Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1316.

Wo die historische Wahrheit hofhält

Der Heiligenhof in Bad Kissingen ist seit 60 Jahren eine Begegnungsstätte für alle, die ihr dienen

Der Heiligenhof in Bad Kissingen, als „Sudetendeutsche Heimstätte europäischer Jugend“ gegründet, wird 60 Jahre alt. Mehrere Generationen vertriebener Sudetendeutscher und ihrer Nachkommen haben ihn inzwischen als vertraute Bildungs- und Begegnungsstätte kennen- und lieben gelernt. Seine Entwicklung ist typisch für ein Stück Nachkriegsgeschichte der aus Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien in den Jahren 1945/46 Geflüchteten oder Vertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland. In einer liebevoll gestalteten und reich bebilderten Festschrift zum 60jährigen Jubiläum des Heiligenhofs wird dieses Stück Nachkriegsgeschichte lebendig. Schon die aus unterschiedlicher Sicht geschriebenen Grußworte maßgeblicher  Politiker sind Ausdruck der Würdigung des Heiligenhofs als einer sozialen, kulturellen und nicht zuletzt wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte. Daß diese keineswegs gradlinig verlief, gehört ebenso dazu wie die unvorstellbare Not und Beschränktheit in den Anfangsjahren.

Die Geschichte des „Urhebers“, des Vereins Sudetendeutsches Sozialwerk, der 1995 in Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk umbenannt wurde und seit 2007 im wesentlichen als Förderverein fungiert, nachdem die Einrichtungen an die Stiftung Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk übertragen wurden, ist in der Festschrift erstmals aus weit verstreutem und bis heute unvollständigem Material zusammengetragen. Ingrid Sauer vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv, zuständig für die Aufnahme und Aufarbeitung des Schriftguts des Sudetendeutschen Archivs, hat unermeßliche Arbeit geleistet.

Nachgerade spannend ist die „Kontinuierliche Baugeschichte“ des Heiligenhofs, die Reinfried Vogler, der Stellvertretende Vorsitzende der Stiftung Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk, schildert. In dieser durch zahlreiche Fotos veranschaulichten Chronologie wird deutlich, wieviel Mut und harte Arbeit das äußerliche Wachstum des Heiligenhofs erforderte. In die Aus- und Neubauten wurden in den sechs Jahrzehnten etwa fünf Millionen Euro investiert. Aus den 35 Betten im Jahr 1952 sind inzwischen 223 Betten geworden.

Wie sich mit den Umbauten die Lebenssituationen, die inhaltlichen Angebote und die Gästestruktur des Heiligenhofs veränderten, wird in den unterschiedlichen Augenzeugenberichten lebendig. Da erinnern sich Walli Richter, die sich als junge Vertriebene von Anfang an für sudetendeutsche Belange einsetzte, und Oskar („Ossi“) Böse, der unter anderem der erste Heimleiter des Heiligenhofs war, wie es zur Idee der Gründung des Sudetendeutschen Sozialwerks als Hilfe zur Selbsthilfe kam, wie um Spenden gebettelt wurde und wie primitiv die ersten Jahre im Heiligenhof als erstem Eigentum der sudetendeutschen Volksgruppe nach der Vertreibung waren.

Gustav Binder – seit 2005 Studienleiter des Sudetendeutschen Sozial- und Bildungswerks – beschreibt, wie sich das Bildungsangebot im Laufe der sechs Jahrzehnte verändert hat. Galten die ersten Freizeiten neben der Erholung vor allem der Heimatkunde und musischen Bildung für Kinder und Jugendliche, war Erich Kukuk, der den Heiligenhof von 1957 bis 1994 als Direktor prägte, der Initiator und Motor der politischen Bildungsarbeit – zunehmend für Erwachsene. Die politische Wende der Jahre 1989/90 erweiterte diese Arbeit um neue Zielgruppen und neue Themenstellungen. Die Gründung der „Akademie Mitteleuropa“ im Jahr 2001 verstärkte die internationale Zusammenarbeit mit Nachwuchskräften aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft aus den ostmitteleuropäischen Nachbarstaaten durch hochkarätige Veranstaltungen auf wissenschaftlichem Niveau.

Traudl Kukuk, die Ehefrau Erich Kukuks, jahrzehntelange Mitarbeiterin und von 1994 bis 1996 Geschäftsführerin des Heiligenhofs und über all diese Jahre Herz und gute Seele des Hauses, gibt zusammen mit dem zeitweiligen Bildungsreferenten Maximilian Beck Einblicke in die unterschiedlichen Gästegruppen des Hauses. Auch sie sind Ausdruck der stetigen Erweiterung des Kontaktkreises von der sudetendeutschen Heimstätte zu einem Ort der nationalen und internationalen Begegnung. Denn neben Sing-, Bastel- und Wandergruppen, die dem Heiligenhof über die Jahrzehnte hinweg treu geblieben sind, gehören nun auch z.B. Lehrlingsseminare von großen Betrieben, Weiterbildungsveranstaltungen von gewerkschaftlichen, kirchlichen oder musischen Gruppen, Erlebnis-Pädagogik für Jugendliche wie für Manager (mit Hochseilgarten, Bogenschießen, Floßbauten) und Lehrausflüge für Schulklassen an die frühere innerdeutsche Grenze oder in die Rhön dazu.

Die Geschichte der zweiten von der Stiftung Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk getragenen Bildungs- und Begegnungsstätte Burg Hohenberg an der Eger, die als „Landeswarte der Sudetendeutschen“ im Jahr 1955 vom Freistaat Bayern gepachtet wurde, schildert Steffen Hörtler, früherer „Burgvogt“ in Hohenberg und seit 2003 rühriger und äußerst erfolgreicher Heimleiter des Heiligenhofs sowie Geschäftsführer zunächst des Vereins und später der Stiftung, in einem detaillierten Bericht. Diese romantische Staufer-Burg mit Blick in die böhmische Heimat der vertriebenen Sudetendeutschen ist nicht nur ein Anziehungspunkt für Jugendfreizeiten und Schullandheimaufenthalte, sondern auch eine modern ausgestattete Einrichtung für Begegnungen mit den tschechischen Nachbarn.

Die Leistungen in den vergangenen 60 Jahren wären nicht möglich gewesen ohne den verantwortlichen Träger, die Stiftung Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk. Deren Gründungsvorsitzender war bis zu seinem Tod Staatssekretär a. D. Wolfgang Egerter; seit 2009 besteht der Vorstand aus Dr. Günter Reichert, dem ehemaligen Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung, seinem Stellvertreter Rechtsanwalt Reinfried Vogler und dem Steuerberater Peter Sliwka als Schatzmeister.

Trotz aller zum Überleben stets notwendigen räumlichen und inhaltlichen Modernisierungen hat es der Heiligenhof geschafft, sein vertrautes Erscheinungbild und seine anheimelnde Atmosphäre zu bewahren. Es gebe vor allem drei typische Merkmale, faßt der Siftungsvorsitzende Günter Reichert im Schlußkapitel zusammen. Das sei die von Anfang an „grüne Küche“, die helle, zur umgebenden Natur offene Baustruktur und schließlich die Weinstube, in der fast jeder anstrengende Seminartag – wenn auch bei reichlich belastender Akustik – seine gesellige Abrundung findet.

Ute Flögel (KK)

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