Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1354.

Wer sie lernt, der lernt sie lieben

Sprachen schließen sich nicht aus – und niemanden, hat die russischsprachige Studentin Anna German auf Deutsch gelernt

Wer-sie-lerntAnna German erhielt den Ersten Preis beim Joseph-von-Eichendorff-Erzählwettbewerb der Deutschen Gesellschaft e. V., der als Motto die Worte des Dichters hat: „Schläft ein Lied in allen Dingen“. Bei der Preisverleihung hielt Hartmut Koschyk MdB, der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, die Laudatio für die drei Preisträgerinnen. Stellvertretend veröffentlichen wir die Geschichte von Anna German.

Anna German stammt aus Tscheljabinsk und ist 21 Jahre jung. Sie wurde in Kasli am Ostrand des südlichen Ural in Russland geboren. Sie studiert an der Staatlichen Universität Tscheljabinsk Linguistik und Übersetzungswissenschaft. Ihre Großeltern väterlicherseits sind Wolga- und Kaukasusdeutsche, ihre Mutter hat russische Wurzeln. Aus dieser Spannung nährt sich ihr Verhältnis zur deutschen Sprache und Kultur, das sie in ihrem Wettbewerbsaufsatz umreißt.

Mit dreizehn Jahren bin ich zum ersten Mal nach Deutschland gefahren und habe mich plötzlich in einer parallelen Realität wiedergefunden: Alles war unbegreiflich und für mich lähmend. Die Häuser, Menschen, Gerüche, Geräusche und sogar die Farben waren unbekannt und fremd. Auch die Sprache war neu für mich. Allerdings hat man mir danach erzählt, dass ich die deutsche Sprache nicht in Deutschland, sondern in Lisakowsk, einer kleinen Stadt im Norden Kasachstans, erstmals gehört habe. Mit sechs Monaten haben mich die Eltern nach Kasachstan zu unseren russlanddeutschen Verwandten mitgenommen, von denen die Mehrheit dann in den neunziger Jahren nach Deutschland umgezogen ist. Obwohl ich mich daran nicht erinnern kann, habe ich da in Lisakowsk die Sprache meiner Vorfahrer zum ersten Mal gehört. Doch nun in Deutschland, als ich einen ganzen Monat weit weg von meinem Zuhause war, habe ich mich mit der deutschen Sprache angefreundet. Sie ist zu meiner ersten linguistischen Liebe geworden – und „unermeßlich ist rechte Lieb“ („Der Glückliche“).

„Schläft ein Lied in allen Dingen“, schreibt Joseph Freiherr von Eichendorff. Viele poetische Lieder schlafen für mich im Deutschen, sogar in seiner Aussprache und Grammatik.

Wenn man mich fragt, warum ich die deutsche Sprache liebe, antworte ich, dass mir das Puzzeln viel Spaß macht. Die Sache ist die, dass die typische deutsche grammatische Struktur für mich kein Satzrahmen, sondern ein Satzpuzzle ist. Jeden Satz empfinde ich als ein Bild, das ich aus verstreuten Teilen zusammenstellen muss. Zum Beispiel muss man das Himmel-Puzzle mit dem Erde-Puzzle verbinden, um eine Landschaft zu sehen – genauso strebt der erste Satzrahmen nach dem anderen und lässt mich das zweite Element erwarten. „Ich habe“ –  auf der Handfläche liegt der erste Teil des Puzzles  – „dich so lange“ – mit den Fingerspitzen ertaste ich das fehlende Element – „nicht gesehen“. Und die Seele füllt sich mit der luftigen Freude an: Es hat geklappt, das Bild ist jetzt beisammen – am Bahnhofsvorplatz schließt ein sommersprossiger Junge ein lächelndes Mädchen in die Arme.

Dieses Puzzle-Gefühl ist für mich einzigartig, wenn ich es schaffe, die Sätze zusammenzusetzen. Es hat geklappt! Ähnliches fühle ich, wenn mein Bus rechtzeitig in der Haltestelle einfährt, die Zahl ohne Rest aufgeht, der Schlüssel zum Schloss passt, die Farbe gleichmäßig auf die Leinwand aufgetragen ist, der USB-Stick beim ersten Anlauf in den Port hineingeht und wenn sich die Stimme auf der höchsten Note öffnet. In solchen Momenten erstrahlt die Welt und ich tauche in reine Harmonie ein.

Nicht weniger erfreuen mich die deutschen Laute. Wenn ich sie ausspreche, fühle ich, dass sich meine Zunge, Stimmbänder und Lippen anders bewegen, und höre, wie sich die Stimme ändert. Und jeder Laut bringt besondere Gefühle mit: Das zärtliche „L“ ist weich und fein; das bescheidene „Ch“ haucht geheimnisvoll oder lacht leise und kokett; der dreiste Knacklaut überzeugt und ermutigt; das gedehnte „E“ lässt mich unwillkürlich lächeln; das kaum hörbare „H“ bittet mich, behutsamer zu sein, und das zitternde „R“ erinnert an das Schnurren eines Katers. Die Diphthonge schaukeln mich auf ihren Wellen, und bei langen Lauten genieße ich den Strom der Stimme. Die gespannten Konsonanten helfen mir, mich zu sammeln, und die Umlaute machen die Rede ungewöhnlich und eigenartig. Bei jedem Laut, jedem Wort fliegt der Schwarm verschiedener Gefühle durch meinen Körper. Sie verschwinden nicht, sondern werden immer deutlicher und lebendiger.

Natürlich ist die deutsche Sprache für mich mit meiner Familie verbunden. Leider sprechen viele meiner kleinen Verwandten in Deutschland kaum noch Russisch. Ich erinnere mich an die ärgerliche Hilflosigkeit, die ich erlebte, als mein kleiner Cousin auf meinen Knien saß und etwas ganz begeistert brabbelte, ich ihn aber weder verstand noch antworten konnte. Und als ich mit meiner Cousine und ihren Freunden Tee trank, lachte ich einfach, wenn die anderen lachten, ohne den Witz zu verstehen, und zeigte mit dummem Lächeln auf die Zuckerdose, ohne darum bitten zu können.

Das war vor elf Jahren, und jetzt haben wir Vettern und Cousinen schon drei gemeinsame Sprachen: Ich habe Deutsch gelernt, sie haben ihr Russisch verbessert, und zusammen lernen wir auch Englisch. Mit dreizehn Jahren sind mir allerdings immer wieder komische Situationen passiert, weil ich mich in Deutschland nicht verständigen konnte.

Einmal habe ich den Satz „Bitte fünf Normale“ auswendig gelernt und bin zu einer Bäckerei gegangen, um Brötchen zum Frühstück zu kaufen. Als ich meinen Satz fleißig artikuliert hatte, gab mir die Verkäuferin fünf Brötchen und fing an, über etwas zu reden. Ich stand allein an der Tür, nickte und drückte die Brötchen an die Brust. Zu Hause habe ich erfahren, dass es sich um eine Aktion handelte. Und am nächsten Tag, als ich wieder Brötchen kaufen wollte, hatte ich meinen einzigen deutschen Satz plötzlich vergessen und guckte verzweifelt auf die Schlange, die hinter mir wartete.

Nach dieser ersten Reise habe ich zu Hause in Russland mit aller Begeisterung zu lernen begonnen. Ich fühlte „ein tiefes Entzücken“ und wusste, „was ich will“ („Abend“). Ich wollte die deutsche Sprache lernen, um mich beim nächsten Mal locker und sicher zu fühlen, auch, um die deutsche Kultur kennen zu lernen und mich mit meinen kleinen Verwandten zu unterhalten, was ich mit dreizehn Jahren nicht geschafft hatte. Jetzt spreche und lese ich viel auf Deutsch, vor allem sind mir deutsche Gedichte lieb. Aber besonders freut es mich, dass ich manchmal auf Deutsch träume. Wenn ich am Morgen mit deutschen Wörtern aufstehe, fühle ich, dass meine Welt immer größer wird und ich immer glücklicher.

Anna German (KK)

«

»