Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1356.

Wie ganze Burgen gebacken wurden

Die Architekturausstellung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen macht Station in Stralsund

Wie-ganze-BurgenDer Raumeindruck der westlichen Vorhalle der Stralsunder St. Marienkirche ist überwältigend. Jedem Eintretenden zieht es den Blick sofort hoch zu den von großen Fenstern hell erleuchteten gotischen Gewölben, welche die schmale Halle in schwindelerregender Höhe überspannen. Senkt man den Blick wieder, so stößt man dort zurzeit auf zu Dreieckstelen zusammengestellte Tafeln, deren blaue Grundfarbe sich von dem warmen Rot der aus dem blassen Putz hervorbrechenden Backsteine effektvoll abhebt: Die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen präsentiert in St. Marien ihre Ausstellung „Backsteinarchitektur im Ostseeraum – Neue Perspektiven der Forschung“. Dass St. Marien, selbst herausragendes Beispiel dieser Architekturform, als erste Station der 36 großformatigen Tafeln der Ausstellung gewonnen werden konnte, erscheint als wahrer Glücksfall.

Zeugnisse sakraler und profaner Backsteinarchitektur prägen bis heute die Landschaften der südlichen Ostsee in besonderem Maße – von Lübeck über die mecklenburgische, pommersche, west- und ostpreußische Küste und ihr Hinterland bis weit hinauf ins Baltikum, aber auch in Dänemark und Schweden. Ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts errichtete man in der Region, der es an geeignetem Naturstein mangelte, monumentale Bauten aus rot bis gelb gebranntem Kunststein, perfektionierte man diese Technik bei der Errichtung künstlerisch ambitionierter Kathedralen, Kloster-, Stifts- und Pfarrkirchen, aber auch Burgen, Wehranlagen und Bürgerhäusern. Man schuf damit eine Tradition, die bis ins 19. und 20. Jahrhundert fortdauerte und immer noch nachwirkt.

Die Backsteinlandschaft des südlichen Ostseeraums als hochrangige europäische Kulturlandschaft ist heute keineswegs nur touristischer Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt, vielmehr auch wesentlicher Bestandteil der gemeinsamen kulturellen Identität der Bewohner. Spätestens seit der Wende von 1989/90 macht ihre wissenschaftliche Erforschung so auch nicht mehr an den neuzeitlichen nationalen Grenzen halt, sondern erweist sich als ein intensives völkerverbindendes Bemühen von Kunsthistorikern, Bauforschern und Historikern.

Gerade letzterer Aspekt ist für die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, die sich der Pflege und Weiterentwicklung des Kulturerbes des historischen deutschen Ostens verschrieben hat, wesentlicher Beweggrund für die seit Jahren betriebene Beschäftigung mit dieser Thematik in Form international besetzter Symposien und entsprechender Publikationen. Ergänzt wird dieses Bemühen aktuell durch die Ausstellung, die einen Einblick in die Forschung zur Backsteinarchitektur in Deutschland, Polen und weiteren Ländern bieten soll. Erarbeitet wurde sie unter der wissenschaftlichen Leitung von Professor Dr. Christofer Herrmann, Danzig, und Professor Dr. Matthias Müller, Mainz. Neben grundlegenden Informationen zur Technologie wird dabei exemplarisch das ganze Spektrum der sakralen und profanen Bauten vorgeführt, werden Fragen der Bauorganisation und -finanzierung sowie der Innenausstattung, nicht zuletzt auch die Problematik der Denkmalpflege bzw. der heutigen kirchlichen, touristischen oder kulturellen Nutzung behandelt.

Bei der Eröffnungsveranstaltung in St. Marien gaben der Bauforscher Dr. Tilo Schöfbeck, Schwerin, und der Kunsthistoriker Professor Dr. Herrmann Einblicke in ihre aktuelle Arbeit, beleuchteten die mittelalterliche Backsteinarchitektur aus unterschiedlichen Winkeln, zum einen anhand von Materialanalysen, zum anderen anhand der Auseinandersetzung mit den überlieferten Schriftquellen. Zwar entzauberten sie dabei in der Kunstwissenschaft verbreitete Mythen, wie etwa den des roten Backsteins als eines königlich-imperialen Symbols, doch vertieften sie bei den Zuhörern das Verständnis für die historische Einordnung der außerordentlichen Bauten, deren besonderer ästhetischer Reiz sich nicht zuletzt dann entfaltet, wenn sie, wie St. Marien bei der Eröffnungsveranstaltung, von der tiefstehenden Sonne angestrahlt werden.

Die Ausstellung wird an weiteren ausgewählten Orten in Deutschland und in einer polnischsprachigen Version unter dem Titel „Architektura ceglana na pobrzezu Bałtyku – Nowe perspektywy badan“ in Polen präsentiert werden. Nächste Station ist von Anfang Juni bis Ende August 2015 das Kulturzentrum Ostpreußen im Deutschordensschloss des fränkischen Ellingen.

Eine Broschüre mit den Ausstellungstafeln zum Preis von 4,80 Euro sowie ein reich bebilderter Katalog mit acht ergänzenden Aufsätzen zum Preis von 24,95 Euro sind an den Ausstellungsorten, im Buchhandel oder direkt über die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Kaiserstraße 113, 53113 Bonn, erhältlich. Weitere Informationen samt Einblicken in die Ausstellung bietet https://kulturportal-west-ost.eu/kulturstiftung.

Ernst Gierlich (KK)

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