Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1281.

Wenn Gefühle der Zugehörigkeit zum „Knäuel“ werden

„Wenn es nur nationale und ethnische Mischfamilien gäbe, stünde es um Europa sicher viel besser." Zu diesem Schluß kommt die niederländische Journalistin Annemieke Hendriks in ihrer unterhaltsam geschriebenen Dokumentation „Unheile Heimat – Eine Reise zu Familien in der Mitte Europas". Es handelt sich dabei um Momentaufnahmen aus dem Leben von sechs Familien, 20 Jahre nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs. Das Besondere an diesen Familien ist, daß ihre Mitglieder verschiedenen Nationalitäten bzw. Volksgruppen angehören oder daß sie in (Grenz-)Regionen leben, die eine besonders bewegte und wechselhafte Geschichte haben. Die Schauplätze reichen von Lettland über Polen, Deutschland, Österreich, Ungarn bis nach Rumänien.

Die Einblicke in das Leben dieser Familien zeigen die alltäglichen Hürden und Erfolge im mühsamen Prozeß der europäischen Einigung an den Schnittstellen zwischen West und Ost. Durch ihre Multinationalität und ihre Lebensumstände sind diese Familien zwar nicht als durchschnittlich zu bezeichnen. Aber an ihren Geschichten werden die „Verrücktheiten" der Kriegs- und Nachkriegsereignisse in diesem Teil Europas besonders deutlich. Da wird eine russisch-lettische Diplomatenfamilie vorgestellt, die in Lettland lebt und nach Erfahrungen in anderen Ländern „auf so manches unverarbeitete Trauma" und auf vielerlei Unfreundlichkeit nach „Sowjetart" stößt. Ein polnisch-niederländisches Paar erfährt die unbewältigten Ängste und das Mißtrauen der polnischen Nachbarschaft auf einem von deutschen Vertriebenen zurückgelassenen Bauernhof in Schlesien. Der Alltag des jungen deutsch-polnischen Homosexuellenpaares, das in Wiesbaden lebt, ist durch seine Verbindungen in den mitteleuropäischen Grenzraum geprägt. Eine „Kärntner-slowenische Großfamilie" im Grenzgebiet zwischen Österreich und Slowenien muß mit äußerst widersprüchlichen Erinnerungen an Nationalsozialisten und jugoslawische Partisanen zurechtkommen. Die Sehnsüchte und (Arbeits-)Aufenthalte einer deutsch-ungarischen Familie in Pécs (Fünfkirchen) schwanken zwischen beiden „Heimatländern" hin und her. Und im nördlichen Siebenbürgen kämpft eine rumänische Bürgermeisterin donauschwäbischer Herkunft und ungarischer Muttersprache um die Rückkehr der nach Deutschland ausgewanderten schwäbischen Hofbauern und um EU-Fördergelder für eine Kanalisation und ein Freizeitzentrum.

Mit ihren dokumentarischen Alltagsgeschichten gibt Annemieke Hendriks Einblicke in höchst verschlungene persönliche und historische Zusammenhänge. Die beschriebenen Familien fühlen sich oft in mehreren Staaten zu Hause, haben aber ihre Heimat (noch) nicht gefunden. „Ihre Tochter, welche nationale Identität hat sie denn gefühlsmäßig?" wird die rumänische Bürgermeisterin gefragt. „Oje, das ist schwer, ich weiß es nicht", antwortet sie. Die Tochter sei 1983 geboren, habe nie eine ungarisch- oder rumänischsprachige Schule besucht, nur deutschsprachige, aber gemeinsam mit ethnischen Rumänen. Zu Hause werde ungarisch geredet. „Ja, wie fühlt sie sich wohl? Ich müßte mal nachfragen." Für das österreichisch-slowenische Familienoberhaupt ist die Vergangenheit ein „Knäuel von Gefühlen". „Was dabei herauskommt, wird nicht schwarz-weiß genug sein. … Aber die Wahrheit hat nun mal Grautöne."

„Familien multiethnischer und multinationaler Herkunft vermögen es besser als andere, widersprüchliche Erinnerungskulturen zusammenzufügen", schreibt die Autorin. Das ist wahrscheinlich richtig. Aber daraus zu schließen, daß es besser um Europa stünde, wenn es nur Mischfamilien gäbe, geht sicher zu weit. Tatsache ist, daß in den besagten östlichen Grenzregionen über Jahrhunderte Angehörige von Völkern und Volksgruppen neben- und miteinander lebten, die vielsprachig und multikulturell waren, sich in guten Zeiten gegenseitig tolerierten, ergänzten und bereicherten und so eine Vorstellung von einem idealen europäischen Zusammenleben vermitteln konnten.

Ute Flögel (KK)

Annemieke Hendriks: Unheile Heimat. Eine Reise zu Familien in der Mitte Europas. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2009. 336 S., 20 Euro

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