Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1313.

Wer zählt die Völker, nennt die Namen…

Otto von Habsburg: Der Erinnerungsträger ist begraben, nicht aber die Erinnerung

Am 4. Juli dieses Jahres ist Otto von Habsburg, der Sohn des letzten Kaisers von Österreich, im Alter von 98 Jahren verstorben. Am 16. Juli erfolgte in einem feierlichen Akt unter großer öffentlicher Beteiligung seine Beisetzung in der Gruft der Kapuzinerkirche in Wien, der traditionsreichen Begräbnisstätte des Hauses Habsburg. In einem überkommenen Ritual wurden dabei im Zusammenhang mit dem Einlaßbegehren in die Kirche die mehr als zwei Dutzend historischen Herrschaftstitel des Verstorbenen vom Zeremoniar verkündet:

von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich; Apostolischer König von Ungarn; König von Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien; König von Jerusalem etc.; Erzherzog von Österreich; Großherzog von Toskana und Krakau; Herzog von Lothringen, von Salzburg, Steier, Kärnten, Krain und der Bukowina; Großfürst von Siebenbürgen; Markgraf von Mähren; Herzog von Ober- und Nieder-Schlesien, von Modena, Parma, Piacenza und Guastalla, von Auschwitz und Zator, von Teschen, Friaul, Ragusa und Zara; gefürsteter Graf von Habsburg und Tirol, von Kyburg, Görz und Gradiska; Fürst von Trient und Brixen; Markgraf von Ober- und Nieder-Lausitz und in Istrien; Graf von Hohenembs, Feldkirch, Bregenz, Sonnenberg etc.; Herr von Triest, von Catarro und auf der windischen Mark; Großwoiwode der Woiwodschaft Serbien etc. etc.

Hier sei zur historischen Illustration auf den Titel des „Herzogs von Ober- und Niederschlesien“ eingegangen.

Tatsächlich haben die Habsburger zweihundert Jahre lang, von 1526 bis 1740, ganz Schlesien regiert, dann nach dem Verlust seines größten Teils an Preußen bis 1918 nur noch den kleinen südlichen Landesteil, das sogenannte Österreichisch-Schlesien. Sie nannten sich jedoch – obwohl sie lediglich nur mehr einen Zipfel von Niederschlesien und den Südrand Oberschlesiens besaßen – weiterhin demonstrativ im großen Reichswappen wie in der Reichstitulatur „Herzöge von Ober- und Nieder-Schlesien“ und ließen das Oderland nicht aus den Augen, wie wiederholte Versuche, es wiederzuerlangen, erkennen lassen.

Am Ende des Ersten Weltkriegs ging die Donaumonarchie unter. Der Kaiser mußte mit seiner Familie einschließlich des fünfjährigen Thronfolgers Otto ins Exil gehen. Jetzt bei dessen Tod lebte die einstige weite Habsburgermonarchie für einen Augenblick in ihrer Titulatur wieder auf. Fortan wird es einen Titelträger „Herzog von Ober- und Niederschlesien“ nicht mehr geben. Was bleibt, ist die in vielen Bereichen durch die lange Habsburgerherrschaft geprägte reiche geistige und materielle Kunst und Kultur Schlesiens.

Bei einer persönlichen Begegnung mit Otto von Habsburg vor längerer Zeit konnte ich erfreut feststellen, daß er über Schlesien wohlinformiert und ihm sehr zugetan war. Dies zeigt sich auch in seinem lesenswerten Essay „Die heilige Hedwig von Schlesien und unsere Zeit“ von 1975.

Josef Joachim Menzel (KK)

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