Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1245.

Weit weg und so bedrängend nah

Bericht von einer Reise auf den Spuren der Kreuzfahrer und der Armenier durch die kilikische Türkei zu Werfels Musa Dagh

Blickt man aus unserem Mitteleuropa über Anatolien hinaus nach Kilikien, so ist man verführt zu vermuten, dieser Teil der Türkei sei so etwas wie das Ende der Welt. Daß dies nicht so ist, daß die Provinz Adana sogar eine boomende Wirtschaftszone ist, war eine der Überraschungen, die einige Teilnehmer der Reisegruppe des Pädagogischen Arbeitskreises Mittel- und Osteuropa erlebten.
Der Segen des Wassers der alpinen Taurusberge ist es heute noch, der in der Gluthitze dieser Mittelmeerregion die fruchtbaren Felder Kilikiens gedeihen läßt. Sie waren in den vergangenen Jahrhunderten Basis für die Kulturen, deretwegen die PAMO-Reisegruppe in dieses Land gereist war. Ziel war natürlich auch das Verstehen der heutigen Türkei und ihrer Europafähigkeit. Darüber hinaus wurde der Kontakt der Kreuzfahrer mit dem kleinarmenischen Königreich im Mittelalter in den Blick genommen.

Aus der Phase der frühesten Christenheit wurden in Tarsus und Antakya (Antiochia) die Spuren von Paulus und Petrus aufgenommen. In Issos, an der Stelle, wo Ost- und Nordküste des Mittelmeeres zusammentreffen, konnten wir nicht umhin, uns die Welteroberung Alexanders zu vergegenwärtigen. Und natürlich wollten wir uns vor allem mit dem Schicksal der Armenier befassen, die einmal in diesem Land herrschten und  vor 100 Jahren noch zu Tausenden hier im Osmanischen Reich gelebt haben. Wir wollten schließlich die Örtlichkeit sehen, in der Franz Werfel seinen Roman von den 40 Tagen des Musa Dagh angesiedelt hat.

Diese Fülle in sechs Tagen abzuhandeln ist eigentlich vermessen. Daß es dennoch  einigermaßen gelang, ist sicher auch darauf zurückzuführen, daß mit Professor Dr. Rudolf Grulich einer der kompetenten Türkeiexperten zur Verfügung stand, der außerdem gerade diese Region von mehreren Exkursionen kennt.

Der erste Tag führte gleich zu einem der Zentren kleinarmenischer Macht, zur grandios gelegenen Festung Anavarz (Anavarza Kalesi). Professor Grulich konnte deutlich machen, daß die Armenier auf byzantinische und hellenistische Gündungen aufbauten. Von der höchsten Stelle der Burganlage waren einige der anderen mittelalterlichen Burganlagen, auf ihren Felsenhügeln aus der Ebene ragend, erkennbar. Auf diese Weise wurde eine der Voraussetzungen des armenischen Herrschaftssystems erkennbar. Der von Anavarza nächstgelegene Herrschaftsstützpunkt war Amuda (heute Hamide). Auch seine Lage über einer Ceyhan-Furt ist eindrucksvoll. Aus allerdings spärlichen Quellen wissen wir, daß wahrscheinlich Leon I. im Jahre 1212 Hermann von Salza und somit dem Deutschen Orden anläßlich seines Besuches die Burganlage samt zugehöriger Dörfer schenkte. Es existiert eine lateinische Schenkungsurkunde.

Auf Leon I. trafen wir auch in Tarsus. Dort besuchte die Studiengruppe die Ulu Camii (Große Moschee). Im kleinarmenischen Reich war sie Krönungskirche der Könige. Interessant ist, daß 1198 wahrscheinlich hier Konrad von Wittelsbach, Erzkanzler des Reiches, im Auftrag des deutschen Kaisers Leon I. zum armenischen König krönte. Der war damit Lehensnehmer des deutschen Kaisers im fernen Mitteleuropa bzw. Sizilien.

In Tarsus gibt es kaum Relikte aus der Zeit des Paulus. Die römische Siedlung seiner Zeit ist unter einer meterdicken Schlammschicht begraben, die als Wasserfracht der Ströme in den letzten 20 Jahrhunderten über die kilikische Ebene gelegt wurde. Am Weg nach Iskenderun machten wir Halt bei Issos. Daß es einmal bedeutend war, zeigt der imposante Aquädukt, der am Siedlungshügel der früheren Akropolis endet. Von ihm bietet sich allerdings ein grandioser Blick über die Ebene bei Issos, und das Geschehen der Schlacht läßt sich nach der Überlieferung anschaulich beschreiben. Diese Augenblicke dort, 2339 Jahre nach der Schlacht, werden manchem Teilnehmer unvergeßlich bleiben.

Am dritten Tag ging es zum Musa Dagh. Antakya streiften wir nur und fuhren direkt nach Samandag am Fuße des Mosesberges. Nach einer Stippvisite in dem Armenierdorf Wakef erreichten wir Teknepinar, einen der hochgelegenen Orte. Er spielt im Roman Franz Werfels auch eine Rolle. Daß er für die Armenier wichtig gewesen sein muß, verdeutlicht die imposante Kirchenruine. Sie liegt am Rande des türkischen Dorfes. Direkt an der Strandzone endet der Tituskanal, der heute weitgehend wasserlos ist, jedoch bezeugt, wie die Menschen sich hier schon zu römischer Zeit gegen die stete Macht des Wassers wehren mußten. Er wurde geschaffen, um die Hafenstadt Seleukia Pieria vor der Versandung zu retten. Vergeblich, der hellenistische Ort verfiel bereits in byzantinischer Zeit. In Antakya wurde die Grottenkirche St. Peter, die hoch über der Stadt gelegene Zitadelle und das einzigartige Mosaikenmuseum besucht. Es kam aber auch zu Begegnungen mit der katholischen und der orthodox-syrischen Gemeinde.

Am Folgetag stand zuerst Harunia auf dem Programm. Im Namen ist angedeutet, daß die Ursprünge der Burg wahrscheinlich auf Harun al Raschid zurückgehen. Zu kleinarmenischer Zeit gehörte sie im 13. Jahrhundert zu den Burgen, mit denen für kurze Zeit der Deutsche Orden bedacht war. Die Burg liegt imposant oberhalb von Düziçi am Hang des Amanosgebirges. Damals für viele Feinde schwer erreichbar, heute noch weit jenseits des türkischen Tourismushorizontes. Nicht nur ihre Begehung wurde zum Erlebnis, sondern für viele der Reisegruppe auch die Begegnung mit der gastfreundlichen Bevölkerung der an den Berghängen liegenden Gehöfte.

Auf dem Weg nach Yumurtalik wurde noch die Schlangenburg (Yilanli Kale) besucht. Am Ufer des Ceyhan in der Mitte der kilikischen Ebene seit der Antike an der wichtigsten Straße in den Orient gelegen, ist ihre imposante Gestalt immer noch eindrucksvoll erhalten. Yumurtalik ist der Ort, von dem Marco Polo 1271 wahrscheinlich seine große Reise nach China antrat. Der Ort blühte zu jener Zeit als armenischer Hafen im venezianisch-genuesischen Handel. Auch hier mußten die letzten Armenier erst nach dem Ersten Weltkrieg endgültig weichen.

Beim Flug über die Taurusberge nach Anatolien leuchteten bereits winterliche Schneegipfel herauf. Das stimmte uns auf die Rückkehr nach Deutschland ein.

Gerolf Fritsche (KK)

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