Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1374.

„Wenn wir hineinschauen, schwindelt es uns“

Geschichte und Erinnerung an dem kaum bekannten Vernichtungsort Malyi Trostenez

seite7_kk1374

Der Schnee nimmt dem Ort nichts von seiner Schwärze: Gedenkstätte Malyi Trostenez Bild aus der Ausstellung

Wer kennt ihn nicht, den Beifall heischenden Stoßseufzer aus der Mitte der schweigenden Mehrheit der sogenannten Zivilgesellschaft: „Wann hört das endlich auf?!“ Gemeint sind nicht die gegenwärtigen Elendsnachrichten über millionenfache Flüchtlingsschicksale und Christenverfolgungen oder die täglich eintreffenden Berichte über Terror und Gewalt. Nein, es geht um das öffentliche und veröffentlichte Erinnern an die Verbrechen von Deutschen, die 2016/17 nach dem Beginn des Vernichtungskrieges der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941 fünfundsiebzig Jahre zurückliegen. Mehr als mancher Politiker sich eingestehen mag, sind die auch im Fernsehen übertragenen Gedenkveranstaltungen eher zur Verdrossenheit des Bürgers beitragende Störungen der Behaglichkeit, des Wohllebens, die nicht in eine laute, indifferente Spaßgesellschaft und schon gar nicht in die gerade beginnende „fünfte Jahreszeit“ (Karneval) passen.

Aber gerade deswegen ist es wichtig und richtig, den Deutschen von verantwortlicher Seite her immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, was möglich wurde, als ein ganzes Volk in die Abhängigkeit eines brutalen rassistischen Herrensystems geriet und dabei nicht nur halb Europa, sondern schließlich auch sich selbst fast auslöschte.
Vigilium pretium libertatis – Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit, der Grundlage von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, festgeschrieben im Grundgesetz. Diese Wachsamkeit erfordert auch das ständige Erinnern an das Ungeheuerliche, das einst in deutschem Namen möglich war.

Bundespräsident Gauck hat im ukrainischen Babij Jar nördlich von Kiew, einer Stätte, wo deutsche „Spezialeinheiten“ am 29. September 1941 an einem Tag in einer Schlucht 33 771 Juden hinmordeten, 75 Jahre später gesagt: „Wenn wir hineinschauen, schwindelt es uns. … Man kann die Schlucht zuschütten, wie es mit Babij Jar buchstäblich versucht worden ist. Die Erinnerung wird sich immer wieder Bahn brechen. … Sich der eigenen Geschichte zu stellen, den genauen Blick auf die Fakten zu wagen, eigener Schuld, eigenem Versagen nicht auszuweichen, ist ein generationsübergreifender Prozess, und er ist auch so viele Jahre nach dem Krieg nicht abgeschlossen.“ Man kann weiter folgern: Er wird nie abgeschlossen sein.

In der Woche vor dem deutschen Volkstrauertag wurde am 8. November 2016 in Hamburg die Ausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung“ eröffnet. Heutzutage wird am Volkstrauertag nicht nur der deutschen Opfer des Krieges, der Gefallenen, der Bombennächte, der geschändeten Frauen, der Opfer der Flucht und Vertreibung gedacht, sondern auch der Opfer der Deutschen, die sie vor allem in den Jahren 1941 bis 1944 in den Ländern Mittel- und Osteuropas millionenfach in den Tod getrieben haben, nicht Gegner in Kriegshandlungen, sondern Zivilisten, Frauen und Kinder, Alte und Schwache, die ermordet wurden, weil sie Juden, „Zigeuner“ (also Sinti und Roma), Russen, Ukrainer oder Belorussen waren.

Malyj Trostenez ist in Deutschland nahezu unbekannt. Es liegt in Belarus (Weißrussland) nahe der Hauptstadt Minsk. Dass dieses kleine, früher zur Sowjetunion gehörende Land mit heute 9,5 Millionen Einwohnern eine Region schauerlichster Vernichtungsorgien deutscher Polizei-, SS- und Wehrmachtskommandos war, weiß in Deutschland kaum jemand. Malyj Trostenez war nach Auschwitz, Majdanek und Treblinka einer der größten Vernichtungsorte des NS-Regimes, in der Sowjetunion war es der größte. Die Ausstellung berichtet über den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und die deutsche Besatzungspolitik in Belarus. Sie schildert mit historischem Bildmaterial die Situation in Malyj Trostenez, das dortige Zwangsarbeitslager, den Vernichtungsort Blagowschtschina und die furchtbaren Morde in Schaschkowka und in einer Scheune, wo Tausende erschossen und verbrannt wurden. Besonders eindrücklich sind die Schicksale von Zeitzeugen wie Fjodor Schuwajew (1921–1989), Hanuš Münz (1910–2010) und Nikolaj Walachonowitsch (1917–1989) und der exemplarischen Opfer Zyra Goldina (1902–1942), der Dichterin Lili Grün (1904–1942), Erich Klibansky (1900–1942) und Jewgenij Klumow (1876–1944).

Lili Grün kommt am 3. Februar 1904 in Wien zur Welt. Sie interessiert sich für Theater und Literatur, zieht 1931 nach Berlin, schreibt Artikel und Gedichte, gründet mit anderen Künstlern das Kabarett „Die Brücke“ und kehrt nach Aufenthalten in Prag und Paris 1933 nach Wien zurück. Dort erscheint ihr Roman „Herz über Bord“. Die „Vossische Zeitung“ berichtet am 7. Mai 1931 über einen Auftritt „Lilly“ Grüns und ihre „witzig-sentimentalen Gedichte“ im Kabarett „Die Brücke“, wo sie mit Schauspielern wie Ernst Busch (1900–1980) auftritt. Für ihren Lebensunterhalt arbeitet sie tagsüber in einer Konditorei. – Als Jüdin erhält sie 1938 Publikationsverbot, muss 1940 ihre Wohnung aufgeben, wird am 27. Mai 1942 von Wien nach Minsk deportiert und am 1. Juni in Blagowschtschina ermordet.

Erich Klibansky wächst in einer orthodoxen jüdischen Familie in Frankfurt am Main auf. 1928 heiratet er die Hamburgerin Meta David (1902–1942). Die beiden ziehen nach Köln, wo Erich Klibansky 1929 Direktor des Jawne-Gymnasiums wird, des ersten, 1919 gegründeten jüdischen Gymnasiums im Rheinland. Nach den Pogromen 1938 entschließt sich Klibansky, die Schule nach Großbritannien zu verlegen. Für 130 Schüler organisiert er die Ausreise. – Am 1. Juli 1942 wird die Schule geschlossen, das Ehepaar wird mit seinen Söhnen Hans-Raphael, Alexander und Michael und 100 Jawne-Schülern nach Minsk deportiert. Der Transport am 20. Juli 1942 umfasst 1164 Juden aus Köln und Umgebung. Vier Tage später erreicht er Minsk, wo die Menschen in Blagowschtschina erschossen oder auf dem Weg dorthin in Gaswagen getötet werden.

Hanuš Münz kommt in einer tschechisch-jüdischen Familie in Prag zu Welt. Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938 kommt eine geplante Flucht nach Norwegen nicht zustande. 1941 wird Münz ins Ghetto Theresienstadt verschleppt und am 25. August 1942 mit 1000 Juden nach Malyj Trostenez deportiert. Nach drei Tagen erreicht der Transport Blagowschtschina, wo fast alle in Gaswagen ermordet oder erschossen werden. Nur 22, darunter Münz, werden zur Zwangsarbeit ausgewählt. 1943 gelingt Münz die Flucht; er schließt sich den Partisanen an und kämpft in ihren Reihen bis Juli 1944, anschließend in der Roten Armee bis Kriegsende. 1945 kehrt Münz in die Tschechoslowakei zurück, heiratet und eröffnet eine Zahnarztpraxis. Er stirbt fast 100jährig im Jahr 2010.

Die Ausstellung, die zugleich in Belarus und in Deutschland gezeigt wird, ist vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) Dortmund und der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte „Johannes Rau“ (IBB) Minsk in Zusammenarbeit mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas Berlin erarbeitet worden.

Dieser Zusammenarbeit ist auch der sorgfältig bearbeitete Katalog zu verdanken, der zahlreiche historische Fotos und aufschlussreiche Karten enthält.  Die Herausgeber Peter Junge-Wentrup (IBB Dortmund), Uwe Neumärker (Stiftung Denkmal) und Viktor Balakirev (IBB Minsk) weisen in ihrer Einleitung darauf hin, dass sich die beiden IBB „zu Stätten der Begegnung, des menschlichen und wissenschaftlichen Austausches und der Versöhnung“ entwickeln. Der letzte von insgesamt neun Gedenksteinen am Rande des früheren jüdischen Friedhofs in Minsk gegenüber der Geschichtswerkstatt wurde 2015 errichtet. Die Gedenksteine für Berlin (2009) und Königsberg (2015) hat die Stiftung Denkmal initiiert (vgl. KK 1358). Im Halbrund der Gedenksteine wird außerdem der ermordeten Juden aus Bremen, Hamburg, Köln/Bonn, Düsseldorf, Wien, Frankfurt am Main und Brünn (Brno) gedacht.

Der Katalog widmet sich abschließend der Aufarbeitung und Erinnerung in Malyj Trostenez, Belarus und Deutschland. Unter „Perspektiven“ resümieren die Herausgeber: „Die belarussisch-deutsche Verständigung und Versöhnung hat mit der Erarbeitung dieser Ausstellung durch Historiker beider Länder eine weitere Festigung und einen Vertrauenszuwachs erfahren. Angesichts des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, unter dem das Gebiet des heutigen Belarus am meisten gelitten hat, ist dieses Ergebnis keineswegs selbstverständlich und die deutsche Seite dafür dankbar.“
Übrigens sind die Kenntnisse über Malyj Trostenez weitgehend den Berichten der sowjetischen Sonderkommission zur Untersuchung von NS-Verbrechen zu verdanken.

Diese traf bereits am 14. Juli 1944 in Malyj Trostenez ein und fand in der ausgebrannten Scheune am Rande der ehemaligen Sowjetkolchose „Karl Marx“ die verkohlten Leichen hunderter Kinder, Frauen und Männer. Im nahegelegenen Waldstück Blagowschtschina wurden 34 Massengräber voller menschlicher Überreste und Asche gefunden und am Vernichtungsort in Schaschkowka die Leichen Tausender Opfer. Die Kommission kam zu dem Schluss, das Trostenez die größte nationalsozialistische Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der Sowjetunion war.

Klaus Weigelt (KK)

«

»