Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1307.

wer@heimat.wo

Wer im Netz Halt sucht, verheddert sich

Der Laptop lag auf dem Boden, der Bildschirm wurde gnadenlos blau, alle Segelboote waren untergegangen, und es war still. Mein Sohn umarmte mich, wir standen da wie beim Begräbnis. Jemand ganz Nahestehender, ein täglicher Begleiter hatte mich verlassen, und seine Abwesenheit stieß mich in die Vorzeit zurück. Ein Urmensch hämmerte wild auf der toten Tastatur herum, ausgestoßen von der globalen Gemeinschaft fiel ich durch die Maschen des Netzes in eine kalte, haltlose Welt. Keine Datei, keine Mail, keine Liebe, keine Freundschaft, keine Arbeit. Mein Trauma des Exils meldete sich, die Verlustangst weckte alte Bilder vom Kalten Krieg: die Todeszone, der Eiserne Vorhang, die weite träge Donau, das Heimweh, und ich war wieder sprachlos und mußte bei den strengen Eidgenossen bei Null anfangen.

In einem Hinterhof beim Bahnhof nahm sich ein junger Secondo meiner Reintegration an. Das Genie lebt versteckt, hat kein scharfgeschnittenes edles Rittergesicht, und doch rettet er Unglückliche vor dem Verschwinden in der netzlosen Leere. Bescheiden ist er, meinen Gefühlsüberschwang, als ich die vertrauten Dateien als weiße Segel auf dem Bildschirm erblickte, nahm er zurückhaltend entgegen. Bloß ein scheues Lächeln, dieser Fluchthelfer ahnt nicht, daß er Ertrinkende aus den Fluten zieht, aus dem Nichts die Welt erschafft, die Verwirrten zum Kern des Seins zurückführt. Eine Medaille müsste man ihm verleihen, sein Name soll zum Begriff der Güte in den Modern Times werden, die unscheinbare dickliche Gestalt der Jugend als Vorbild dienen. Mit dem wieder zum Leben erweckten zarten Gerät auf dem Gepäckträger radelte ich nach Hause, fest entschlossen, daß unterwegs eher ein Lastwagen umkippen als der Laptop vom Rad fallen sollte.

Bald darauf mußte ich wieder Abschied nehmen von ihm, begab mich auf Lesereise in meine alte Heimat, wachte jeden Morgen in einem anderen Zimmer ohne Internetanschluß auf. Sah ich auf der Straße Schilder mit Pekárna, Cukrárna (Bäckerei, Süßwaren), roch ich wieder die Kindheit und verdrückte süsse Mehlspeisen mit Unmengen Mohn. Doch der berauschende mitteleuropäische Mohnkult konnte nicht mehr mit der Euphorie konkurrieren, die mich auf der Strasse irgendeiner tschechischen oder slowakischen Stadt beim Anblick eines gelben Schildes @internet überflutete. Das Belohnungssystem im Gehirn versprach Süßes, Aufregendes, Glückshormone Schwall um Schwall. Das selektive Gehirn hat offenbar nur gute Erfahrungen aus dem digitalen Raum gespeichert.

Früher, vor der grauen Zeit des Internets, galt das Glücksgefühl jenem Gerät, aus dem ein Klingeln kam. War ich auf Reportage über die Mafia im russischen Fernen Osten, starrte ich im Büro des Paten auf das süße schwarze Ding auf seinem Schreibtisch und fragte zitternd, schon tagelang auf Entzug, ob ich anrufen dürfe. Er nickte, und ich bekam meine Dosis. Oder das Glückshormon überschüttete mich bei dem metallenen Geräusch des Auf- und Zuklappens von Briefkästen, wenn in der Basler Friedensgasse um 11 Uhr der Briefträger vorbeikam. Später erkannte das Belohnungssystem das piepsende Geräusch des Faxgeräts.

Angekommen im Büro einer Universitätsdozentin, eines Radioredakteurs, meiner tschechischen oder slowakischen Verlegerin, fragte ich in diesem Winter immer wieder beschämt, ob ich meine Mails checken dürfe, im sehnlichen Verlangen nach einer Viertelstunde digitaler Intimität. Ich überspielte die Aufregung über das bevorstehende Glück, das aus der @heimat zu kommen versprach, bemüht, kühl zu wirken wie eine Geschäftsfrau, die bloß Termine im Kopf hat. Dabei trage ich die globale Vernetzung im Herzen, nein, umgekehrt, die feinen Gefäße umspannen das pochende kollektive Herz selbst.

Irena Brezná (KK)

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