Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1288.

Wer hat das Meißener Porzellan erfunden?

Falsche Angaben darüber, die auf ideologische Verzerrungen zurückgehen, halten sich bis heute

Die Staaliche Porzellan-Manufaktur Meißen begeht im Jahre 2010 ihr 300. Jubiläum mit einer das ganze Jahr über in Meißen gezeigten, die Geschichte der 300jährigen Produktion in verschiedenen Abteilungen wiedergebenden Ausstellung.

Als das Zweite Deutsche Fernsehen in den abendlichen „heute“-Nachrichten über die Eröffnung dieser Ausstellung berichtete, wurde als Erfinder dieses ersten europäischen Porzellans der Gehilfe Friedrich August Böttger genannt, der ein Alchemist war und nach seiner Flucht aus Preußen 1701 am Hofe Augusts des Starken eine Anstellung in dem Bereich der Versuche zur Gold- und später zur Pozellanherstellung fand. Er war dem Naturforscher Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, der seit 1696 in Diensten Augusts des Starken stand, unterstellt.

Zur Zeit des „Arbeiter- und Bauernstaates“ DDR sollte kein Adliger eine so bedeutende Erfindung wie die des europäischen Porzellans gemacht haben. So galt fortan Friedrich August Böttger, dessen zweifellos vorhandene Talente sich unter der Leitung von Herrn von Tschirnhaus entwickelt hatten, als Erfinder des Meißener Porzellans. Die Wahrheit ist, daß Böttger, kurz nach dem am 11. Oktober 1708 eingetretenen Tod von Tschirnhaus, nach dessen mehrfach verbesserten Rezepturen die Herstellung des Porzellans endlich gelang. So konnte 1710 in Meißen die Produktion des „Weißen Goldes“ beginnen.

Der Name Tschirnhaus leitet sich von dem kleinen Flüßchen Tschirne zwischen Görlitzer Neiße und Queis ab, das eigentlich nur ein größerer Bach ist, aber in Zeiten der Schneeschmelze und der in Niederschlesien nicht selten auftretenden Sommerhochwasser zu einem reißenden Gewässer wird, das bei Sagan sein Wasser dem Bober zuführt. Ehrenfried Walther von Tschirnhaus ist am 10. April 1651 in Kieslingswalde östlich von Görlitz geboren, wo er später auch in Zusammenhang mit der Produktion von Glas naturwissenschaftliche Forschungen betrieben hat. Er hat wie sein Zeitgenosse Gottfried Wilhelm von Leibniz in Jena bei dem berühmten Philosophen und Physiker Erhart Weigel studiert und sich dann auf vielen Reisen durch Europa naturwissenschaftlich weitergebildet. Sein Werk zur Logik und Metaphysik trägt den für die frühe Epoche des Aufklärungszeitalters charakteristischen Titel „Medicina mentis“ (1686). Der Vater der Aufklärung in Deutschland, der aus Breslau stammende Christian Wolff, der in Halle und Marburg gewirkt hat, ist als junger Gelehrter persönlich mit Herrn von Tschirnhaus zusammengetroffen. Auch Wolff hatte seine Studien in Philosophie, Mathematik und Physik seit dem Wintersemester 1699/1700 in Jena betrieben, allerdings bei dem Nachfolger des inzwischen verstorbenen Weigel.

Die naturwissenschaftlichen Studien von Tschirnhaus sind freilich etwas ganz anderes als die Theosophie, wie wir sie in dem Werk von Jakob Böhme, dem Görlitzer Schuhmachermeister, der 1575 in Altseidenberg bei Görlitz geboren worden war, finden. Es ist typisch für die Anregung der Gedanken, die wir im schlesischen Vorgebirgsland und besonders in der schlesischen Oberlausitz antreffen, wo ja überhaupt wegen der Dunkelheit der Wälder und einer Bedrohung durch natürliche Gefahren ähnlich wie auch im Erzgebirge oder anderen deutschen Mittelgebirgen eine Neigung zum Sinnieren anzutreffen ist. Je nach dem Bildungsstand schlug sich dies in einer oft faszinierenden Gottsuche, deren konsequenter Phantasiegebrauch gerade bei Jakob Böhme nur bewundert werden kann, ebenso eindrucksvoll nieder wie in klar strukturierten wissenschaftlichen Bemühungen.

Um einen Einblick in die hohe Wertschätzung der Lebensleistung von Ehrenfried Walther von Tschirnhaus zu vermitteln, sei hier der Text abgedruckt, den sein Bruder auf den Grabstein hat setzen lassen: „Dem vornehmen und edlen Manne Herrn Ehrenfried Walther von Tschirnhaus Erbherrn auf Kieslingswalde und Stoltzenberg, Königlich Polnischem und Kurfürstlich Sächsischem Rat, Mitglied der Königlichen Akademie zu Paris, dem Fürsten der Philosophen, Naturforscher und Mathematiker seiner Zeit, der um der höheren Studien willen sechsmal Belgien, viermal Frankreich, einmal England, Italien, Sizilien und Malta in zwölfjährigen Reisen wißbegierig durchwanderte, die Kunst, die Wahrheit zu finden und für die Gesundheit zu sorgen, entdeckte, zur Unterstützung der Optik als erster überaus große Glaslinsen erfand, Jaspamethyste und Jasponyxe ebenso mit eigenen Maschinen schnitt und was die Gegenwart anstaunt, die Zukunft bewundern wird, der als erster Europäer die Methode der Herstellung durchsichtigen Porzellans jeder Farbe erfand, so daß es das Geschirr der Inder an Glanz und Härte übertraf, dem Ritter, der durch seine Verdienste um den Hof, die gemeinnützigen Wissenschaften und das Vaterland sich einen unsterblichen Namen erwarb, geboren am 10. April des Jahres 1651, gestorben am 11. Oktober 1708, dem schmerzlich vermißten Bruder setzte in Pietät dieses Denkmal sein einziger, tiefbetrübter Bruder Georg Albrecht von Tschirnhaus, Erbherr auf Oberschönfeld und Hartlieb.“

Eberhard Günter Schulz (KK)

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