Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1354.

Wissen um die bösen und die guten Mächte

Dietrich Bonhoeffer, eines der letzten Opfer der Nazis, das sich der Rolle verweigerte

Wissen-um-die-BösenIm Jahr 1954, als ich 17 Jahre alt und Mitglied der Evangelischen Jugend in meiner Heimatstadt Rodach bei Coburg war, schenkte mir Pfarrer Heinz Prengel, der aus Breslau stammte, das Buch „Widerstand und Ergebung“ seines schlesischen Landsmanns Dietrich Bonhoeffer. Dieses schmale Buch mit dem Untertitel „Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft“ habe ich damals verschlungen, und das dort abgedruckte Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ beeindruckte mich ganz besonders.

Die Eltern überlebten die Exekution ihres Sohnes, von der sie freilich erst Wochen nach dem Kriegsende erfuhren. Das Ehepaar hatte acht Kinder, darunter das Zwillingspaar Dietrich und Sabine, geboren am 4. Februar 1906. Sechs Jahre später erhielt der Vater einen Ruf an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, und die Familie zog aus der schlesischen Provinz in die Reichshauptstadt. Der hochbegabte Dietrich Bonhoeffer wuchs nunmehr in Berlin auf und bestand mit 17 Jahren das Abitur am Grunewald-Gymnasium. Er studierte zunächst in Tübingen, dann in Rom und zuletzt in Berlin bei dem berühmten Theologen Adolf von Harnack, dessen Sohn Ernst und dessen Neffen Arvid und Falk später Widerstand gegen die Nationalsozialisten leisteten und dafür mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Schon im Alter von 21 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer mit „summa cum laude“ promoviert, die Dissertation trug den Titel „Sanctorum Communio. Eine Untersuchung zur Soziologie der Kirche“. Das Erste Theologische Examen folgte 1928. Danach wurde er als Vikar zur Evangelischen Kirchengemeinde nach Barcelona geschickt. Ein Jahr später schon wurde er Assistent an der Theologischen Fakultät der Berliner Universität, wo er 1930 das Zweite Theologische Examen ablegte und sich mit der Arbeit „Akt und Sein“ in Systematischer Theologie habilitieren konnte. Nach einem Jahr Pastoralarbeit im New Yorker Stadtteil Harlem wurde er in Berlin Assistent bei dem Neutestamentler Wilhelm Lütgert. In Berlin-Tiergarten wurde er 1931 zum Pfarrer ordiniert. In dieser Zeit begann er auch, sich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.

Die Freundschaft mit dem Schweizer Theologen Karl Barth, dem Begründer der „dialektischen Theologie“, bot ihm dabei unersetzliche Hilfe und seelischen Beistand. Der aus Basel stammende Gelehrte war einer der Mitbegründer der Bekennenden Kirche, verlor deshalb 1935 seinen Bonner Lehrstuhl und wurde ausgewiesen.

Das Jahr 1933 brachte für Dietrich Bonhoeffer eine tiefe Einschränkung seiner seelsorgerischen und theologischen Möglichkeiten. Sein Radiovortrag „Wandlungen des Führerbegriffs“ (1. Februar 1933) wurde wegen der Kritik am „Führer“ abgebrochen. In seinem Aufsatz „Die Kirche vor der Judenfrage“ (1933) kritisierte er den staatlich verordneten Antisemitismus, bevor er  1933/35 für anderthalb Jahre nach London ging. 1935/37 betreute er die Ausbildung von künftigen Pfarrern der Bekennenden Kirche im Predigerseminar Finkenwalde bei Stettin. Das Predigerseminar wurde 1937 von den Nationalsozialisten geschlossen.

Über seinen  Schwager Hans von Dohnanyi, der am Reichsgericht in Leipzig arbeitete, fand Dietrich Bonhoeffer erste Kontakte zu Widerstandskreisen und lernte Wilhelm Canaris und Ludwig Beck kennen. Mit Helmuth von Moltke, dem Gründer des Kreisauer Kreises in Schlesien, bereiste er 1940 Norwegen, Schweden und die Schweiz. Zur Jahreswende 1942/43 schrieb er den Rechenschaftsbericht „Nach zehn Jahren“, worin er seine Position im Widerstand überprüfte. Am 13. Januar 1943 verlobte er sich mit Maria von Wedemeyer, der Tochter eines ostpreußischen Gutsbesitzers. Am 5. April wurde er verhaftet.

Am selben Tag verfügte Adolf Hitler die Hinrichtung der noch lebenden Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944, darunter auch die Dietrich Bonhoeffers. Im Morgengrauen des 9. April wurde er im Konzentrationslager Flossenbürg/Oberpfalz gehängt. Zwei Wochen später, am 23. April, wurde Flossenbürg von amerikanischen Truppen eingenommen. Das Todesurteil wurde ein halbes Jahrhundert später vom Landgericht Berlin aufgehoben.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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