Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1391.

Wissen schafft

Hans-Jürgen Schuch hat es gelebt

Dem Ernst der Lage gewachsen sein heißt nicht, über den Dingen stehen, sondern stets mittendrin. Hans-Jürgen Schuch
Bilder: die Autorin

Eigentlich hatte Hans-Jürgen Schuch noch viel zu viele Pläne, als dass er hätte gehen können. So skizzierte er z. B. Mitte Februar vielfältige Vorhaben für das Copernicus-Jubiläum 2023. Und so werden die, die ihn kannten, ihn auch in Erinnerung behalten: stets voller Pläne und Ideen für neue Vorhaben, für Bewahrung von Kulturgut, für Erinnerung an die Geschichte des Weichsellandes und des gesamten deutschen Ostens, für die Kontakte zu den Menschen, die heute dort leben.

Zahllose Ehrenämter im Bereich der Vertriebenenarbeit, der Arbeit für Westpreußen und speziell für seine Heimatstadt Elbing hat er übernommen und über Jahrzehnte ausgefüllt. Ziemlich am Beginn dürfte in den 1950er Jahren seine Mitarbeit in der Bundesgruppe Westpreußen der Deutschen Jugend des Ostens (DJO) gestanden haben, bei der er auf manche Mitstreiter traf, mit denen er über Jahrzehnte zusammenarbeitete. Mit Hugo Rasmus an der Spitze wurde 1959 der Verein zur Förderung der westpreußischen Jugend gegründet, der das „Haus Weichselland“ in Meinsen bei Hannover kaufte – Hans-Jürgen Schuch war über 50 Jahre stellvertretender Vorsitzender des Vereins. Seminare von westpreußischen Gruppen fanden dort über Jahrzehnte statt.

Über sechs Jahrzehnte seines Lebens hat er in Nordrhein-Westfalen verbracht, seine Wurzeln jedoch liegen im Weichselland Westpreußen. Am 15. Juni 1930 in Elbing geboren, verlebte er prägende Jugendjahre in der alten Hansestadt. Viel gesprochen hat er über diese frühen Erfahrungen nicht, aber sein Handeln zeigt – die Heimat hat ihn nie losgelassen. Zahlreiche Reisen, die erste wohl schon 1958, führten ihn immer wieder nach Elbing und an die Weichsel. Von seinen dabei gewonnenen Kenntnissen profitierten später andere Teilnehmer ebenso zahlreicher von ihm geführter Busreisen. Mehrere Bücher, zahllose Zeitschriftenartikel, Rundfunkbeiträge und Vorträge, meist mit eigenen Fotos illustriert, zeugen von seinem Wissen über das Land an der Weichsel.

Ehrenämter und Beruf konnte er dabei ideal verbinden. Seit 1959 war er in der Bundesgeschäftsstelle der Landsmannschaft Westpreußen in Lübeck tätig, seit 1963 mit der Übersiedelung nach Münster – in das Gebiet des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe als Pate – als hauptamtlicher Bundesgeschäftsführer. In 36 Jahren unterstützte er sieben Bundessprecher, organisierte Bundestreffen, die in den 1960er Jahren noch von über 30 000 Menschen besucht wurden.

Ehrenamtlich übernahm er etliche Aufgaben für seine Heimatstadt Elbing, gab die „Elbinger Nachrichten“ heraus, das „Westpreußen-Jahrbuch“ – und betätigte sich gleichzeitig als deren Autor und Redakteur. Die Geschichte seiner Heimat hat ihn so stark beschäftigt, dass er 1961/62 auch Gründungsmitglied der Copernicus-Vereinigung für Geschichte und Landeskunde Westpreußens e. V. war, einer wissenschaftlichen Vereinigung, in deren Vorstand und als Autor zweier von ihr herausgegebenen Buchreihen er bis zuletzt aktiv mitarbeitete. Sein Einsatz war nicht nur vielfältig, sondern auch über lange Zeit konstant. Über 40 Jahre war er stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Westpreußen, die von seinen reichhaltigen Kenntnissen auch in ihren ehrenamtlichen Gremien profitieren wollte.

Er gehörte dem Vorstand der Kulturstiftung Westpreußen an, später dem Stiftungsrat. Über sein historisches Interesse gelangte er zum Sammeln von dinglichen Kulturgütern und war einer der Begründer des Westpreußischen Landesmuseums, das im Juli 1975 im Drostenhof zu Münster-Wolbeck eröffnet wurde. Fast natürlich, dass er auch dessen Gründungsdirektor war. Er leitete das Haus über 20 Jahre, gestaltete regelmäßig Sonderausstellungen und die dazugehörigen Kataloge. Eine Außenstelle des Museums entstand unter seiner Führung in Krockow im nördlichen Westpreußen. Für alle Projekte erreichte er finanzielle Unterstützung durch den Landschaftsverband und die zuständigen Bundeseinrichtungen. Heute ist das Westpreußische Landesmuseum mit seiner Außenstelle eine auch in Polen anerkannte Institution.

Hans-Jürgen Schuchs Vertikale: die Nikolaikirche in seiner Heimatstadt Elbing

Als ausgewiesener Kenner der Provinz Westpreußen machte er sich zugleich mit den Nachbarregionen vertraut, übernahm Aufgaben in übergreifenden Gremien, als Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung Nordostdeutsches Kulturwerk, als Mitglied der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung, im Kuratorium und im Stiftungsrat des Ostdeutschen Kulturrates (Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR), als Mitglied des Landesbeirats für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen beim Ministerium für Arbeit und Soziales NRW.

Unendlich viel Zeit hat er in alle diese Tätigkeiten investiert. Seine Familie, vor allem seine aus Danzig stammende Ehefrau, hat das mitgetragen. Energie, Beharrlichkeit, Genauigkeit bis ins Detail zeichneten ihn aus. Wenn er von einem Vorhaben überzeugt war, hat er es auch gegen Widerstände durchgesetzt. Dabei hat er sich nicht nur Freunde gemacht, aber immer wieder wurde er mit großer Mehrheit in Ämtern bestätigt, wurde ihm Respekt für sein Wissen und sein Engagement gezollt. Auszeichnungen und Ehrungen zeugen davon, darunter das Bundesverdienstkreuz am Bande 1986, das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse 2010. Münsters Regierungspräsident Dr. Peter Paziorek betonte damals in seiner Laudatio, Schuch sei „als Brückenbauer zwischen Deutschland und Polen anerkannt“. Speziell seine grenzüberschreitende Arbeit, sein Einsatz für die deutsche Minderheit in Polen, wurde damit gewürdigt. Kontaktpflege, Hilfen für Deutsche und für Polen in der Region oder Förderung von Handwerksbetrieben zählten zu Projekten der Landsmannschaft, waren jedoch am Einsatzort mit dem Namen von Hans-Jürgen Schuch verbunden.

Ein persönlicher Höhepunkt dürfte das Jahr 2003 gewesen sein, als er Ehrenbürger seiner Heimatstadt Elbing wurde. Seit der Wende von 1989 hatte er gute Kontakte zu den polnischen Stadtvätern aufgebaut, denen er bei der Erforschung der Vergangenheit ihrer Stadt und bei dem Wiederaufbau nach der kommunistischen Zeit hilfreich zur Seite stand.

Die Entwicklung der Landsmannschaft Westpreußen und zahlreicher verwandter Einrichtungen, von denen hier längst nicht alle genannt wurden, sind eng mit dem Lebensweg Hans-Jürgen Schuchs verbunden. Bei deren künftiger Arbeit werden seine Erfahrungen fehlen.

Am 14. März 2018 ist Hans-Jürgen Schuch in Münster gestorben.

Barbara Kämpfert (KK)

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