Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1333.

Was sind schon Werte ohne Wertschätzung

Das 22. Brünner Symposium suchte nach Antworten

Vor allem die auf dem Christen- und Judentum bzw. dem Humanismus gründenden Werte sowie die soziale Ausrichtung von Staat und Gesellschaft waren die wiederholt genannten Antworten auf die im Thema des 22. Brünner Symposiums gestellte Frage: „Was hält (uns in) Europa noch zusammen?“ Rund 250 Teilnehmer aus Deutschland, Tschechien, Österreich, Ungarn, der Slowakei und Polen nahmen an dieser traditionellen Tagung teil, bei der auch des 2012 verstorbenen Dr. Jaroslav Šabata gedacht wurde. Organisiert wurde das Symposium von der Ackermann-Gemeinde und der Bernard-Bolzano-Gesellschaft.

Was-sind-schonDas Eröffnungsreferat hielt Dr. h. c. Wolfgang Thierse, der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, zum Thema „Demokratie braucht Vertrauen“. Er ging besonders auf die Bedrohung der Demokratie durch die Finanz- und Bankenkrise und die Rolle von Parteien bzw. der Zivilgesellschaft für die Demokratie ein. Anstelle des Vertrauens in die Demokratie sei vielfach ein „Marktvertrauen“ getreten. Als wichtigen Aspekt nannte er das Gemeinwohl, für das sich Politiker einsetzen müssen. Thierse plädierte für mehr direkte Bürgerbeteiligung. Er verschloss aber auch die Augen nicht vor der Tatsache, dass Europa selbst in einer Vertrauenskrise steckt. Hier empfahl er das Subsidiaritätsprinzip, d. h. die Stärkung der lokalen Verantwortung. Der Ackermann-Gemeinde und Bernard-Bolzano-Gesellschaft dankte er für das „Demokratie vertiefende und Vertrauen bildende Engagement“.

Mit der Frage „Ist die EU von heute wirklich alternativlos?“ beschäftigten sich der Prager Philosoph und Politiker Dr. Daniel Kroupa und die anschließende Podiumsdiskussion. Bei einem Zerfall Europas in „einzelne, egoistische Nationalstaaten“ wäre, so Kroupa, die Souveränität kleiner Staaten bedroht. Für Kroupa kann es nur eine demokratischere EU geben, was bedeutet, dass die jetzige EU transformiert und effizienter gestaltet werden muss. Dies sei bis heute nicht möglich, weil es, so Kroupa, an gemeinsamen Werten mangelt. „Wenn wir nach der europäischen Einheit suchen, müssen wir die Einheit der Werte finden, für die es sich zu leben lohnt“, fasste der Philosoph und Politiker zusammen.

Gegen die Rückkehr zum Nationalstaat sprach sich auch Dr. Vladimír Špidla, Direktor der Demokratischen Masaryk-Akademie in Prag, aus. „Die EU ist eine Wiedererschaffung Europas, eine gute und erfolgreiche Antwort auf den Zweiten Weltkrieg. Die Vorbildfunktion betonte auch Martin Kastler MdEP, der Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde, und verwies auf die Prinzipien der christlichen Soziallehre bzw. das nachhaltige Prinzip. Auf die unterschiedliche Interpretation der Werte machte der aus Budapest stammende Historiker Gábor Egry aufmerksam und schlug einen Dialog zum gegenseitigen Verständnis vor.

Die Frage „Fällt die tschechische Gesellschaft auseinander?“ stand zum Abschluss des Symposiums zur Beantwortung an. Fakten dazu lieferte Dr. Eliška Wagnerová, Senatorin und stellvertretende Vorsitzende des Verfassungsgerichts a. D., aus Brünn. Sie sprach im Rückblick auf die Zeit seit 1989 von Enttäuschungen infolge nicht erfüllter Erwartungen. Zudem sei Tschechien kein voller Rechtsstaat, „ein verbindendes Ideal für alle wurde nicht angeboten, der Zusammenhalt nach 1989 war zwar euphorisch, aber ohne echte Fundamente, zum Maßstab wurde der Reichtum“. Als drängende Aufgabe empfahl sie, daran zu arbeiten, „dass ein Ausgleich zwischen Individuum und Gesellschaft bzw. Staat geschaffen wird. Sonst funktioniert es in allen drei Bereichen nicht!“ Keinen Zerfall der Tschechischen Republik, weder auf sozialer noch auf politischer Seite, sieht Dr. Roman Joch von dem in Prag ansässigen Bürgerinstitut. Er stellt höchstens einen Zerfall zwischen Prag und dem Rest der Republik fest, wo konkret in der Regiona- lund Steuerpolitik anzusetzen wäre. Aber auch von einer „Abwesenheit der Werte, zwischen Pragmatismus und Zynismus“ ohne moralische Autorität sprach Joch.

Auf einen Konsens bis 2004/05 verwies der Philosoph Prof. Dr. Pavel Barša. Hart ging er mit dem bisherigen Staatspräsidenten ins Gericht. Eine ideologisch-soziale Spaltung erkennt er erst in den letzten fünf bis sechs Jahren. Noch schärfer fiel die Kritik Ondrej Matejkas von der Bewegung „Antikomplex“ Prag aus. „Václav Klaus ist ein Schlüsselakteur der Spaltung in der Gesellschaft. Seine Rhetorik war einflussreicher als die politischen Taten, er hat die tschechische Gesellschaft mit einem Virus verseucht … Es stehen keine Alternativen für die Zukunft des Landes parat. Aber durch Konflikte werden die Werte erst sichtbar, die für Gemeinsamkeit
sprechen.“

Unter dem Titel „Das demokratische Deutschland – Eine Voraussetzung für die demokratische Einigung Europas“ wurde beim Symposium auch des am 14. Juni 2012 vestorbenen Dr. Jaroslav Šabata gedacht und sein Vermächtnis beleuchtet. Senatspräsident a. D. Dr. Petr Pithart nannte einige Fakten aus dem Leben Šabatas, wo natürlich der Prager Aufruf (1985) besonders heraussticht. „Das war eine präzise Vorhersehung dessen, was später passiert ist“, beurteilte Pithart diesen auch die deutsche Einigung betreffenden Text. „Er war ein Mensch, der dafür vorbestimmt war, einen gemeinsamen Nenner zu finden, zu vereinen, zu integrieren“, fasste Pithart zusammen. Den Kontext des Aufrufs – Friedensbewegung im Westen, Menschenrechtsbewegung im Osten – skizzierte der Journalist Jakub Patocka und nannte Šabatas Initiative ein „Helsinki von unten“. Der früher als Sozialreferent in der deutschen Botschaft in Prag wirkende Bernd Felgendreher bezeichnete Šabata als „Tabubrecher“. „Er hat viel zur Selbstbestimmung der Deutschen beigetragen.“ Einblick ins Privatleben Jaroslav Šabatas gab dessen Enkel Michael Uhl. Eine seiner Aufgaben ist jetzt die Verwaltung der großväterlichen Bibliothek. „Er konnte die zwei Welten – Theoretiker und Praktiker – zusammenbringen“, fasste der Enkel die Leistungen des in der Sozialdemokratie aktiven und beheimateten Šabata zusammen. Als Vermächtnis seines Großvaters nannte er zwei Aspekte: „Es hat Sinn, einen Kampf um die Werte zu führen. Er brachte Dinge voran und hat dabei nie den Rücken gekrümmt.“

In Erinnerung an Dr. Jaroslav Šabata lasen Václav Burian und Tomáš Tichák (Redakteure von „Listy“) unter dem Titel „Gespräche mit Dr. Jaroslav Šabata“ aus Interviews mit diesem politischen Denker. Den Brünner Todesmarsch bzw. die Vertreibung der Deutschen aus dieser mährischen Stadt hatte die Lesung von Katerina Tucková aus ihrem Buch „Die Vertreibung der Gerta Schnirch“ zum Inhalt. Und da das Kloster Altbrünn eng mit dem Begründer der Genetik und Naturwissenschaftler Gregor Johann Mendel verbunden ist, lag eine Führung dort unter dem Titel „Das Kloster Altbrünn und Gregor Johann Mendel als deutsch-tschechischer Erinnerungsort“ nahe. In der Basilika Mariä Himmelfahrt des Klosters Altbrünn war dann auch der Vorabendgottesdienst zum Palmsonntag mit Abt Dr. Lukáš Evžen Martinec OSA als Hauptzelebrant.

Markus Bauer (KK)

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