Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1308.

Wo man die Luft sehen konnte

Eine Architekturausstellung im Ruhrgebiet zeigt das postindustrielle Kulturerbe der Schwesterregion Oberschlesien

Hie Ruhrgebiet – da Oberschlesien. Oder umgekehrt? Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs war jedenfalls nur wenigen geläufig, daß Oberschlesien als Industriegebiet, als Motor für die Entwicklung einer Gegend genauso wichtig war wie das Ruhrgebiet. Und natürlich fand die Entwicklung nahezu zeitgleich statt – bis 1918 auch in einem Land.

Nach 1918 blieb das Ruhrgebiet Teil Preußens, während Oberschlesien geteilt wurde. Beuthen/Bytom, Gleiwitz/Gliwice und Hindenburg/Zabrze z.B. gehörten weiterhin zu Preußen, Kattowitz/Katowice, Königshütte/Chorzów und Tarnowitz/Tarnowskie Góry zu Polen. Nach 1945 war das geteilte Oberschlesien wieder vereint, freilich unter weniger guten Voraussetzungen als das ebenfalls zerstörte Ruhrgebiet.

Und während in Westdeutschland die Schlote wieder rauchten und man den Wiederaufbau sehen konnte, erfuhr man aus den nun weit weg liegenden Gebieten so gut wie nichts mehr.

Das änderte sich ab 1989. Wer wollte, konnte nun seine alte Heimat besuchen und wurde mit einer Realität konfrontiert, die einen brutal aus seinen Träumen und Erinnerungen reißen konnte. Wieder zeigte sich eine Gemeinsamkeit: Der Niedergang eines einst so mächtigen Industriereviers – hier wie dort – war zu konstatieren, aber nicht nur das. Hier wie dort gab und gibt es Bemühungen, an markanten Punkten das einstige Industrierevier museal zu bewahren.

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hatte gegen Ende der 1960er Jahre erkannt, daß man den Niedergang des Ruhrgebiets zwar nicht werde aufhalten können, aber in sogenannten Industriemuseen dokumentieren sollte, was war. Das erste Museum dieser Art ist die Zeche Zollern. Seit dem letzten November ist dort eine Fotoausstellung über das Industriegebiet Oberschlesien zu sehen: „Struktur und Architektur Das postindustrielle Kulturerbe Oberschlesiens“ mit Fotografien von Thomas Voßbeck. Gezeigt werden sowohl Bauwerke, deren Zerfall nicht mehr aufzuhalten ist, als auch gelungene Beispiele der Rettung.

In den Jahren 2004 und 2005 durchstreiften die Berliner Fotografen Anke Illing und Thomas Voßbeck Oberschlesien auf der Suche nach Zeugnissen der Industriearchitektur. Daraus entwickelte sich das Ausstellungsprojekt. Der Germanist und Übersetzer Dawid Smolorz, 1971 in Hindenburg/Zabrze geboren, begleitete die beiden auf ihren Expeditionen. Sein Beitrag zu diesem Katalog beginnt nachdenklich: „Nie hätte ich gedacht, dass Oberschlesien zu meinen Lebzeiten aufhören würde, ein Land der Zechen und Hütten, der Kokereien und rauchenden Schlote zu sein.“ Das kommt uns im Westen bekannt vor. Mit der Kohle ist 2018 Schluß im Ruhrgebiet, und so mit einer Industrie, die die Gegend geprägt hat.

In großformatigen Fotos, die viel Ruhe ausstrahlen, zeigt Thomas Voßbeck Kathedralen der Industrie aus allen Bereichen, die ein solches Revier ausmachen: Chemie, Bergbau, Kokerei, Kraftwerk, Hütte. Eingerahmt werden diese Kapitel von den Transportwegen, dem Kanal und natürlich der Bahn. Der Gleiwitzer Kanal/Kanal Gliwicki wurde zwischen 1934 und 1939 als Ersatz für den für den Gütertransport zu klein gewordenen Klodnitzkanal/Kanal Klodnicki gebaut. Er verbindet das Industriegebiet mit der Oder. Die Abwesenheit von Menschen auf diesen Fotos verdeutlicht einmal mehr die Dimension, in der damals Architektur gedacht wurde. Ob Kassenhalle oder Waschkaue, Turbinenhalle oder Lampensaal – die schiere Größe beeindruckt. Ging es doch den Architekten darum, in der imperialen Geste die Beherrschung der Natur zu dokumentieren. Die Kehrseite dieser Geste beschreibt Krzysztof Karwat in seiner Erinnerung an 1986: „Auf unsere Köpfe, genauso wie auf die Köpfe vieler Generationen von Oberschlesiern, fiel immer noch saurer Regen, und die Luft hatte bei uns eine außergewöhnliche Eigenschaft: Man konnte sie sehen.“ Dazu fällt einem die Diskussion um den blauen Himmel über der Ruhr ein.

Dawid Smolorz’ Enttäuschung wird dadurch gemildert, daß auch in Oberschlesien ein Strukturwandel eingesetzt hat, der einige der Industriebauten neuer Nutzung zugeführt hat, kulturell wie für Handel und Gewerbe. Auch das kennt man im Ruhrgebiet.

Ein gesondertes Kapitel widmet sich dem Architektenbüro der Cousins Emil und Georg Zillmann. Geboren in Meseritz/Miedzyrzecz, eröffneten sie nach ihrem Studium ein Architekturbüro in Berlin, fanden jedoch ihre größten Auftraggeber in Oberschlesien in der Gesellschaft Georg von Giesche’s Erben. Neben einer kompletten Schachtanlage entstanden z.B. die Siedlungen Gieschewald und Nickischschacht für die Angestellten und Arbeiter der Grube.

Die Zeche Zollern hat aus ihren eigenen Beständen eine Kollektion von Ansichtskarten des Fotografen Max Steckel beigesteuert. Steckel, 1870 in Frankfurt/Oder geboren, hat sein fotografisches Lebenswerk dem oberschlesischen Revier gewidmet. Seine wichtigste Publikation trägt den Titel „Schwarze Diamanten“ und enthält eine Fotoserie über den Bergbau in Oberschlesien. Er fotografierte nicht nur den Bergbau und das Alltagsgeschehen in Oberschlesien, sondern machte sich auch als Natur- und Tierfotograf einen Namen. Auf Zeche Zollern sind Ansichtskarten zu sehen, die er gern und reichlich produzierte.

Dazu hat der Klangkünstler  Richard Ortmann „vor Ort“  Geräusche aufgezeichnet, die  bald nicht mehr zu hören sein werden, weil der Strukturwandel sie schluckt, und deshalb schon jetzt nostalgisch nachhallen.

Der wunderbare, umfangreiche Katalog von 200 Seiten kostet inklusive beigelegter CD 19,80 Euro.

Ulrich Schmidt (KK)

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