Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1253.

Weltliteratursprache Deutsch

Zumindest im östlichen und südöstlichen Europa war es eine lingua franca poetica. Was bleibt?

Im Herbst vorigen Jahres veranstaltete die Akademie Mitteleuropa in Bad Kissingen eine vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderte Tagung „Deutsche Regionalliteraturen“. Die Zielgruppe des Seminars waren Nachwuchsgermanisten aus Deutschland und Ostmitteleuropa, die sich im Rahmen ihres Studiums oder einer wissenschaftlichen Abschlußarbeit mit autochthoner deutscher Literatur ihrer Heimatregion beschäftigen. Am Seminar beteiligten sich acht Referenten und 30 Teilnehmer aus Ungarn, Rumänien, Tschechien, Litauen, Polen und Deutschland.

Zu Beginn fand eine Lesung der aus Siebenbürgen stammenden deutschen Kinderbuchautorin Karin Gündisch statt. Sie hat rund ein Dutzend Kinder- und Jugendbücher in bekannten deutschen Verlagen veröffentlicht und mehrere bedeutende Literaturpreise erhalten. Ihre ersten Bücher hat sie als Deutschlehrerin in der Zeit der sozialistischen Diktatur in Rumänien geschrieben. Kinderliteratur unterlag einer weniger strengen Zensur, und so konnte man darin Kritik und Subversion unterbringen. Nach ihrer Emigration Mitte der 1980er Jahre hat Karin Gündisch ihren Lebensunterhalt als Schriftstellerin bestritten. Einige ihrer Bücher sind in andere Sprachen übersetzt worden. Fremdheitserfahrungen ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Gesamtwerk.

Stefan Sienerth, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte im südöstlichen Europa, München, stellte seinen Vortrag unter das Motto „Vereinnahmung und Verstrickung. Der siebenbürgische Schriftsteller Adolf Meschendörfer und das Dritte Reich“. Mit grundlegenden historischen Kenntnissen über Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen vermittelte er einen Zugang zu einem in der Zwischenkriegszeit auch in Deutschland erfolgreichen Autor. Neben Meschendörfer hatten damals Heinrich Zillich und Erwin Wittstock als Auslands- und „Grenzland“-Deutsche im binnendeutschen Sprachraum große Erfolge. Meschendörfer hat zweifelsohne den schmalen Grat zwischen Nationalkonservativismus und Nationalsozialismus überschritten. Er setzte seine Hoffnung auf die Hilfe des NS-Reiches für den Fortbestandes der Deutschen in Siebenbürgen, die seit dem Österreich-Ungarischen Ausgleich und noch mehr nach dem Ersten Weltkrieg als rumänische Staatsbürger in der Selbstverwaltung sowie in der wirtschaftlichen und kulturellen Entfaltung gehindert wurden. Bis in die Gegenwart gehört Meschendörfer allerdings zum Kanon der siebenbürgischen „Klassik“.

Peter Motzan, ebenfalls vom IKGS, referierte zum Thema „Regionale Besonderheiten vs. stalinistische Gleichschaltung – Rumäniendeutsche Literatur unter dem Diktat des fundamentalistischen sozialistischen Realismus (1948–1953)“. Der sozialistische Realismus wurde in der Sowjetunion und im Ostblock zum alleinigen Paradigma aller Literatur. Er führte auch in Rumänien zur „schwärzesten Literatur-Epoche“. Zum Pflichtthemenspektrum des sozialistischen Realismus gehörte beispielsweise das Lob der „proletarischen Weltrevolution“, der Personenkult um Stalin und die Überlegenheit der UdSSR, die Haßtiraden gegen den Imperialismus und die westlichen Mächte, das Hochhalten sozialistischer Moral, vor allem was die Normübererfüllung betraf, das Lob des Arbeiters und des Kollektivs etc. Die Auswüchse des sozialistischen Realismus waren bizarr, die Sprache gestanzt, die Autoren privilegiert, aber jederzeit gefährdet. Zensur und Geheimdienst waren allgegenwärtig. In den Bibliotheken wurden „Giftschränke“ eingerichtet, Themen tabuisiert, neue „Helden“ gleichsam als „Heilige“ und „Apostel“ einer neuen Religion gefeiert. Der sozialistische Realismus hatte eine entsprechend verheerende Langzeitwirkung bei einer ganzen Generation von Autoren und Intellektuellen. Die Rumäniendeutschen hatten auch im Sozialismus das im Ostblock einzigartige Privileg, daß ihnen ein staatliches deutschsprachiges Schul- und Pressewesen gewährt wurde. Die „Kulturschaffenden“ freilich waren den Vorschriften des Paradigmas ausgeliefert.

Peter Varga, Germanist aus Budapest, sprach zum Thema „Die deutschsprachige jüdische Literatur im historischen Ungarn“. Er hat hierzu biographische Texte deutschsprachiger Juden in Ungarn untersucht. Das ungarische Judentum war eine heterogene Gemeinschaft mit Gruppierungen, die bereits vor der osmanischen Besetzung heimisch waren, sowie ab dem 19. Jahrhundert aus Böhmen, Mähren und aus Galizien zugewanderten Juden. Mitten durch Budapest verlief die Grenze zwischen Reform- und orthodoxem Judentum. In Ungarn ging das jüdische Bürgertum, eine elitäre Minderheit, eine Symbiose mit der deutschen Kultur ein.

András F. Balogh, Budapest und Klausenburg, hat die modernen deutschsprachigen Literaturen der Donau- bzw. der Banater Schwaben untersucht. Zunächst beschäftigte er sich mit Definitions- und Abgrenzungsfragen, was unter „deutschungarischer Literatur“ verstanden werde. Balogh stellte eine Reihe von Autoren vor: Robert Becker, Kolomann Brenner und Johannes Kanter sowie die auch in Deutschland positiv aufgenommene Autorin Theresia Mora. Ihr Roman „Alle Tage“ behandelt die Schwierigkeiten des literarischen Schaffens zwischen zwei Sprachen und zwei unterschiedlichen kulturellen Systemen.

Rita Nagy, ebenfalls Budapest, gab einen Überblick über die deutschsprachigen Kalender des historischen Ungarn aus dem 18. und 19. Jahrhundert, erschienen in Preßburg, Leutschau, Kaschau, Bartfeld, Tyrnau u. a. Die Kalender sind neben Gesangbüchern und Bibeln die häufigsten Literaturgattungen, sie waren die Lesebücher des Volkes. Nagy analysierte die typische Struktur der Kalender und präsentierte einige Bilder und Beispieltexte. Kalender eignen sich besonders zur literaturwissenschaftlichen und -soziologischen Auswertung.

Tamasz Majewski, Breslau, präsentierte ein mehrbändiges Kompendienprojekt polnischer Germanisten zur kulturwissenschaftlichen deutschen Landeskunde. Dabei behandeln einzelne Teile dieses Kompendiums regionale, nationale oder europäische Identitäten. So werden Themenkomplexe wie das Selbstverständnis der Deutschen, Schweizer und Österreicher behandelt, die Geschichte und Gegenwart der deutschsprachigen Länder, schlesische Geschichte und Wechselbeziehungen.

Zdenek Marecek, Brünn, porträtierte in seinem Beitrag die Hauptstadt Mährens um 1900, beschrieb die ethnische, politische, kulturelle und wirtschaftliche Struktur der Provinzstadt vor dem Ersten Weltkrieg. Brünn war eine Stadt mit deutlicher deutschsprachiger Mehrheit und einer nicht unbedeutenden jüdischen Bevölkerung. Marecek referierte über Robert Musils literarische Anfänge und präsentierte dessen ersten in der „Brünner Sonntagszeitung“ veröffentlichten Text. Die Ausführungen ergänzte der Brünner Doktorand Tomás Butala mit einer Vorstellung dreier weitgehend vergessener mährischer Autoren: Eugene Schick, Franz Schumann und Philipp Langmann.

Besonderes Interesse der Seminarteilnehmer fand der Film „Der Verrat“ von Zoltan Hajdu, der die siebenbürgischen Autoren Hans Bergel und Eginald Schlattner, die in den späten 1950er Jahren als Studenten und angehende Autoren in Rumänien verhaftet wurden, in einem Doppelporträt vorstellt. Eginald Schlattner wurde für den Prozeß gegen Bergel und vier weitere deutsche Autoren in monatelanger Untersuchungshaft und psychischer Folter als Belastungszeuge gegen seine früheren Freunde aufgebaut. Die Gerichtsakten – nicht die Geheimdienstakten – zu diesem Prozeß wurden freigegeben und von Peter Motzan und Stefan Sienerth übersetzt. Sie sind im Band „Worte als Gefahr und Gefährdung“ (1993) vom IKGS veröffentlicht worden. Eginald Schlattner hat seine Gefängniserfahrungen literarisch im zweiten Band einer Romantrilogie, „Rote Handschuhe“, verarbeitet. Der Film „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“ von Volker Koepps porträtiert die in Czernowitz (heute Ukraine) lebenden Vertreter einer deutsch geprägten jüdischen Kultur Ende der 1990er Jahre. Volker Koepps hat mehrere poetische Filme über ehemalige deutsche Kulturlandschaften gemacht.

Ein von András F. Balogh moderiertes Rundtischgespräch mit allen Referenten fächerte Themen wie die Stellung der deutschen Sprache und Hochschulgermanistik in Deutschland und Ostmitteleuropa, Universitätsstrukturen, Stereotype und wissenschaftliche Forschungsthemen auf. Nach dem Auf- und Ausbau des Deutschunterrichtes in den Ländern Ostmitteleuropas nach 1990 ist nunmehr eine Stagnation oder ein Rückgang der Studentenzahlen und eine Verminderung des Studienangebotes festzustellen. Die klassische Literaturwissenschaft ist im Rückzug gegenüber „angewandten Studiengängen“, wo Deutsch häufig nur als Zweitfach belegt wird, oder Studiengängen „Dolmetschen und Übersetzen“.

Die Tagung diente dazu, eine länderübergreifende Vernetzung der mitteleuropäischen Nachwuchswissenschaftler im Bereich Germanistik untereinander und mit Vertetern bedeutender Institutionen zu initiieren sowie auf das deutsche literarische Erbe (Archive, Autoren, Zeitungen, Zeitschriften etc.) in ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten hinzuweisen. Es wurden einzelne Themenkomplexe exemplarisch behandelt, um Anregungen für eigene Forschungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Die Veranstaltung soll 2008 eine Fortsetzung erfahren.

Gustav Binder (KK)

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