Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1307.

Wo die „Wende“ vom Stapel lief

Das Polenmuseum Rapperswil zeigt die Anfänge des Danziger Widerstandes in Hilpoltstein

Schon 30 Jahre ist es her, daß die Polen gegen das in ihrem Staat herrschende System aufbegehrten. Bereits zuvor, vor allem 1956, 1968 und 1970, zeugten Aufstände von der Unzufriedenheit mit den Regierenden. Letzter Auslöser ist 1980 die Erhöhung der Fleischpreise am 1. August und die Entlassung der darüber Klage führenden Kranführerin Anna Walentynowicz auf der Danziger Leninwerft. Die lokal schon vorhandene Streikbereitschaft greift daraufhin erstmals auf einen wichtigen Zweig der polnischen Industrie über. Das Streikkomitee unter Lech Walesa löst sich aber nicht wieder auf, sondern will durch den weiteren Bestand bleibende Ergebnisse sichern. Nach langen Verhandlungen erfüllt die Regierung im Danziger Abkommen vom 31. August 1980 die sogenannten „21 Forderungen“, die neben politischen und sozialen Punkten auch die Zulassung unabhängiger Gewerkschaften enthalten. Damit war der Weg frei für die Gründung der „Unabhängigen Selbstverwalteten Gewerkschaft Solidarität“.

Die vom Polenmuseum im schweizerischen Rapperswil erarbeitete Ausstellung „Solidarnosc – Es begann in Gdansk“, die in Zusammenarbeit mit dem Büro für Regionalpartnerschaften des Bezirkes Mittelfranken sowie des polnischen Generalkonsulates in München im Museum Schwarzes Roß in Hilpoltstein gezeigt wird, beleuchtet auch die schwierige Geschichte des polnischen Freiheitskampfes in den folgenden Jahren. Da nach nur 16 Monaten die Gewerkschaft bereits wieder verboten wurde, ging deren Arbeit im Untergrund weiter. Anhand von Schautafeln werden die gesamte geschichtliche Entwicklung bis zur Gewerkschaftsgründung, die Verhängung des Ausnahmezustandes zwischen 1981 und 1983, der Kampf im Untergrund, die Ermordung des  Priesters Jerzy Popieluszko und auch die Haltung des Westens in dieser Zeit dargestellt.

Das Polenmuseum in Rapperswil besteht seit 140 Jahren, entstanden zu einer Zeit, als Polen auf keiner Landkarte existierte. Exilpolen und Schweizer fanden hier eine ideale Plattform, um gemeinsam gegen die totalitäre Gefahr aus dem Osten zu warnen. Der Vorsitzende des Museums- und Heimatvereins Hilpoltstein, Wilhelm Baier, konnte zur Vernissage der Ausstellung neben Bürgermeister Markus Mahl, Bezirksrat Fritz Körber, Altbürgermeister Leo Benz, Ursula Klobe als Vertreterin der Markgemeinde Thalmässing und den stellvertretenden Bürgermeister Willibald Milde aus Wendelstein auch die für den Kulturbereich zuständige Konsulin Dr. Grazyna Strzelecka begrüßen.

Die Darstellung der Ereignisse vor über 20 Jahren ergänzte Armin Gertz mit weiteren Gedanken über den politischen Umbruch 1989. Schon in den letzten Jahren der kommunistischen Mangelwirtschaft waren in Polen kleine Betriebe in Landwirtschaft und Handwerk gegründet worden, und auch in der Gastronomie gab es Anfänge – mit Plastikstühlen. Die im deutschen Klischee als ineffektiv abgestempelte „polnische Wirtschaft“ ist heute ein Kompliment. Trotz Wirtschafts- und Finanzkrise schafften die Polen eine Steigerung des Bruttoinlandproduktes um 1,7 Prozent, während es in Deutschland um 4,7 Prozent sank. „Wenn Deutschland die Wirtschaftslokomotive Europas ist, dann fährt die polnische Lok auf dem Nebengleis mindestens ebenso schnell“, verglich Gertz plastisch.

Heutige Umfragen zeigen, daß zwar 70 Prozent der Polen die Demokratie als beste Staatsform bezeichnen, doch nur die Hälfte mit dem Zustand der Demokratie zufrieden ist. Seine außenpolitischen Spielräume mußte sich das Land erst erarbeiten, waren doch vor der Wende nur die „Bruderstaaten“ DDR, CSSR und UdSSR die Nachbarländer. Die heutigen Nachbarn sind neu gebildete Staaten, die 1989 noch nicht in der Form existierten. Lautete die Parole der Solidarnosc ursprünglich: „Keine Freiheit ohne Solidarität“, so hat sich dies nach Gertz’ Auffassung heute völlig verändert. Heute heißt der Ruf abgewandelt: „Es gibt keine Solidarität mehr in der Freiheit.“

Dies bewiesen die großen Unterschiede im Lande, erläuterte Gertz weiter. Dem prosperierenden Norden und Westen mit den Zentren Danzig, Posen, Breslau und Warschau stehe der arme Osten mit stagnierender Wirtschaft, Industrieruinen und mangels Arbeitsmöglichkeiten abwandernden jungen Menschen gegenüber. Zu den Verlierern der Wende zählen auch Ältere, deren Rente von der Inflation aufgezehrt wird, Kranke, die nicht überall kompetente und moderne Behandlung bekommen, und nicht zuletzt die Landbevölkerung, die mit der Schließung der großen Agrarbetriebe in die Arbeitslosigkeit gedrängt worden ist.

Die Leninwerft existiert heute nicht mehr unter dieser Bezeichnung, denn die damalige Werftleitung scheiterte an den Vorgaben der Wirtschaftlichkeit – statt mehreren 1000 Beschäftigten sind es dort heute nur noch einige Hundert. Und schließlich haben die Polen eine völlig andere Wahrnehmung im Umgang mit der Atomkraft. Das geplante Kernkraftwerk, das eventuell in der Region Danzig bis 2020 entstehen wird, sehen sie als nötig zur Entwicklung des Landes.

Die Ausstellung „Es begann in Gdansk. Solidarnosc – die kollektive Furchtlosigkeit“ ist im Museum Schwarzes Roß in Hilpoltstein bis zum 30. April zu sehen. Informationen gibt es beim Museum Schwarzes Roß, Telefon 09174/978-507, oder beim Amt für Kultur und Tourismus, Maria-Dorothea-Straße 8, 91161 Hilpoltstein, Telefon 09174/978-505519.

(KK)

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