Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1248.

Wo die versehrte „Schwalbe“ ein Nest fand

Ein Denkmal in der Gemeinde Mariental erinnert seit zehn Jahren an das dortige Vertriebenenlager

Am Ortseingang der Gemeinde Mariental im Kreis Helmstedt befindet sich ein seltenes Denkmal. Am Ende eines sich verjüngenden Gleises steht ein großer runder schwarzer Stein, einem Eisenbahnrad nachempfunden. Er trägt die Inschriften: „Nie wieder Gewalt, Vertreibung und Unrecht“ – „Einigkeit, Recht und Freiheit sind unsere Zukunft“.

Auf den Gleisschwellen stehen – stellvertretend auch für andere – die Namen ostdeutscher Städte: Hirschberg, Königsberg, Sorau/Schlesien, Kohlfurt, Kolberg, Breslau, Wohlau, Stettin, Danzig und Oels. Auf den Gleisen sollen einerseits Begriffe wie Krieg, Angst, Unterdrückung, Leid, Hunger, Vertreibung an die Vergangenheit erinnern und andererseits Frieden, Glaube, Zuversicht, Hoffnung und Freiheit eine neue Zukunft beschwören. Das große Rad und der Schienenstrang erinnern an den Transport der aus ihrer ostdeutschen Heimat vertriebenen Deutschen, ihre Herkunftsorte, ihr Leiden und ihre Hoffnung unmittelbar nach Kriegsende.

Wie ist es zu dem Denkmal gekommen? Bedingt durch die Nachkriegsfluchtbewegungen wurde auf Anordnung der britischen Militärregierung im November 1945 in unmittelbarer Nähe der sowjetischen und der britischen Besatzungszone das Flüchtlingslager Mariental als Durchgangslager in vorhandenen Baracken errichtet. Zunächst wurden dort im Zuge der „Aktion Honigbiene“ Transporte mit Personen zusammengestellt, die während des Krieges in der dann sowjetisch besetzten Zone Aufnahme gefunden hatten und zurück in ihre westlich gelegenen Heimatorte wollten. Innerhalb eines Vierteljahres waren das in den Wintermonaten 1945/46 weit über 100000 Menschen.

Ab Februar 1946 war es ein reines Vertriebenenlager. Dort kamen fast ausschließlich Transporte unter dem Decknamen „Schwalbe“ (swallow) an. Es waren die Vertriebenentransporte aus Schlesien, Viehwaggons, die mit ihrer Menschenfracht nach tagelanger, mit unmenschlichen Strapazen verbundener Fahrt eintrafen. Die Transporte bestanden meist aus 55 Waggons mit insgesamt 1700 bis 2000 Vertriebenen. Im Lager wurden sie registriert, mit DDT entlaust, notdürftig verpflegt und soweit nach den damaligen Umständen möglich ärztlich versorgt. Insgesamt durchliefen nach den amtlichen Unterlagen 750000 Personen, darunter 533301 Vertriebene – fast alle aus Schlesien – dieses Lager. (Die Unterlagen darüber befinden sich im Niedersächsischen Staatsarchiv Wolfenbüttel.) Einer davon war ich.

50 Jahre nach Schließung des Lagers erinnerte die Gemeinde Mariental mit einer Buchveröffentlichung von Rolf Volkmann, „Das Flüchtlingslager Mariental (1945–1947) und die Vertriebenentransporte aus Schlesien (1946–1947)“ (erhältlich bei der Samtgemeinde Grasleben, Bahnhofstraße 4, 38368 Grasleben) an das Geschehen. Dazu errichtete sie das beschriebene Denkmal, das ich im September 1997 als damaliger Präsident des Niedersächsischen Landtages enthüllen durfte. Bürgermeister Lothar von Drewitz eröffnete im Beisein zahlreicher Gäste – unter ihnen der Landesvorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, Helmut Sauer, und viele Zeitzeugen – die damalige Feierstunde. Bürgermeister von Drewitz freute sich, „daß wir im Gemeinderat nach ausgiebigen Diskussionen demokratisch und sogar einstimmig die Errichtung des Denkmals sowie die Dokumentation über das Flüchtlingslager beschlossen haben“.

Im Jahre 2006 waren 60 Jahre seit der Hauptvertreibung vergangen. Deshalb hielt ich es für angebracht und notwendig, daß die Niedersächsische Landesregierung in einer geeigneten Weise – wie sie es auch bei anderen Opfern tut – dieser Tatsache öffentlich an Ort und Stelle in Mariental gedenkt.

Dazu kam es leider nicht. Der Beauftragte der Niedersächsischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, der Landtagsabgeordnete Rudolf Götz, nahm aber die Anregung auf und setzte sich mit der Gemeinde Mariental in Verbindung. Sie erklärte sich in vollem Einverständnis bereit, ,,10 Jahre nach Aufstellung des Mahnmals im September 2007“ eine dem Ereignis angemessene Gedenkveranstaltung durchzuführen.

Am 3. Oktober fand im Beisein zahlreicher Gäste auf dem Platz beim Denkmal in Mariental-Horst diese Veranstaltung statt. Sie wurde mit einer musikalisch umrahmten Andacht durch Pfarrer Daniel Kolkmann eingeleitet. Er sprach über Psalm 139 und verband mit dem Text in einfühlsamer Weise das Schicksal, die Not, aber auch die Hoffnung der Vertriebenen zu allen Zeiten. Nach dem gemeinsam gesprochenen Vaterunser eröffnete der Marientaler Bürgermeister Kurt Bartsch die Veranstaltung und erinnerte mit einem Rückblick an die Lagerzeit.

Die Hauptansprache hielt der Landtagsabgeordnete Rudolf Götz. Er erinnerte an die Schrecken, die den Vertriebenen widerfahren sind, und an den Mut, mit dem sie den Neuanfang in Niedersachsen und anderswo gewagt haben. Dabei brachte er den Wunsch zum Ausdruck, das Thema Flucht und Vertreibung verbindlich in die Lehrpläne der niedersächsischen Schulen aufzunehmen und dazu ein Zeitzeugenprogramm zu initiieren.

Für mich war diese Veranstaltung am Tag der deutschen Einheit Anlaß genug, darauf hinzuweisen, daß die verlorenen deutschen Ostgebiete in der historischen Betrachtung nicht vergessen werden dürfen. Mit meinem Dank an die Gemeinde Mariental für das Denkmal verband ich deutlich mein Unverständnis über die bis heute anhaltende Untätigkeit der Regierungsfraktionen im Deutschen Bundestag bei der Realisierung eines Zentrums gegen Vertreibungen in der deutschen Hauptstadt Berlin. Dabei geht es darum, nicht nur künftigen, sondern auch der heutigen Generation die Dimension des Wahnsinns jeder Vertreibung auch deswegen aufzuzeigen, weil mit nicht endenden Kriegen immer noch Millionen von Menschen vertrieben werden, ohne daß ein Ende abzusehen ist.

Als letzter Redner sprach der ebenfalls als Kind aus Schlesien vertriebene Ehrenbürgermeister Johannes Nitschke. Er wies auf die schwere Nachkriegszeit, aber auch auf die von ihm betriebene Versöhnungsarbeit mit Polen hin. Er schloß seine Ansprache mit den Worten: „Möge uns dieses Denkmal hier in Mariental ein Mahnmal sein für ein verlorenes Zuhause, das heute anderen zur Heimat geworden ist. Möge dieses Denkmal als Zeichen gesetzt sein für die nächsten Generationen  als Erinnerung an einen unmenschlichen Krieg, als Mahnmal gegen Gewalt und als ein Symbol für den Frieden.“
Nach einer Kranzniederlegung, verbunden mit dem Lied „Ich hatt’ einen Kameraden“, endete die beeindruckende Veranstaltung mit der gemeinsam gesungenen Nationalhymne.

Horst Milde (KK)

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