Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1325.

Wasserträger des literarischen Gedächtnisses

Oftmals schneller als das Peloton: Peter Demetz ist 90

Der Literaturwissenschaftler Peter Demetz aus Prag, der seit 1953 in den Vereinigten Staaten lebt, konnte am 21. Oktober 2012 seinen 90. Geburtstag feiern. Als Sohn eines aus Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg zugewanderten Vaters und einer aus dem deutschsprachigen Judentum Böhmens stammenden Mutter wurde er in Prag geboren, wuchs aber in der mährischen Hauptstadt Brünn auf, wo sein Stiefvater, ein jüdischer Arzt und Sozialdemokrat, eine Praxis betrieb. Während der Stiefvater 1939 nach London emigrieren konnte, wo er überlebte, wurde die Mutter ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie an einem Magengeschwür starb. Vier Jahre später, 1947, als Peter Demetz in Prag Germanistik studierte und kurz vor der Promotion stand, traf er im Kulturministerium eine tschechische Kommunistin, die in Theresienstadt mit seiner Mutter auf derselben Pritsche gelegen hatte.

Da er nach NS-Begriffen als „Halbjude“ galt, wurde er im September 1941 als Zwangsarbeiter in die Reichshauptstadt Berlin verschleppt, danach arbeitete er in einer Prager Buchhandlung, wo er merkwürdige Begegnungen mit lesehungrigen Soldaten der Wehrmacht und tschechischen Widerstandskämpfern hatte; im September 1944 geriet er in ein Lager bei Oppeln in Oberschlesien, von wo ihn aber die Geheime Staatspolizei wegen „illegaler Tätigkeit“ nach Prag zurückbringen ließ; im Januar 1945 arbeitete er als Holzfäller in einem Waldlager an der sächsischen Grenze.

Als der Krieg beendet war, traf Peter Demetz, niedergeschlagen und verzweifelt, mit dem Zug aus Nordböhmen kommend, in Prag ein. Er war jetzt 22 Jahre alt und fand in der alten Wohnung seiner Eltern die Reste seiner Verwandtschaft wieder, darunter Onkel Karl, der während des Bombenangriffs auf Dresden aus dem Gefängnis hatte fliehen können, und Tante Irma, die Theresienstadt überlebt und ihrem Neffen ein Geschenk mitgebracht hatte: „Es war ein altmodischer Badeanzug, der mir infolge eines Desinfektionsmittels bald einen Hautausschlag verursachte, doch mir gute Dienste leistete, denn ich verbrachte all diese Sommertage auf den Schwimmflößen an der Moldau, direkt unterhalb des Nationaltheaters, halb betäubt von der Vergangenheit und der Gegenwart, in Gedanken aber bei meinem Philosophiestudium, das ich beginnen wollte, sobald die Universität ihren Betrieb wieder aufnahm.“

Er konnte dann an der Karls-Universität Germanistik studieren und, noch vor der Machtergreifung der Kommunisten im Februar 1948, seine Dissertation über „René Rilkes Prager Jahre“ (1953) abschließen. Danach floh er nach München, wo er 1950/51 als Redakteur bei Radio Freies Europa, einem amerikanischen Sender, arbeitete, bevor er 1953 in die Vereinigten Staaten auswanderte. Seit 1956 lehrte er Geschichte der deutschen Literatur an der weithin berühmten und angesehenen Yale University in New Haven an der amerikanischen Ostküste und wurde 1959 mit seinem zweiten Buch „Marx, Engels und die Dichter“ bekannt, worin er die Existenz einer marxistischen Literaturtheorie, die den Namen verdient hätte, rundweg bestritt.

Dieses Buch mit dem Untertitel „Zur Grundlagenforschung des Marxismus“ ist der erste Versuch, die Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels und ihren Schülern Franz Mehring, Georgij Plechanow und Georg Lukacs nach ihrer Relevanz zur Erklärung und Wertung von Literatur zu befragen. Das abschließende Urteil des amerikanischen Literaturwissenschaftlers ist ausgewogen, gleichwohl ernüchternd, wenn er vom „Versagen der marxistischen Ästhetik aus ihrer rücksichtslosen Verengung der historischen Perspektive“ spricht. Die marxistische Literaturwissenschaft im SED-Staat hatte er sich mit seiner Untersuchung zum Feind gemacht. So widmete ihm Helmut Kaiser 1960 im Juni-Heft der Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“ eine vernichtende Kritik von nahezu 14 Seiten unter dem Titel „Demetzeleien“!

Demetz’ weitere Bücher waren dem preußischen Erzähler Theodor Fontane und der deutschen Gegenwartsliteratur gewidmet, 1982 edierte er eine Anthologie „Alt-Prager Geschichten“, 2006 den Essay-Band „Böhmen böhmisch“ und 2008 das autobiographische Buch „Mein Prag. Erinnerungen 1939 bis 1945“. Am 29. November wird ihm in Berlin von dem in Potsdam ansässigen Deutschen Kulturforum östliches Europa der Georg-Dehio-Kulturpreis verliehen.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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