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Ausgaben: Ausgabe 1393.

Wie hätte Avenarius einen Bahnhof ausgemalt?

Durch die Vielfalt seiner Ausstellungen eröffnet das Schlesische Museum zu Görlitz ungeahnte Perspektiven

Der Bleistift als Medium der Nachdenklichkeit: einer der Entwürfe für die Ausmalung der Kirche in Görbersdorf aus dem Nachlass des Künstlers J. M. Avenarius im Bestand der Görlitzer Sammlungen
Bild: Kulturhistorisches Museum Görlitz

Zur Erinnerung an den expressionistischen Maler, Grafiker und Illustrator Johannes Maximilian Avenarius (geboren 1887 in Greiffenberg/ Niederschlesien, verstorben 1954 in Berlin-Müggelheim) wurde vor kurzem im Gemeindekulturzentrum von Friedland/Mieroszow eine Ausstellung eröffnet.

Unter dem Titel „Das Paradies. Johannes Maximilian Avenarius – Kunstentdeckungen im Waldenburger Land“ dokumentieren 20 Bild-Text-Tafeln zusammen mit einer Auswahl von Reproduktionen Aspekte aus dem Leben und Wirken des Künstlers. Der Präsentationsschwerpunkt liegt auf der Zeit, die er in den 30er Jahren bis 1946 mit seiner Frau Anna Marie im Waldenburger Land verbrachte.

Zur Vernissage des Gemeinschaftsprojektes reiste eine Delegation der Kirchlichen Stiftung Evangelisches Schlesien und der Kulturreferentin für Schlesien im Kulturzentrum der Stadt Görlitz in die polnisch-tschechische Grenzregion. Der Bürgermeister der Gemeinde Friedland und Kai Wenzel vom Kulturhistorischen Museum der Stadt Görlitz führten in die Ausstellung ein. Die Kooperationspartner setzten übrigens bei diesem Vorhaben ihre Zusammenarbeit fort, die sie bereits mit der Restaurierung der Wandbilder in der früheren evangelischen Kapelle im Kurort Görbersdorf/Sokołowsko begonnen haben.

Avenarius hat sich u. a. mit Illustrationen zu Werken von Gerhart Hauptmann in der Kunstszene etabliert. Er gestaltete für den Schriftsteller auch dessen Haus Wiesenstein in Agnetendorf im Riesengebirge mit Wandgemälden aus. Beeindruckend ist vor allem die Eingangshalle, die den Namen „Paradieshalle“ trägt.

Der Dichter Ferdinand Avenarius vermittelte seinem Neffen eine künstlerische Ausbildung beim Dürerbund-Stipendiaten Karl Hanusch. Später studierte Avenarius in Dresden und München, er wurde zum Professor an der Staatlichen Kunstschule Plauen berufen. Er schuf sowohl in seiner schlesischen Heimat als auch nach der Flucht in Berlin-Köpenick Wandbilder für Kirchen. Was weniger bekannt sein dürfte, ist die Tatsache, dass der Künstler auch Gedichte und Erzählungen in schlesischer Mundart schrieb.

In den 30er Jahren erhielt Avenarius den Auftrag zur Ausmalung des Kircheninnenraums in Görbersdorf. Zum 50-jährigen Kirchbaujubiläum 1935 wurde der Bilderzyklus feierlich übergeben. Entwürfe zu diesen und anderen Wandbildern des Künstlers haben sich im Kulturhistorischen Museum der Stadt Görlitz erhalten, wo ein großer Teil seines Nachlasses aufbewahrt wird. Der Museumsmitarbeiter Kai Wenzel hat sich mit dem Leben und Werk des Künstlers beschäftigt und für die aktuelle Präsentation – die übrigens als Wanderausstellung konzipiert wurde – mehrere Zeichnungen ausgewählt.

Die Ausstellung ist bis zum 15. August 2018 im Gemeindekulturzentrum von Friedland/Mieroszow zu besichtigen.

Auch wenn das Jubiläumsjahr der Reformation inzwischen abgelaufen ist, wurde im Juni 2018 ein für Niederschlesien wichtiges 500. Jubiläum gefeiert: Die erste Predigt nach lutherischer Lehre in Schlesien wurde 1518 in Neukirch an der Katzbach auf der Burg derer von Zedlitz gehalten.

Einen Baum kann man auch bauen: die frühere evangelische Kapelle, heute katholische Pfarrkirche, Sokołowsko, Waldenburger Land
Bild: Mieroszowskie Centrum Kultury

Wie Dr. Annemarie Franke, die Kulturreferentin für Schlesien und Mitautorin der zweisprachigen deutsch-polnischen Wanderausstellung „Kirchfahrer, Buschprediger und betende Kinder. 500 Jahre evangelisches Leben in Schlesien“, mitteilte, hat die Schau einen festen Ort gefunden. Auf Bitte der Diözese Breslau der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen verbleibt eine der insgesamt drei Ausstellungsversionen als Dauerleihgabe im Eingangsbereich zur Aula des Evangelischen Martin-Luther-Zentrums für Diakonie und Bildung in Breslau. Zugleich mit der Einweihung einer neuen Behindertenwerkstatt für Erwachsene im diakonischen Zentrum an der Martin-Luther-Straße wurde auch die Reformations-Ausstellung eröffnet.

Vom 22. Juli bis zum 30. August 2018 wird im Muzeum Regionalne w Jaworze/Regionalmuseum Jauer eine zweite Version der Wanderausstellung zum Thema „Reformation“ zu sehen sein. Da die Schau auch zahlreiche Kirchen und Denkmäler abbildet, die heute noch in Schlesien erhalten sind, erwartet man vor Ort ein großes Besucherinteresse.

Ab 6. Juli wird im Schlesischen Museum zu Görlitz zusätzlich zur großen Eisenbahnausstellung „Achtung Zug!“ eine Sonderpräsentation zum Waggonbau eingerichtet. Gezeigt werden Fotografien, Modelle und Schilder rund um diesen wichtigen Wirtschaftszweig in Schlesien.

Laut Dr. Martin Kügler vom SMG belegen die historischen, bisher überwiegend unbekannten Fotografien aus dem Werksarchiv der Waggon- und Maschinenbau-Aktiengesellschaft (WUMAG) in Görlitz die großen technischen Leistungen des Unternehmens. Die Sammlung besteht aus 5000 Glasplatten und dokumentiert jeden Waggontyp, der in Görlitz von 1890 bis 1945 gebaut wurde. Das wohl weitgehend vollständige Archiv wurde kürzlich von dem heutigen Eigentümer der WUMAG, der Firma Bombardier Transportation GmbH, Standort Görlitz, auf Vermittlung des Schlesischen Museums dem Verkehrsmuseum Dresden kostenlos überlassen. Dort soll der gesamte Bestand in den nächsten Jahren digitalisiert, verzeichnet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Im Schlesischen Museum wird eine erste umfangreiche Exponaten-Auswahl gezeigt, die durch Bilder von den Werks- und Produktionsanlagen vor allem aus den 1920er Jahren vervollständigt wird. Modelle der Waggons aus der Sammlung von Ingo Wobst ergänzen das Bildmaterial.

Waggons und Lokomotiven wurden nicht nur in Görlitz gebaut. Dies wird anhand von rund 200 Waggonschildern von schlesischen sowie anderen deutschen und internationalen Firmen aus dem 19. und 20. Jahrhundert dokumentiert. Die Leihgaben des Muzeum Regionalne w Lubaniu/ Regionalmuseums in Lauban stammen überwiegend aus dem Reichsbahnausbesserungswerk Lauban (bis 1945) bzw. dem Zakłady Naprawcze Taboru Kolejowego (ZNTK) Luban der Polnischen Staatsbahnen PKP (bis 2000). Dort wurden über 100 Jahre lang Waggons aus Deutschland, Polen und den angrenzenden Ländern, repariert und mitunter auch stillgelegt, so dass die Waggonschilder dort verblieben.

Die Sonderpräsentation „Waggonbau in Schlesien” ist übrigens wie auch die Ausstellung „Achtung Zug! 175 Jahre Eisenbahn in Schlesien” bis zum 2. September 2018 zu besichtigen.

Dieter Göllner (KK)

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