Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1344.

Was würde Kurt Tucholsky zur Ukraine sagen?

Gespräch mit der Ossietzky-Preisträgerin Dr. Irina Scherbakowa

Was-würde-KurtAm 5. Mai kam die diesjährige Trägerin des Carl-von-Ossietzky-Preises der Stadt Oldenburg, Dr. Irina Scherbakowa, zu einem Fachgespräch ins dort ansässige Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE). Zum Thema „Deutschland und Russland. Sichtweisen auf das 20. Jahrhundert“ wurden unterschiedliche Wahrnehmungen der Vergangenheit und Perspektiven der Zusammenarbeit diskutiert. An dem Gedankenaustausch mit der Moskauer Germanistin, engagierten Publizistin und Oral-History-Expertin nahmen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, der Universität Bremen und des BKGE sowie Oberbürgermeister Professor Dr. Gerd Schwandner teil. Jury-Sprecherin Sabine Doering, die zugleich Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des BKGE ist, wies noch einmal auf die große Übereinstimmung in der Jury bei der Auswahl der Preisträgerin hin.

Irina Scherbakowa, die von sich sagt, sie sei „im Herzen Historikerin“, hat sich als Germanistin intensiv mit Kurt Tucholsky beschäftigt und seine Werke ins Russische übersetzt. Sie betonte ihre Nähe zum Namensgeber des Preises, Carl von Ossietzky, der 1927 Tucholsky als Leiter der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“ folgte. Die Zeit der Weimarer Republik sei eine interessante Phase des 20. Jahrhunderts, die gerade auch wegen ihrer Erfahrungen mit Demokratie und Parlamentarismus heute in Russland viel diskutiert werde. Von der Zarenzeit über die postsowjetischen Jahren bis zur gegenwärtigen Lage in Russland, von langfristigen historischen Perspektiven über Brüche und Wendepunkte bis zu tagesaktuellen Fragen reichte das Themenspektrum, auf das Irina Scherbakowa engagiert und kenntnisreich einging.

Immer wieder illustrierte sie ihre Analysen mit eindrucksvollen Beispielen aus Schüleraufsätzen des von ihr betreuten Gesamtrussischen Schülerwettbewerbs, die die große Spannung zwischen den verschiedenen Bildern, Traditionen und Mythen zur Geschichte des Landes und den konkret erlebten Familiengeschichten zeigen. Auch anhand der Aktivitäten der Menschenrechtsorganisation „Memorial“, deren Gründungsmitglied Irina Scherbakowa ist, zeigte sie eindrucksvoll neue Gestaltungsmöglichkeiten und Veränderungen im Umgang mit Vergangenheit und Erinnerung in Russland auf, etwa am Beispiel der Aktion „Poslednij adres“ („Die letzte Adresse“, vergleichbar mit den in Deutschland bekannten „Stolpersteinen“) zur Erinnerung an die Opfer der Stalinzeit.

Auch die aktuelle Situation in der Ukraine war in der Gesprächsrunde stets präsent. Scherbakowa wies auf verzerrte Darstellungen der Ukraine und den Missbrauch von Begriffen, vor allem aber die große Verantwortung von Journalisten und Historikern für die Erhaltung der europäischen Friedensordnung hin. Die Fortsetzung von begonnenen Kooperationen, Bekundungen von Solidarität wie durch den Carl-von-Ossietzky-Preis seien eine wichtige Unterstützung für sie und ihre Kolleginnen und Kollegen von „Memorial“.

(KK)

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