Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1400.

Wo in Westpreußen liegt Woldenstein?

Über Theodor Fontanes späte virtuelle „Wanderung“ ins Weichselland und zu dessen Bürgergesellschaft

Was alles mag hier gewesen sein?
Robert Gustav Meyerheim, Danzig – Poggenpfuhlstraße. Um 1870. Öl auf Leinwand, 85 x 68 cm
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Inv.-Nr. 11135. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Das Fontane-Jahr 2019 ist eingeläutet – es gilt einen der Großen des bürgerlichen Realismus im 19. Jahrhundert zu feiern. Die vorerst letzten grundlegenden Biographien sind bereits erschienen, Zeitungen und Journale ergänzen mit kuriosem oder bildhaftem Beiwerk, und am 30. März beginnt mit einem Festakt im Heimatort Neuruppin das große Feiern mit Spektakeln jeder Art. Da der Geburtstag erst am vorletzten Tag des Jahres liegt, gibt es viel Zeit und Raum, um dem vielschichtigen Wirken dieses wahrhaften „Schreibkünstlers“ nachzugehen.

Schon seine mehrbändigen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, jenes einzigartige Zusammenspiel von Geschichte, Kunst und Literatur, geben genug Veranlassung, sich z. B. der nach 1989 „erneuerten“ Provinz zwischen Elbe und Oder zu widmen. Das parallel hierzu angehäufte schriftstellerische Werk, das im Grunde fast die ganze zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts widerspiegelt – Reiseberichte, Theaterkritiken, Gedichte und Balladen, Tagebücher, ein geradezu riesiges Briefwerk und schließlich die großen Romane und Erzählungen –, bietet jenseits aller politischen und sozialen Verwerfungen ein künstlerisches Kontrastprogramm voller scharfsinniger Einblicke in die damalige preußisch-deutsche Lebenswelt. Und als ideelle Pilgerstätte bietet sich immer noch der Birnbaum von „Ribbeck im Havelland“ an, wenn er auch im Original nicht mehr vorhanden ist.

Die Weltläufigkeit, die Fontane in der ersten Lebenshälfte durch seine journalistische Tätigkeit, durch die vielen Auslandsreisen und, nicht zuletzt, durch die Kontakte zu den Dichtergrößen seiner Zeit erworben hatte, kam ihm auch in dem zweiten Lebensabschnitt für sein großes Romanwerk zugute. Da er sich jedoch, von wenigen historischen Arbeiten abgesehen, dem Gesellschafts- und Zeitroman verschrieben hatte und dazu seine Heimat Berlin-Brandenburg bevorzugte, musste er sich auch des einheimischen „Personals“ bedienen. Er verzichtet auf alles Fremdländische oder gar Exotische, er hält sich an die Menschen, die er gut kennt, und bringt ihre Ansichten und Probleme mit bravouröser Erzählkunst zum Sprechen. In unterschiedlichem Format sind dies der märkische Adel, das Offizierscorps und das Großbürgertum. Es ist, wenn man so will, die personifizierte Fortsetzung der „Wanderungen“ mit gelegentlichen Abschweifungen in die Nachbarregionen wie die Neumark, Pommern (Effi Briest!), Posen oder das Weichsel-Warthe-Gebiet. Letzteres ist für unsere Belange von einigem Interesse, da es in Fontanes letztem Roman „Mathilde Möhring“ in Erscheinung tritt.

In diesem nachgelassenen Werk, das erst nach dem Tod des Autors 1907 veröffentlicht wurde, verlässt Fontane die Szenerie des Adels und des Großbürgertums und begibt sich, fast einem Abgesang gleich, in die Welt der „kleinen Leute“ – ohne dieses Milieu in irgendeiner Weise zu bewerten oder zu heroisieren.

Der Handlungsstrang ist schlicht, beinahe spärlich: Die Witwe Möhring lebt mit ihrer erwachsenen Tochter Mathilde in Berlin in beengten Verhältnissen und hält sich mit Zimmervermietung über Wasser. Als der verbummelte und antriebslose Student Hugo Großmann bei ihnen einzieht (er stammt übrigens aus Owinsk in der Nähe von Posen), erkennt die äußerlich farblose, doch resolute und praktisch denkende Mathilde die Chance, das kleinbürgerliche (und aussichtslose) Dasein abzustreifen und sich durch die eventuelle Heirat mit einem Akademiker abzusichern. Ohne direkte Verführungskünste, aber mit subtiler Raffinesse macht sie sich ihrem Kandidaten unentbehrlich und paukt ihn durchs Referendarexamen; es folgen Verlobung und Heirat und schließlich Großmanns erfolgreiche Bewerbung um den Bürgermeisterposten in „Woldenstein in Westpreußen“. Alle diese Stationen sind von der klug berechnenden Mathilde arrangiert worden, und auch in dem westpreußischen Provinznest vermag sie ihren wenig sattelfesten Ehemann in seinem Amt ständig mit „Ideen“ zu versorgen und ihm das nötige Ansehen zu verschaffen. Er gibt sich patriotisch (man wählt dort „konservativ“), versteht sich gut mit dem Landrat, bemüht sich um das Einvernehmen der drei Konfessionen, und Mathilde glänzt mit sachkundiger Konversation.

Allerdings wird über die Stadt, ihre Bewohner und die gesellschaftlichen Strukturen nichts gesagt. Die geographische Lage wird nur schemenhaft angedeutet, wenn etwa bei einem geplanten Verkehrsprojekt die Weichsel genannt wird. Im Personenensemble sticht unter einigen Honoratioren einzig der Auftritt des „alten polnischen Grafen“ heraus, der zudem der reichste und angesehenste Mann der ganzen Gegend sein soll; die Gestalt wirkt jedoch deplaziert und realitätsfern. Es bleibt beim strikten Durchzeichnen der Hauptakteure mit treffenden Dialogen und ironischem Timbre.

Mehr wollte Fontane auch gar nicht, denn eine Stadt „Woldenstein“ in Westpreußen existiert gar nicht. Der Ort und sein Name sind fiktiv, jede geographische Zuordnung entfällt, da es keinerlei Anhaltspunkte gibt. Der Name könnte allenfalls an jenen der neumärkischen Stadt Woldenberg im Kreis Friedeberg, hart an der posenschen Grenze, angelehnt sein, doch das bedeutet praktisch nichts.

Man muss wissen: Wir begegnen hier einem literarischen Kunstgriff Fontanes, den er fast durchgehend in seinem erzählerischen Werk anwendet, nämlich dem Einsatz von Phantasienamen für die hauptsächlichen Schauplätze der Geschehnisse. Die Liste dieser fiktiven Namen ist lang; es sei nur – bei „Effi Briest“ – die Stadt „Kessin“ in Hinterpommern erwähnt, die kein Atlas verzeichnet. Auch beim westpreußischen „Woldenstein“ liegt diese erfundene Lokalität vor, die wir nicht mit der realen, uns bekannten Welt abgleichen können. Es darf andererseits nicht darum gehen, von einem erfundenen Ort ein getreues Bild der Wirklichkeit gewinnen zu wollen, da diese schließlich ebenso einen Teil der Dichtkunst ausmacht. Es ist die eigene, die poetische Wirklichkeit Fontanes, die hier wie in allen übrigen Texten unangetastet bleiben soll. Somit erscheint sein „Ausflug“ nach Westpreußen als eine gar nicht so rätselhafte, allerdings wenigstens einmalige Episode.

Peter Letkemann (KK)

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