Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1256.

Was Rainer Maria Rilke mit Karl Kraus verbindet

Vielmehr, wer: Sidonie Nádherny von Borutin

15 Kilometer südlich von Beneschau (Benesov), der 37 Kilometer südsüdöstlich von Prag gelegenen Kleinstadt, liegt Janowitz (Vrchotovy Janovice). Hier befindet sich ein aus der Zeit um 1350 stammendes ehemaliges Wasserschloß, das um die Mitte des 18. Jahrhunderts in eine Rokokoanlage verwandelt und 100 Jahre später im neugotischen Stil umgebaut wurde. 1879 erwarb es die freiherrliche Familie Nádherny von Borutin. Seit der Jahrhundertwende war hier die 1885 geborene Sidonie von Nádherny die Schloßherrin, die, deutsch erzogen und gebildet, den vielen Orten deutscher Geistesgeschichte in Böhmen mit Schloß und Park Janowitz einen weiteren hinzufügte.

Es war kein Geringerer als Rainer Maria Rilke, den sie in inniger Freundschaft an sich zu binden verstand. Rilke suchte seinerseits sein ganzes Leben lang, unbehaust wie er war, Teilnahme und Verständnis einfühlsamer Frauen. In Böhmen war das vor allem die als Übersetzerin tätige Fürstin Marie von Thurn und Taxis auf Schloß Lautschin (Loucen) nordöstlich von Prag, die er im Dezember 1909 in Paris kennengelernt hatte und mit der er wie mit Sidonie von Nádherny bis zu seinem Tod am 29. Dezember 1926 befreundet war. Sie und ihr Gatte, der Rilke wie seine Frau herzlich zugetan war, boten ihm als Ort schöpferischer Zurückgezogenheit Schloß Duino an der adriatischen Küste an, wo er seit Januar 1912 Teile der „Duineser Elegien“ schrieb.

Mit Sidonie von Nádherny wechselte Rilke, der sie dreimal auf Schloß Janowitz besuchte und nach dem Weltkrieg in der Schweiz wiedersah, zwischen 1906 und 1926 Briefe, die von tiefem gegenseitigem Verständnis getragen sind. Freilich gingen von ihren Briefen diejenigen, die sie zwischen 1906 und 1914 schrieb, überwiegend verloren. In einer von Joachim W. Storck besorgten Neuausgabe des Briefwechsels, die im vorigen Jahr erschienen ist, konnte ihr Part durch die Beigabe von Auszügen aus ihrem Tagebuch sowie durch ergänzende Dokumente in manchem erhellt werden.

Mit diesem Briefkorpus machte Storck auf einer Vortrags- und Rezitationsveranstaltung des Adalbert Stifter Vereins im Sudetendeutschen Haus in München durch die Darbietung ausgewählter Stücke bekannt. Storck war viele Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar, lehrte an der Universität Mannheim Neuere deutsche Literaturgeschichte und hatte bereits seine Doktorarbeit „Rilke als Briefschreiber“ gewidmet.

Daneben stellte Friedrich Pfäfflin, einst Kollege Storcks in Marbach, in derselben Veranstaltung anhand von Proben eine von ihm im Jahre 2005 herausgegebene Ausgabe von Briefen des Schriftstellers und Satirikers Karl Kraus an Sidonie von Nádherny (mit einigen ihrer Antworten) vor. Sidonie von Nádherny hatte Kraus 1913 in Wien kennengelernt. Ihn verband mit ihr bis zu seinem Tode am 12. Juni 1936 in Wien eine heftige, komplizierte und letztlich unerfüllte Liebesbeziehung, die unter anderem an der ihr von der Familie auferlegten, für sie unüberwindlichen Verpflichtung litt, nur eine standesgemäße Ehe einzugehen. Im Weltkrieg, der Karl Kraus zu einem ethisch begründeten Pazifismus geführt hatte, war ihm Janowitz als lichtes Gegenbild zu der „Hölle von Wien“ erschienen. Seine Briefe füllen einen 784 Seiten starken Band (der Rilke betreffende umfaßt in derselben Gestaltung 654 Seiten), während in einem zweiten auf 830 Seiten ­Dokumente, darunter eine Chronik von Janowitz von der Hand der Schloßherrin und Ausschnitte aus ihrem Tagebuch, abgedruckt sind.

Sidonie von Nádherny wurde nach 1945 enteignet und ging nach der kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei im Jahre 1948 nach England ins Exil, wo sie 1950 starb. Heute befindet sich in Schloß Janowitz eine Gedenkstätte für Rilke und Kraus, zwischen denen übrigens hinsichtlich Sidonie von Nádherny keinerlei Rivalität bestanden hatte. Der vom Adalbert Stifter Verein geförderte Plan, in Janowitz eine Begegnungsstätte der Literatur einzurichten, hat sich bisher nicht verwirklichen lassen. Dagegen gibt es schon seit geraumer Zeit eine vor allem der Quellenpublikation dienende Schriftenreihe „Janowitzer Bibliothek“, in deren Rahmen auch die genannten Briefausgaben zu Rilke und Karl Kraus erschienen sind.

Es sind dies vorzüglich, auch mit Bildmaterial ausgestattete Bände, auf die einiger philologischer Scharfsinn sowie immense Mühe und Arbeit verwendet worden sein müssen. Sie dokumentieren in vielen Facetten, atmosphärisch dicht Geist und Gesellschaft Europas vor 1914 bzw. 1918 und in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Unberührt blieb in der Veranstaltung des Adalbert Stifter Vereins die Frage, ob es die Schloßherrin von Janowitz vermocht hat, beide Autoren in ihrem Schaffen anzuregen und, wenn dem so gewesen sein sollte, welche Spuren sie in deren Werk hinterlassen hat. Der Antwort darauf dürfte man mit Hilfe der vorliegenden Briefausgaben und der ihnen beigegebenen reichen Anmerkungen und Materialien zumindest näher kommen.

Peter Mast (KK)

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