Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1296.

Wenn die kleinen Ewigkeiten abklingen

Dann bröckelt selbst die Historie weg und es wird schwer, sich und anderen die Heimat vorzustellen

Wir reisen zwölf Tage lang durch das Banat. Von insgesamt neunzehn Teilnehmern waren achtzehn noch nie in dieser südosteuropäischen Ecke. In der allgemeinen Reiseplanung der Deutschen ist diese ja nicht eben erste Wahl, sondern wird eher von denen angepeilt, die überall sonst schon einmal gewesen sind und sich nun mal was außerhalb der Reihe einfallen lassen. Ich selbst komme aus dem Banat und gebe zu, daß es nicht ein Landstrich der Superlative ist. Ich will es den Besuchern nicht als touristische Sensation vermitteln, aber doch als ein Stück Europa, das es nicht verdient, ein weißer Fleck auf der Erlebniskarte des Kontinents zu bleiben. Meine Begleiter nennen es leichthin „dein Banat“.

Das macht mich verlegen, denn ich besitze nichts in diesem von Marosch, Theiß, Donau und Karpaten eingegrenzten Gebiet, abgesehen von Erinnerungen, und auch diese sind aus einer anderen Zeit. Ist denn der Himmel über dem Land mein? Sind es die Feldblumen auf den Äckern? Aus der mangelhaft gepflegten Flur drängen sie gegen die Dörfer an, greifen auf die Friedhöfe über, nisten sich auf verlassenen Grabhügeln ein und blühen dort unbekümmert unter der Sommersonne: Klatschmohn. Kornblumen, Wegwarte und Ackerwinde. Die alten Bauern, könnten sie es sehen, wären entsetzt darüber – aber so schön wie jetzt, wage ich zu sagen, waren die Gräber noch nie. Die unerbittliche Vergänglichkeit unserer Tage ist überdeckt von einem sanften, fast fröhlichen Wandel, der dem Tod die Strenge stiehlt. Sind diese Gräber mein?

In der Dorfmitte versuche ich meinen Begleitern die gewachsene Struktur und ihre ehemalige Sinnhaftigkeit zu vermitteln: die Kirche aus dem 18. Jahrhundert, daneben Pfarrhaus und die Ruine der Knabenschule, gegenüber die einsturzgefährdete Mädchenschule im einstigen Kloster, das Gemeindeamt an der Ecke und, benachbart dazu, die Stellen, wo sich das Ansiedlerhaus befand und, breit hingelagert, das Große Wirtshaus mit Tanzdiele. Kein Stein erinnert heute noch daran, und bald wird auch über die alte Knabenschule und über das Kloster Gras wachsen. Welchen Anspruch könnte ich geltend machen, wenn die Historie wegbröckelt? Die heutigen Bewohner verweisen auf das, was neu hinzukommt; das Alte zu bewahren ist ihre Sache nicht. Wir finden deshalb so recht nicht zueinander, und ich meine, auch wenn sie den alten pfälzischen Dialekt meines Dorfes sprächen, blieben sie mir in gewisser Weise fremd.

Draußen am Fluß kommt mir der Uferwald ausgedünnt vor, die Häuschen wirken schmächtig, die Plätte hängt schief und teilnahmslos am Seil, der Uferweg zum Haus des Malers Franz Ferch ist abhanden gekommen. Seine schönsten Bilder sind hier entstanden. Sie hängen heute bei Landsleuten im Westen und in Übersee – in meinem Dorfe weiß ich keins. Ich schleppe die Besuchergruppe bis vors Atelierhaus des Malers, das sich auch in besseren Zeiten von den übrigen äußerlich kaum abhob. Es steht mit halbem Dach im Regen. Aus dem Bildstock blickt uns Sankt Petrus, der Hausheilige, wie sonst entgegen und wird doch nicht mehr gebraucht. Ich hatte vor, unter den alten Schießpappeln im Hof über den Maler und sein Werk zu berichten. Ich sage nur, daß er hier zu Hause war und in Freiburg im Breisgau begraben ist. Ein Kommentar ist entbehrlich.

„Ist denn der Himmel über dem Land mein? Sind es die Feldblumen auf den Äckern?“
Franz Ferch, Banater Heide

 In der schönen Stadt Temeswar präsentiere ich der Reisegruppe die „Banatia“, unsere einstige Schule, in der heute die Medizinische Fakultät untergebracht ist. Eine Gedenkinschrift erinnert daran. Sie war einst der Stolz der Banater Schwaben, wie anderes mehr mit Volksmitteln errichtet im Glauben an eine kleine Ewigkeit. Seit dem Abzug der Osmanen 1716 geistern solche kleine Ewigkeiten durch die Gedanken der Stadtplaner, Architekten, Förderer, Zerstörer und Verhinderer. Im Sinn und Widersinn der jeweils Mächtigen wurde gebaut und abgetragen, verändert und umgedeutet – uneins darüber, was eigentlich für die jeweilige kleine Ewigkeit zu bestimmen sei. Wer heute offenen Auges durch die Stadt Temeswar geht, bekommt vieles von dem zu sehen, was die alten und neuen Baumeister dem Stadtbild hinzugefügt oder auch nur zugefügt haben im Auftrag, die Akzente zu verlagern und veränderte Ansprüche im Stadtbild sichtbar zu machen. Was daraus zu lernen ist, hat der heutige Magistrat der ehemals freien Reichsstadt Temeswar erkannt und sich zu eigen gemacht – daß nämlich die ganze Geschichte der Stadt anzunehmen und zu vermitteln ist und daß es gerade ihre betont vielseitige Vergangenheit ist, was sie so unvergleichbar macht. Es ist Platz für alles, und erst alles zusammen macht die Stadt liebenswert. Die heute überwiegend rumänische Bevölkerung schreibt sich in dieser westlichsten Großstadt des Landes nicht nur von der geographischen Lage her, sondern vor allem im Bewußtsein einer besonderen urbanen Identität ihre mitteleuropäische Nahtstelle zu. Die Stadt bekennt sich zu ihrer Wahrheit, und das tut ihr gut.

Wir genießen diese Stadt – den Opernabend mit einer „Tosca“-Aufführung, die Abendgesellschaft im Café an der Lloyd-Zeile, die Blumen-Kneipe in der Altstadt, die süßen Spezialitäten in der Confiserie „Violeta“, die gepflegten Gärten und den Barock des 18. Jahrhunderts auf dem Domplatz. Wir übersehen indes nicht die Gedenkkreuze des Volksaufstandes gegen die kommunistische Diktatur, nicht die Bedürftigkeit vieler Bewohner und nicht den dringenden Sanierungsbedarf in der Altstadt. Ursache dafür ist nicht die mangelnde Einsicht, sondern schlichtweg das mangelnde Geld. Die neuen, mehr oder weniger qua europäischer Autorität verhängten Sparbeschlüsse machen die Mittel noch knapper und stellen die guten Vorsätze für die nahe Zukunft in Frage. Unsere guten Wünsche für die Stadt fallen ins Banale zurück, denn wo nicht auch übers Geld geredet wird, bleibt das Große utopisch.

Eine Wallfahrt in den Gnadenort Maria Radna bietet sich an. Es ist eine schöne Fahrt durch die Banater Hecke und dann im Tal der Marosch flußaufwärts. Die Weinberge steigen die Steilhänge herunter, in den Dörfern blühen die Linden. Es müßte eine gute Zeit zur Fürbitte sein. Verheißungsvoll ragen auf halber Höhe die Türme der Gnadenkirche in den Himmel, aber schon auf den Stufen zum Hauptportal wissen wir es, wie sehr und wie dringlich sie selbst auf Hilfe angewiesen ist. Andreas Reinhold – Küster und mehr in Maria Radna – zeigt uns Pracht und Elend des Bauwerks, und die Organistin an der Wegenstein-Orgel hellt den Raum bis unters Gewölbe musikalisch auf. Auf drei Etagen reihen sich die Devotionalien der Gläubigen als Dank für wunderbare Heilungen, für Schutz und Hilfe in höchster Not – in allen Sprachen des Landes, denn das Wunder der Gottesmutter von Radna diskriminiert nicht. Wir kommen am Türkenstein vorbei, der, ins Kirchenschiff eingefügt, die Schutzfunktion der Patronin legendär darstellt und dem nachgesagt wird, er schütze den, der ihn berührt. Es mögen konfessionelle Zweifel oder auch nur Achtlosigkeit gewesen sein, die einige meiner Begleiter davon abgehalten haben, die Hand auf den Wunderstein zu legen. Vielleicht ist auch die eigene Not nicht groß genug für ein Wunder. Wie aber, fragt man sich in Maria Radna, soll es ohne ein solches weitergehen?

Die Frage stellt sich in der alten Industriestadt Reschitza erneut. Das Hüttenwerk, einst der ganze Stolz der Stadt, überragt noch immer die Dächer und Türme, aber seine Zeit ist abgelaufen, und jeder weiß es. Bei den Behörden wird darüber nachgedacht, ob Reschitza für den Industrietourismus umgepolt werden könnte. Die alten Reschitzaer freilich, sofern es sie noch gibt und sie sich dazu äußern, sehen dahinter eher ein entwürdigendes Gruselkabinett. Aus Reschitza kamen schließlich neben Edelstählen ganze Generationen von Dampflokomotiven, Dieselaggregaten, Schiffsmotoren. Schön war die Stadt allerdings noch nie. Der Sozialismus erst hat, wenn auch vordergründig als politische Dominante, ein Stadtzentrum mit monumentaler Brunnenanlage zu errichten sich angemaßt und dabei die als hinderlich empfundene orthodoxe Kirche in den Hinterhof der neuen Hochhäuser abgedrängt. Schräg gegenüber setzen nun die Banken, junge Firmen und das Best Western Hotel moderne Akzente ins Stadtbild, flankiert von der neureichen Aufdringlichkeit überdekorierter Villen. Dennoch setzt sich der Eindruck fest, daß die Stadt noch nie so ohne Hoffnung war. Alle warten darauf, daß etwas geschieht, aber keiner weiß so recht, was geschehen könnte. „Wir sind Optimisten ohne Zuversicht“, wird orakelt.

Im Erholungsgebiet des Semenic-Plateaus, 1444 Meter über dem Meeresspiegel, bricht das Reschitza-Syndrom, landschaftlich überreizt, noch einmal schmerzhaft auf. Keine monumentale Geste von gestern, die hier nicht angenagt wäre vom Zerfall, und es ist keineswegs allein die verkommene Hotelarchitektur, die den Blick verleidet, es ist die Geste selbst, die stört und dem Ort seine Eigenheit nimmt. Eine Schafherde macht es sich auf der Bergwiese bequem und erinnert an die abhanden gekommene Ursprünglichkeit des Ortes. Das gewollt Monumentale erweist sich  am anfälligsten, wenn die damit verbundene Botschaft verschallt ist.

Eine Replik darauf erhalten wir auf dem benachbarten, eher verborgenen Hang, wo die Dorfstraße in Wolfsberg in schlichter Schönheit sozusagen zu einer neuen humanen Wirklichkeit führt. Im höchstgelegenen und wohl auch abseitigsten Banater Dorf ist unprogrammiert das geschehen, worum sich sonst Politiker, Ökonomen und Investoren gezielt und mit nur punktuellem Erfolg bemühen: die Revitalisierung eines gewachsenen Gemeinwesens auf neuer Grundlage. In Wolfsberg sieht es aus, als hätte sich nichts verändert, obwohl alles anders ist. Nichts stört indessen die charaktervolle Bescheidenheit der ansteigenden Dorfgasse, nichts will der Kirche den Rang ablaufen, und das kleine deutsch-böhmische Heimatmuseum zur Rechten sieht sich in einer unkomplizierten Kontinuität, ohne in Widerspruch zur Gegenwart zu geraten. Die heutigen Wolfsberger sind meist keine solchen, weil sie fernab in den großen Städten wohnen, und sie sind es doch, weil sie hier mehr als nur Sommergäste sind, Nachbarschaften pflegen und dem Bergdorf weder seine Originalität noch seine kleine Würde nehmen.

Mitten im Dorf hat Gigi seinen Gasthof „La rascruce“ („An der Kreuzung“) eingerichtet – eher heutig als modisch, geräumig, aber nicht wuchtig. Die Gaststube landläufig, die Gerichte einfach und gut. Man kommt hier leicht ins Gespräch und bleibt gern ein wenig länger als gedacht. Nirgendwo liegt hier ein Wunderstein, der, wie in Maria Radna, zur Wiederkehr verhelfen soll. Wir wissen es ohnehin, dass wir wieder nach Wolfsberg kommen werden, übers Wochenende oder auch für einen ganzen langen Bergsommer. Gern sagen wir es weiter, unseren Freunden und auch in den vielen Banater Dörfern, die nichts mit sich anzufangen wissen. Ein Modell Wolfsberg gibt es freilich nicht. Was hier erhaltend, vielleicht sogar fördernd wirksam war, ist nicht übertragbar. Mitzunehmen wäre möglicherweise das notwendige Quentchen Zuversicht, daß nicht alles zu Ende sein muß, wenn nichts mehr weiterzugehen scheint. Es geht nämlich weiter, wenn auch nicht in derselben Richtung.                  

Franz Heinz (KK)

 

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