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Ausgaben: Ausgabe 1279.

Wo die Schiffe über fünf Berge fahren

Der denkmalwürdige Oberländische Kanal, ein wasserbautechnisches Meisterwerk des 19. Jahrhunderts, soll restauriert werden – zum Teil

Im Jahre 2003 regte Hans-Jürgen Schuch, der Vorsitzende der Truso-Vereinigung, in Elbing vor dem polnischen Stadtrat an, den Oberländischen Kanal mit seinen Geneigten Ebenen (Rollbergen) und Schleusen in die Liste des Weltkulturerbes eintragen zu lassen, die von der UNESCO betreut wird. Bald danach fanden sich die Anrainerstädte wohl im Rahmen der bereits einige Jahre bestehenden Kanalgesellschaft, die für Werbung zuständig sein soll, zusammen, um dieses Vorhaben zu betreiben.

Die Federführung übernahm die Stadt Osterode. Sehr viel weiter ist das Anliegen bisher nicht gekommen, allerdings hat sich der Zustand der Anlage zwischenzeitlich erheblich verschlechtert.

Nun ist Bewegung in die Bemühungen gekommen, die denkmalwürdige Wasserstraße, wo die Schiffe über fünf Berge fahren, zu renovieren. Im Dezember 2010 soll damit begonnen werden. Für die Arbeiten sind 95 Millionen Zloty (rund 24 Millionen Euro) vorgesehen. Die EU übernimmt davon 57 Millionen Zloty. Die Arbeiten sollen 2015 beendet sein. Da eine komplette Renovierung 250 Millionen Zloty kosten würde, dieser Betrag aber nicht vorhanden ist, werden nur besonders gefährdete Abschnitte renoviert. Zu den Reparatur- und Erneuerungsobjekten gehören die fünf Rollberge und vor allem die Ebenen Buchwalde und Kanthen. Vorrangig bedürfen der Erneuerung die mechanischen und wassertechnischen Teile wie Wasserräder, Turbinen, Maschinenhäuser, Pfeiler und auch die Uferbefestigungen. Die Kanalstrecken vom Drausensee bis Liebemühl, von dort nach Osterode und Alt-Jablonken sowie die Verbindung von Liebemühl nach Deutsch-Eylau werden erneuert oder umgebaut.

Die Direktorin der Wasserstraßenverwaltung, Halina Czarnecka, stellte jetzt die Geneigten Ebenen vor und nannte sie aus gutem Grund ein „Wunder der Technik, das noch heute in Betrieb ist". Sie ließ zugleich ihre Bewunderung für die Kunst der Techniker aus dem 19. Jahrhundert erkennen. Dabei stellte sie fest: „Heute könnte man niemanden finden, der so etwas machen möchte." Ab 2010 soll das technische „Wunder" renoviert werden.

Hoffentlich wird bei den Arbeiten auch daran gedacht, daß es Deutsche waren, die dieses Wunder schufen. Und auch, daß sein Initiator und Baumeister, Georg Jakob Steenke, ein 1801 geborener Königsberger, kein Holländer, sondern Preuße und Deutscher war. Die vor knapp 20 Jahren am Steenke-Denkmal in Buchwalde zusätzlich angebrachte Tafel mit der (Des-)Information, Steenke wäre Holländer gewesen, sollte im Zuge der Arbeiten abgenommen oder korrigiert werden.

Der Oberländische Kanal ist eine große wasserbautechnische Leistung aus dem 19. Jahrhundert. Er wurde nach 16 Jahren Bauzeit am 28. Oktober 1860 der Schiffahrt übergeben. Dabei handelte es sich um drei Wasserstrecken: Osterode–Liebemühl–Elbing (80,4 km), Liebemühl–Deutsch-Eylau (30,2 km), Osterode–Alt-Jablonken–Baarwiese (16,9 km). Die Gesamtstrecke des Kanals betrug damit 127,5 Kilometer. Der durch den Kanalbau erschlossene neue Wasserweg war insgesamt 195 Kilometer lang. Er überwindet auf knapp 10 Kilometern Länge einen Höhenunterschied von fast 100 Metern. Dafür wären damals 32 Schleusen notwendig gewesen. Der Drausensee lag zu der Zeit 0,3 Meter und Buchwalde 99,5 Meter über dem Meeresspiegel. Baumeister Steenke entschloß sich daher, auf dieser Strecke vier Geneigte Ebenen und fünf Schleusen zu bauen. Das Unternehmen hat wahrscheinlich 5,5 Millionen Goldmark gekostet, aber durch die gleichzeitig durchgeführten Entwässerungsmaßnahmen 1600 Hektar gutes Ackerland gewonnen. König Friedrich Wilhelm I. hatte zugestimmt, obwohl er Zweifel an der Wirtschaftlichkeit hatte.

Vierundzwanzig Jahre nach der Kanalfertigstellung wurden von 1874 bis 1881 die nahe dem Drausensee gelegenen fünf Schleusen durch eine fünfte Geneigte Ebene von Ferdinand Schichau in Elbing ersetzt. Damals lebte Georg Jakob Steenke noch. Der Baurat blieb dem Kanal und damit den Rollbergen sein Leben lang verbunden. Konkurrenz bekam der Kanal 1893 durch den Bau der Eisenbahnstrecke Elbing–Saalfeld–Osterode. Aber zunächst wurden dennoch etwa 90000 Tonnen Güter pro Jahr über diesen Wasserweg transportiert.

Die Rentabilität mußte erhöht werden. Der damals so genannte Fremdenverkehr mit Ausflugs- und Besichtigungsfahrten nahm seinen Anfang. Eine Osteroder Reederei setzte Passagierschiffe ein, die 79, später sogar 100 und 1925 sogar 185 Passagiere aufnehmen konnten. Elbinger Reedereien befuhren ebenfalls die Kanalstrecke. Besonders Elbinger Vereine besuchten die Rollberge, Betriebe machten Ausflugsfahrten bis Buchenwalde und weiter. Dennoch war allen vor etwa 100 Jahren klar, daß der Kanal erweitert, breiter und tiefer werden müßte. Der Erste Weltkrieg und die schweren Jahre danach verhinderten dies. Die Passagierflotte transportierte auch Waren, und bis 1945 wurden die bekannten maßgerechten Oberländer Frachtkähne von Elbing bis Liebemühl und Osterode am Drewenzsee eingesetzt.

Die umfangreiche Technik soll hier nicht näher beschrieben, wohl aber muß erwähnt werden, daß die Anlage außer dem Wasser des Kanals keine Energiequelle benötigte. Die Wagen rollten auf zwei Gleisen über die Berge. Sie wurden von einem Endlosseil gezogen. Das gewaltige Wasserrad außerhalb des Maschinenhauses an jedem Berg hat einen Durchmesser von 8,50 Metern.

Gegenwärtig gibt es hier kaum Güterverkehr. Die ruhige Wasserstraße ist auch bei den Sportlern beliebt. In den wenigen Sommermonaten ist der Kanal Ziel von Touristen – mal sind es viele, mal zu wenige. Die eingesetzten kleinen Schiffe sind alt und müßten ersetzt werden. Oft kommen Technikbegeisterte auf Booten, um den „Rollwagen" zu beobachten. Auch sie sind allerdings nur wenige Wochen im Jahr unterwegs.

Hans-Jürgen Schuch (KK)

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