuerscheinung aufmerksam gemacht: „Polen – Ruhr. Zuwanderung zwischen 1871 und 1914“ von Dagmar Kift und Dietmar Osses, Essen 2007 (14 Euro). Darin spricht Veronika Grabe von über zwei Millionen Menschen, die heute in der Bundesrepublik Deutschland leben und polnisch sprechen können. Ein großer Teil von ihnen trägt polnische Familiennamen.

Kazimierz Rymut und Johannes Hoffmann (Hg.): Lexikon der Familiennamen polnischer Herkunft im Ruhrgebiet. Erster Band, Buchstaben A–L. Krakau 2006, 500 S., 30 Euro

Ulf Beier (KK)

«

»