Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1301.

Welt(kriegs)bürger

Warum Harry Mulisch kein deutscher Schriftsteller war

Am 30. Oktober verstarb in Amsterdam im Alter von 83 Jahren der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch, dessen Vater Sudetendeutscher war, an einem Krebsleiden. Der Autor, der mit seinen Romanen „Das Attentat“ (1982) und „Die Entdeckung des Himmels“ (1992) bekannt wurde, wuchs in Haarlem bei seinen Eltern auf, die 1926 geheiratet hatten und sich 1936 scheiden ließen. Er lebte dann zunächst bei seiner Mutter, die aus Frankfurt am Main stammte, und nach ihrem Umzug nach Amsterdam bei seinem Vater in Haarlem.

Der Vater Karl Viktor Kurt Mulisch stammte aus Gablonz, der Hauptstadt der sudetendeutschen Glasindustrie, die nach 1945 in Kaufbeuren neu begründet wurde, war bis 1918 Offizier im österreichischen Heer und wanderte nach dem Ersten Weltkrieg in die Niederlande aus. Während der deutschen Besatzungszeit 1940/45 war er Personaldirektor der Liro-Bank in Amsterdam, die für die Verwaltung des konfiszierten Eigentums verfolgter Juden zuständig war. In dieser Position konnte er seine jüdische Exfrau und seinen halbjüdischen Sohn vor der Verschleppung in ein Konzentrationslager und der Vernichtung retten. Nach dem Krieg wurde er für seine Tätigkeit mit drei Jahren Internierungslager bestraft. Harry Mulischs Großmutter und seine Urgroßmutter wurden im Konzentrationslager Sobibor ermordet.

Harry Mulischs schriftstellerisches Werk, das aus rund 70 Büchern besteht, ist durch das Spannungsverhältnis zwischen rassischer Verfolgung (über die Mutter) und Kollaboration mit den Nationalsozialisten (über den Vater) geprägt. So war er auch 1961 Berichterstatter im Prozeß gegen Adolf Eichmann in Jerusalem und veröffentlichte darüber 1962 die Reportage „Strafsache 40/61“. Er wurde 1957 mit dem Anne-Frank-Preis, 1978 mit dem Niederländischen Staatspreis für Literatur und 2002 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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