Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1243.

Wo findet heimatloses Erbe Heimat?

Der Verlust deutscher Kulturgüter im und aus dem östlichen Europa war kein totaler, doch wie lassen sich die Spuren bewahren?

Um diese Frage drehte sich eine Tagung im Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm. Unter dem Titel „Was wird aus unserer Heimatstube? Zur Zukunftssicherung donauschwäbischen Kulturguts“ trafen sich Museumsfachleute, Betreuer von Heimatsammlungen sowie Vertreter aus Politik und landsmannschaftlichen Verbänden.

Nach der Begrüßung durch den Museumsleiter Christian Glass bekräftigte Ministerialrat Dr. Friedrich Gackenholz (Innenministerium Baden-Württemberg) die Bereitschaft des Landes, Verantwortung für die Sicherung donauschwäbischen Kulturguts zu übernehmen. Aus diesem Grund ist eine Bestandserfassung aller in Baden-Württemberg befindlichen ostdeutschen Heimatsammlungen geplant. Sie soll in enger Kooperation zwischen Sammlungsbetreuern, landsmannschaftlichen Verbänden und den wissenschaftlichen Kultureinrichtungen des Landes durchgeführt werden. Erste Vorarbeiten sind im Gange.

Die Volkskundlerin Dr. Elisabeth Fendl vom Johannes-Künzig-Institut für ostdeutsche Volkskunde in Freiburg begann ihren Vortrag „Heimat in der Vitrine. Zur kulturgeschichtlichen Bedeutung von Heimatsammlungen“ mit einem Überblick über die Entstehungsgeschichte und die ursprünglichen Aufgaben der Heimatstuben. Sie verdeutlichte, daß Heimatstuben ein typisches Element der Erinnerungskultur deutscher Heimatvertriebener bilden. Die meisten Heimatstuben wurden nicht als Museen eingerichtet, sondern als Orte der Begegnung und Erinnerung, deshalb gehen sie anders mit Kulturgut um als professionelle Museen. Dr. Fendl riet, man solle nicht danach trachten, alle Heimatstuben in Museen umzuwandeln, sie jedoch schnellstmöglich in Wort und Bild festzuhalten.

Das anschließende Podiumsgespräch ging zum Kernthema der Tagung über: Unter dem Titel „Wie kann es weitergehen? Möglichkeiten der Zukunftssicherung donauschwäbischen Kulturguts“ kamen vier Personen zu Wort, die sich auf jeweils unterschiedliche Weise mit Heimatsammlungen beschäftigen.

Zuerst resümierte Klaus Mohr, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für kulturelle Heimatsammlungen in der Sudetendeutschen Stiftung, München, seine Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den Leitern der ca. 150 sudetendeutschen Heimatsammlungen. Obwohl seit 20 Jahren vor der drohenden Auflösung dieser Sammlungen gewarnt wird, bezeichneten bei einer aktuellen Umfrage nur wenige Betreuer ihre Heimatstube als akut gefährdet. Die jährlich stattfindenden Schulungen für sudetendeutsche Sammlungsleiter (z.B. zu Inventarisierung und Konservierung von Kulturgut) finden großen Anklang; die erlernten und als sinnvoll erkannten Maßnahmen auf Dauer umzusetzen, dazu sehen sich die Verantwortlichen allerdings trotz guten Willens oft nicht in der Lage.

Hans Supritz, Bundes- und Landesvorsitzender der Landsmannschaft der Donauschwaben, berichtete von der letzten Tagung der Heimatortsgemeinschaften in Sindelfingen. Drei Heimatstuben stellten dort ihre zukunftssichernden Maßnahmen vor, darunter auch eine Stiftung (Heimatmuseum Neu-Pasua, Reutlingen). Er konstatierte, daß sich die Lage bei den Deutschen aus Jugoslawien in den letzten Jahren verändert hat: Heimatreisen haben vielerorts zu Kontakten und sogar Freundschaften mit den heutigen Ortsbewohnern geführt. Neuerdings kommen Anfragen aus den Heimatorten, ob donauschwäbisches Kulturgut dorthin zurückgebracht werden kann, um es vor Ort zu zeigen. Supritz betonte abschließend die Wichtigkeit der vom Land Baden-Württemberg beabsichtigen Bestandserfassung aller Heimatsammlungen.

Matthias Schmidt, Gründer und Leiter des Heimatmuseums Budaörs in Bretzfeld, erzählte daraufhin anschaulich von den Etappen der Museumsgründung. Von Anfang an habe er ein Heimatmuseum einrichten wollen, keine Heimatstube. Daß ihm die entsprechenden Räume vom Gemeinderat zugesagt wurden, lag auch daran, daß er im Gegenzug 3500 Arbeitsstunden Aufbauarbeit seines Helferteams zugesichert hatte. Schmidt betonte, wie wichtig der persönliche tatkräftige Einsatz sei, denn nach der Gründung müsse das Heimatmuseum dauerhaft mit Leben erfüllt werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Gemeindepartnerschaft Bretzfeld–Budaörs. Aus dem reichlichen Exponatbestand konnten Stücke für den Aufbau des Heimatmuseums in Budaörs abgegeben werden. Sonderausstellungen verlocken zum wiederholten Besuch, wobei auffällt, daß die Enkel der Vertriebenen besonderes Interesse zeigen. Kleineren Heimatstuben riet Schmidt, sich größeren Einrichtungen anzuschließen, um Bestand zu haben.

Schließlich kam Christian Glass, der Leiter des Donauschwäbischen Zentralmuseums, zu Wort, der bestätigte, daß die dritte Generation ein neues Interesse an der Geschichte und Herkunft der Donauschwaben zeigt. Überhaupt sei in der deutschen Öffentlichkeit in den letzten Jahren das Interesse an Flucht und Vertreibung erwacht, ebenso an aktuellen Entwicklungen in den donauschwäbischen Herkunftsländern, die zunehmend als touristische Ziele wahrgenommen würden. Das DZM biete diesen Interessenten auch zukünftig Gelegenheit, sich umfassend und anschaulich zu informieren. Was die Möglichkeit betrifft, bedrohte Heimatsammlungen als Ganzes nach Ulm zu überführen, bat Glass um Verständnis dafür, daß das Museum gezwungen sei, eine Auswahl aus angebotenen Sammlungsstücken zu treffen: Die Magazinkapazitäten seien beileibe nicht unerschöpflich und der mit jedem einzelnen Stück verbundene Arbeitsaufwand beträchtlich.

Dieser letzte Punkt wurde im folgenden Vortrag der Volkskundlerin Henrike Hampe und der Museologin Elke Leinenweber, beide vom DZM, so verdeutlicht, daß mehrere Zuhörer ungläubig fragten, ob die Schilderung tatsächlich der Wahrheit entspräche.

Die Referentinnen informierten unter dem Titel „Sammeln, Bewahren, Dokumentieren. Das Donauschwäbische Zentralmuseum als Partner der Heimatstuben“ über den Teil ihrer Arbeit, der Museumsbesuchern im allgemeinen verborgen bleibt. Wie alle professionellen Museen hat das DZM vier Verpflichtungen zu genügen: Sammeln, Bewahren, Forschen/Dokumentieren und Vermitteln/Ausstellen.

Jeder aufgenommene Gegenstand – vom Kleiderschrank bis zum Knopf – wird in etlichen Etappen bearbeitet: Gespräch mit dem Spender über die Geschichte des Gegenstands und Protokoll („Erstdokumentation“), gegebenenfalls Auswahl, Kontrolle auf Schädlingsbefall und zur Not Quarantäne oder sofortige Behandlung, provisorische Einlagerung in ein Zugangsmagazin bis zur endgültigen Bearbeitung, Vergabe und Anbringung der Inventarnummer, Erfassung in einer Computerdatenbank (z.B. Maße, Beschreibung, Herkunftsort, Hersteller, Objektgeschichte, Spendername und -adresse, Schlagworte), Fotografieren (Detailfotos), konservatorische Sicherung (z.B. Verpacken in alterungsbeständige Materialien, Entfalten von geknickten Dokumenten und Seidentüchern zwecks glatter Lagerung) und schließlich Einlagerung in verschiedenen Magazinen (mit unterschiedlichen Klimabedingungen je nach Material). Nur durch dieses aufwendige Vorgehen ist es möglich,
jederzeit jedes einzelne Stück von derzeit etwa 10000 aufgenommenen Exponaten wiederzufinden und zu identifizieren. Außer den Gegenständen speichert das Museum alle vom Spender dazu mitgeteilten Informationen.

Am Schluß der Tagung stand der Vortrag von Dr. Dina Sonntag von der Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg, Stuttgart: „Geliehen oder geschenkt? Wege zur rechtlichen Absicherung von Heimatsammlungen“. Sie erläuterte darin die Unterschiede, Vor- und Nachteile des Leihens und Schenkens von Kulturgut als Möglichkeit ehrenamtlicher Sammlungsbetreuer, ihre Sammlung dauerhaft zu sichern. Die Übergabe an ein von der öffentlichen Hand getragenes Museum (Stadt-, Landes-  oder Zentralmuseum) bietet ihr zufolge die größtmögliche Sicherheit, daß das Kulturgut erhalten bleibt. Dr. Sonntag verteilte an die Anwesenden juristisch geprüfte Leih- und Schenkungsverträge, die bei Bedarf als Vorlage genutzt werden können. Sie lud außerdem dazu ein, sich mit allen Fragen an die Landesstelle zu wenden, deren Aufgabe in der Beratung und Unterstützung kleiner Museen und Sammlungen besteht.

Die sofortige Frage eines Zuhörers, ob er Dinge ablehnen dürfe, die ihm für seine Heimatsammlung angeboten würden, beantwortete sie übrigens mit einem klaren Ja.

Die Veranstaltung endete mit einem Spaziergang zum Donauschwabendenkmal am Ulmer Donauufer. Auf Grund des offensichtlich großen Gesprächsbedarfs aller Anwesenden wird diese Tagung voraussichtlich im nächsten Jahr eine Fortsetzung finden.

Henrike Hampe (KK)

«

»