Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1334.

Wer fragt, hat recht

„Wo ist meine Heimat?“, fragt die Jugend bei der Ackermann-Gemeinde

„Wo ist meine Heimat?“ Dieser Frage gingen rund 50 Jugendliche zwischen 15 und Anfang 20 Jahren aus Deutschland, Tschechien und der Slowakei bei der traditionellen Politischen Weiterbildungswoche der Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde nach. Sozusagen eine neue Heimat dieser Veranstaltung war in diesem Jahr das niederbayerische Kloster Niederaltaich, in dem die Liturgie sowohl im katholischen als auch im ostkirchlichen Ritus gefeiert wird. Und das Mitfeiern gehört bei dieser Veranstaltung für die Jugendlichen seit jeher dazu.

„Wo ist meine Heimat?“ So beginnt der Text der tschechischen Nationalhymne. In der Bayernhymne heißt es unter anderem „Heimaterde, Vaterland“. Doch wie sehen junge Deutsche, Slowaken und Tschechen, die sich heute gleichermaßen in Deutschland und Tschechien und der Slowakei bewegen, diesen Begriff, was empfinden sie dabei? Die 21-jährige Architekturstudentin Terezie Sedlinska aus Brünn/Brno studiert seit acht Monaten in Nürnberg und hat einen deutschen Freund. Für sie ist Tschechien Heimat – wegen der Sprache, weil sie dort geboren und aufgewachsen ist. „In der Muttersprache habe ich viel mehr Wörter, viel mehr Nuancen. Doch wenn man länger im Ausland ist, vergisst man schon mal etwas“, stellt sie fest. „Die Seele ist eher tschechisch, ich werde mich immer als Tschechin fühlen. Wenn ich nicht in Tschechien bin, dann bin ich stolz darauf, Tschechin zu sein. Wenn ich zuhause bin, dann sehe ich den einen oder anderen Nachteil“, konkretisiert die Studentin.

Nicht weit von der bayerisch-tschechischen Grenze, in Neukirchen beim Heiligen Blut, ist der 22-jährige Lehramtsstudent Christoph Mauerer zu Hause. Er verbindet Heimat zunächst mit „Bayern“ und dem Heimatdialekt. Doch seit er in Prag bei den Salesianern einen sogenannten Europäischen Freiwilligendienst abgeleistet hat, ist auch der Prager Stadtteil, in dem er lebte und arbeitete, für ihn eine Heimat geworden. „Die Mentalitäten sind in Bayern, Österreich, Böhmen und Mähren ähnlich“, erläutert Mauerer, der sich daher auch als „Mitteleuropäer“ fühlt. Und ähnlich wie Terezie Sedlinska ist auch für ihn die Sprache als Vermittlerin von Emotionen wichtig.

Wer-fragt-hat-rechtDoch Sprache vermittelt auch Information und Wissen. Und diese Aspekte standen in unterschiedlicher Form vom Mittwochabend bis zum Montag natürlich im Mittelpunkt – zum Tagungsthema, zu den Gottesdiensten und bei den weiteren Angeboten wie dem Kulturabend und der sogenannten Hoflesung. Wohlgemerkt, alles in deutscher und tschechischer Sprache, zwar nicht simultan, aber abschnittsweise übersetzt. Eine Höchstleistung der jungen Dolmetscherinnen und Dolmetscher. Denn die behandelten Themen waren nicht immer eine einfache Materie.

Einen Schwerpunkt bildete am Samstag die Thematik „Verblieben in der Heimat“. Susanne Beckmann und Dirk Plamböck stellten die Wanderausstellung vor, die erstmals 2009 in Prag gezeigt wurde. Bei dieser Ausstellung geht es um die bis heute verbliebene deutsche Minderheit in der Tschechischen Republik. In Kooperation mit der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien wurden zehn Personen ausgewählt, die in ausführlichen Interviews ihren Alltag schilderten und ihre Motive zum Bleiben verdeutlichten. Mittels einer Powerpoint-Präsentation und anhand von Informationen über deren Entstehung stellten Plamböck und Beckmann die Lebensgeschichten vor. „Jeder hat eine andere Geschichte“, gaben sie an die Teilnehmer des Kurses weiter. Aber auch die Arbeiten hinter der Ausstellung (Interviewführung und -transkription, Fotomotive, Plakat, Ausstellungseröffnung usw.) stellten die Referenten dar. „Uns war wichtig, dass die Jugendlichen diesen Aspekt historisch einordnen können“, meinte Plamböck, der die Fotos gemacht hat, nach dieser Arbeitseinheit. „Gut ist aber auch, dass die Jugendlichen diese Thematik anhand persönlicher Geschichten kennengelernt haben“, fand Susanne Beckmann.

Weitere Themen waren der Konflikt im Nahen Osten und seine Vorgeschichte („Das Heilige Land als Heimat zweier Völker“), ein Rollenspiel, in dem das Thema Flucht und Migration auf die lokale Ebene eines Dorfes heruntergebrochen wurde, ein Film zum Thema „Heimat/Familie“ sowie mehrere Arbeitseinheiten der kreativen Arbeitskreise. Und auch die Statios, d. h. die religiös-meditativen Einstiege am Morgen beschäftigten sich mit dem Thema. So wurde beispielsweise aus dem Alten Testament Abrahams Wegzug aus seiner Heimat vorgelesen und darüber gesprochen.

Übrigens war diese Weiterbildungswoche in gewisser Weise auch eine Fortführung der Thematik „Märchen, Mythen und Legenden“ von der Plasto-Fantasto-Kinderbegegnung im Sommer letzten Jahres in Haidmühle, wo das Thema Identität bereits einen Schwerpunkt bildete. Damit wird deutlich, dass die Veranstaltungen der Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde ineinandergreifen, andererseits aber auch die Zusammenarbeit zwischen dem tschechischen Jugendverband Spirála und der Jungen Aktion harmonisch funktioniert.

Markus Bauer (KK)

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