Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1373.

Wie Kant seine Königsberger Klopse aß

Ausstellung zu Essen und Trinken, Identität und Integration der Deutschen des östlichen Europa in München

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Schon die Titel reden gleichsam Fraktur: Blick in die Ausstellung Bilder: Susanne Habel

93 Prozent aller Deutschen kennen Königsberger Klopse, wie in der Ausstellung „Kann Spuren von Heimat enthalten – Essen und Trinken, Identität und Integration der Deutschen des östlichen Europa“ im Haus des Deutschen Ostens in München (HDO) zu erfahren ist. Sind es aber die echten Königsberger Klopse, die bei uns auf den Speisekarten von Restaurants und Kantinen stehen? Manche ostdeutschen Gerichte haben sich dem Geschmack der Mittel- und Westdeutschen angepasst, sich sozusagen integriert. Denn was heute im Allgemeinen an Königsberger Klopsen angeboten wird, hat mit dem Original wenig gemein. Am Wohnort von Immanuel Kant gab es natürlich keinen Reis, er war es gewohnt, das beliebte Gericht mit dem Löffel zu essen, denn die leichten und flockigen Fleischbällchen mit den Kartoffeln schwammen in einer Kapernsoße und die Herstellung in der Küche konnte Stunden dauern, damit die süßsaure Mischung erzielt wurde.

Eine Kartoffel ziert die Einladung für die Ausstellung, über die Emilia Müller, bayerische Arbeits- und Sozialministerin, verantwortlich auch für Familie und Integration, die Schirmherrschaft übernommen hat. Ihr für die Fragen der Heimatvertriebenen zuständige Abteilungsleiter Ministerialdirigent Eugen Turi dankte daher in ihrem Namen bei der Ausstellungseröffnung dem HDO-Direktor Professor Andreas Otto Weber, seiner Stellvertreterin Brigitte Steinert und Patricia Erkenberg, die in die Ausstellung einführte, für die überaus gelungene Präsentation von Geschirr, Speisen, handgeschriebenen Rezepten, Kochbüchern, Getränken und die vielen Informationen, die auf designergerechten Stellwänden die kulinarischen Besonderheiten der jeweiligen Vertreibungsgebiete vorstellen. Essen und Trinken vermitteln Heimat und Geborgenheit.

„Das schmeckt ja wie zu Hause“ ist heute ein gern gehörtes Kompliment. Zu den zahlreichen Leihgebern gehören die Firmen Rügenwalder Mühle, Unilever und Schwermer mit ihrem Marzipan, das heute auch in Kaliningrad verkauft wird. Nicht zu vergessen sind die Karlsbader Oblaten. Der aus Königsberg stammende, nun in München ansässige Verlag Gräfe und Unzer bietet derzeit 300 Koch-Titel an.

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Prost und Mahlzeit: Text allein wäre recht trocken

Einkaufswagen in Supermärkten stammen von der sudetendeutschen Familie Wanzl.
Die Ausstellung ist vierfach gegliedert: 1. Ankunft der Vertriebenen in der Knappheit und der Spätaussiedler im Überfluss; 2. Im Supermarkt, deutsche Firmen, die wieder gegründet, und Produkte, die wieder hergestellt wurden; 3. Die Bedeutung der eigenen Küche für die Vertriebenen; 4. Hinweis auf die Gaststätte im HDO, die bereits seit langem für Vertriebene und Einheimische ost- und südosteuropäisch-deutsche Gerichte anbietet.

„Nicht nur Elche, Pferde und Kartoffeln“ hieß es bei den Infos über Ostpreußen, „Land des Segens“ stand für Siebenbürgen, oder „Schmelztiegel“ für die Bukowina. Nicht vergessen wurden das Schlesische Himmelreich, von „Knödeln und Gurken“ sowie Liwanzen war bei Böhmen und Mähren die Rede, von Goldwasser und Schirdewan bei Danzig.

Manche Essgewohnheiten der Vertriebenen lösten bei den Einheimischen Misstrauen und Spott aus. In Norddeutschland, wo man kaum Pilze kannte, waren die Neuankömmlinge die „Pilzsammler“, im Volksmund gab es „Knoblauchsiedlungen“ und „Knödelviertel“. Im Laufe der Zeit wurden aber gerade solche Zutaten auch bei Skeptikern beliebt.

Die Ausstellung ist bis zum 31. März 2017 Am Lilienberg 5 geöffnet. Das HDO-Journal 15/2016 geht ausführlich auf die Ausstellung ein. Ein künftiges Kochbuch des HDO soll Familienrezepte aus allen Regionen Ost- und Südosteuropas enthalten.

Die HDO-Ausstellung des Jahres 2015, „Mitgenommen – Heimat in Dingen“ wurde auf Tafeln zur Wanderausstellung, war auch in Ungarn und wird für eine tschechische Version bearbeitet, die nach Aussig gehen wird.

Norbert Matern (KK)

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