Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1351.

Wo der Schwabe nicht mehr spart

An der Erwachsenenbildung, bei der sich die heimatvertriebenen schwäbischen Neubürger als Sauerteig erwiesen

Wo-der-SchwabeEin besonderes Jubiläum konnte die Volkshochschule Augsburg, die von der Augsburger Akademie getragen wird, in diesem Jahr begehen. 110 Jahre ist die Einrichtung alt. Sie wurde also zehn Jahre vor dem Ersten Weltkrieg gegründet. Nach unbestätigten Berichten ist sie die älteste Volkshochschule Deutschlands. Augsburg war in dieser Zeit geprägt durch das „nachhaltige“ Wirtschaften der Handelshäuser Fugger und Welser und durch eine aufstrebende Industriekultur, welche vor allem vom Textilsektor – man sprach vom „schwäbischen Manchester“ – und dem Maschinenbau (MAN) bestimmt wurde. Somit waren die Arbeiterschaft und ihre Bildung wichtige Themen der damaligen Zeit. Diese erste bedeutsame Gründungsinitiative stellte Stefan Glogger, der Direktor der VHS Augsburg, in seiner Chronik heraus.

Auf den zweiten Strang gesellschaftlicher Gruppen sollte dann der Referent Dr. Markwart Herzog, Direktor der Schwabenakademie Irsee, in seinem Festvortrag „Die Volkshochschule Augsburg als Initiator der Erwachsenenbildung in Bayerisch Schwaben“ zu sprechen kommen.

Denn in ihren Herkunftsländern gab es eine weiter entwickelte, institutionell besser abgesicherte und finanziell großzügiger ausgestattete Kultur der Volksbildung.

Zu diesem Vortragsthema ist zu sagen, dass die Augsburger Volkshochschule – Augsburger Akademie e. V. sich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in ihren Aktivitäten nicht auf den kommunalen Raum der Stadt Augsburg beschränkte, deren Altstadtbestand zu 60 Prozent durch zwei verheerende Bombenangriffe zerstört war, sondern – wie es Dr. Herzog ausdrückte – eine „im gesamten bayerischen Schwaben operierende Pionierin der Kultur- und Bildungsarbeit“ war. Da sie auch Trägerin des Schwäbischen Volksbildungsverbandes (SVBV) war, gilt sie zugleich als „Heimat der Schwabenakademie Irsee und als Heimat der schwäbischen Volkshochschulen“.

Der Neuanfang nach der NS-Diktatur und dem Zweiten Weltkrieg war in jeder Hinsicht schwierig. Eine der herausragenden Persönlichkeiten in diesem Prozess des Wiederaufbaus war der Benediktinermönch der Abtei St. Stefan in Augsburg, Pater Dr. Gregor Lang (1884–1962). Nicht nur belebte er im Jahre 1947 die Philosophische Hochschule bei St. Stefan wieder und war an der Gründung der Augsburger Akademie beteiligt, er förderte auch in besonderem Maße Überlegungen, die Deutsche Prager Universität mit Hilfe ihrer Professoren und Dozenten in Form einer Universität Augsburg neu entstehen zu lassen. Dies ist zwar eine andere Geschichte, aber die Verknüpfung einheimischer Organisationen mit den Visionen vertriebener Neubürger im schwäbischen Raum stellt ein besonderes Kapitel der Augsburger Universitätsgeschichte dar, das in dem vom Bukowina-Institut Augsburg 1998 herausgegebenen Buch „Die Deutschen aus dem Osten in Augsburg“ beschrieben wurde. Auf alle Fälle war die Verbindung der Volkshochschule mit der Augsburger Akademie und dem Schwäbischen Volksbildungsverband „ein Alleinstellungsmerkmal der VHS Augsburg unter den bayerischen Volkshochschulen“.

Dr. Herzog führte zu den Aufgaben der genannten Erwachsenenbildungseinrichtungen Folgendes aus: „Die Augsburger Akademie und der SVBV nahmen auch noch einige weitere wichtige politische Funktionen wahr. Eines der wichtigsten Ziele kurz nach 1945 – also zu einer Zeit, als es die Bundesrepublik Deutschland noch gar nicht gab – bestand zunächst in der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den Ostgebieten, die nun in den Herrschaftsbereich der Sowjetunion fielen. Viele Flüchtlinge und Vertriebene waren in trostlosen Auffanglagern untergebracht. Sie lebten dort in einer ihnen oft ausweglos erscheinenden Situation ohne jede Zukunft. Die Behörden befürchteten moralische Verwahrlosung und politischen Radikalismus. Über die konkreten politischen Maßnahmen zur wirtschaftlichen und sozialen Eingliederung der Heimatvertriebenen hinaus sollte die Erwachsenenbildung der Volkshochschulen vor allem den Heimatgedanken als Brücke zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen ausbauen.“ Hierfür setzte sich in den Anfangsjahren der Schwäbische Bezirksheimatpfleger Dr. Dr. Alfred Weitnauer, ein Allgäuer, mit heimatkundlichen Lehrveranstaltungen für „Alt- und Neubürger“ ein. Dr. Herzog betonte, für den Freistaat Bayern wenig schmeichelhaft: „Bei den Zuwanderergruppen fielen die heimatkundlichen Inhalte und Initiativen auf fruchtbaren Boden. Denn in ihren Herkunftsländern gab es eine weiter entwickelte, institutionell besser abgesicherte und finanziell großzügiger ausgestattete Kultur der Volksbildung als in Bayern.“

Da sich die Bayerische Staatsregierung damals Volksbildungsmaßnahmen gegenüber meist desinteressiert zeigte und bei finanziellen Problemen taub stellte, „was die amerikanische Militärregierung mit Empörung kommentierte und als politischen Irrweg kritisierte“, gerieten die Anliegen der Volkshochschulen im bayerischen Schwaben sehr häufig ins Hintertreffen. Den Vorstellungen in Sachen „Re-Education“ („Umerziehung“) entsprach dies ganz und gar nicht. War es doch das gemeinsame Ziel der Besatzer und einheimischer Demokraten, „Menschen zusammenzuführen auf der Ebene der Wissenschaft, Toleranz und gegenseitiger Wertschätzung“, so Sophie H. Bernard, Leiterin des Amerikahauses Augsburg.
Eine weitere wichtige Aufgabe stellte nach Dr. Herzog „die Einbeziehung der Landbevölkerung dar, die außerordentlich bildungsresistent gewesen sein soll“.

Auch hier erwiesen sich die heimatvertriebenen schwäbischen Neubürger als Sauerteig. Sie „brachten frischen Wind in die ländlichen Gebiete, in denen sie angesiedelt wurden. Denn die beiden größten Herkunftsgruppen, die Sudetendeutschen und die Schlesier, stammten mehrheitlich aus Städten. Sie brachten entsprechende Lebensformen, reiche kulturelle Traditionen und urbane Bedürfnisse mit in die bayerische und schwäbische Provinz, die ihre neue Heimat geworden war oder aber noch werden sollte. Der Anteil der Vertriebenen unter den Hörern und Dozenten konnte sogar die 50-Prozent-Marke übersteigen. Auch in der VHS Augsburg war der Anteil der Neubürger unter den Dozenten nicht unerheblich. Die Volkshochschulen vermittelten also zwischen der Aufnahmegesellschaft und den Neuankömmlingen. Sie schufen Räume des Dialogs zwischen den Kulturen, die sich damals teilweise noch wie Fremde begegneten.“

Der Beitrag der Volkshochschulen in Schwaben zur kulturellen Integration der Heimatvertriebenen hatte daher nicht nur eine zeitgeschichtliche, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung über den damaligen Zeitraum hinaus. Dass dies die Festveranstaltung der Volkshochschule Augsburg den über 250 Festgästen ins Bewusstsein gerückt hat, stellte den besonderen Überraschungseffekt der Veranstaltung dar. Die genannten Erfahrungen im Erwachsenenbildungsbereich sind wertvoll im wahrsten Sinne des Wortes und Teil deutscher Erinnerungskultur.

Ortfried Kotzian (KK)

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