Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1337.

Wo Menschen und Bücher lebten

So hat Paul Celan seine Heimat geschildert, und jenem teils verflossenen Leben ist das Augsburger Bukowina-Institut auf der Spur

Wo-MenschenEs war Dr. Georg Simnacher, der legendäre Bezirkstagspräsident von Schwaben, der beim 36. Bundestreffen der Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen (Bukowina) in seiner Festansprache in der Augsburger Kongresshalle vor 1200 Zuhörern den Vorschlag unterbreitete, eine Forschungsstelle für Kultur und Geschichte der Bukowina einzurichten. Die Arbeitsstelle (das Institut) solle sich mit Geschichte und Kultur der Bukowina auseinandersetzen, da eine staatliche Förderung nur über den Kulturparagraphen (§ 96) des Bundesvertriebenen- und -flüchtlingsgesetzes zum damaligen Zeitpunkt realistisch erschien. Sie habe sich mit den Menschen zu befassen, die aus der Bukowina stammten, umgesiedelt, angesiedelt, vertrieben wurden und nicht nur in Schwaben eine neue Heimat gefunden hätten. Der Repräsentant dieser gesellschaftlichen Gruppe war die Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen (Bukowina), über die der Bezirk Schwaben 1955 eine Patenschaft übernommen hatte. Diese Tatsache war die politische Grundlage für das (finanzielle) Engagement des Bezirkes Schwaben. Schließlich sollte das Institut eine „europäische Dimension“ bekommen.

Bei der Gründung des Instituts sollten folgende Institutionen beteiligt werden, die auch gemeinsam die Finanzierung sicherzustellen hatten: der Bezirk Schwaben (als Initiator), die Universität Augsburg (als Standort und Trägerinstitution) und die Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen mit ihrer wissenschaftlichen Abteilung, der Raimund-Friedrich-Kaindl- Gesellschaft (als Forschungs- und Dokumentationsgegenstand).

Bereits zu Beginn des Wintersemesters im November 1985 tagte eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Prof. Dr. Pankraz Fried (Schwäbische und Bayerische Landesgeschichte), Prof. Dr. Johannes Hampel (Didaktik der Sozialkunde), Privatdozent Dr. Günther Kapfhammer (Landes- und Volkskunde) und mir (Schulpädagogik), in der Universität Augsburg und legte Ergebnisse ihrer Besprechungen vor. Der „Fahrplan“ zur Gründung eines Bukowina- Instituts bestand aus einer Präambel, welche die Voraussetzungen beschrieb, und vier Planungsschritten: 1. Aufbau einer Sammlung in der Universitätsbibliothek, 2. Gründe für die Einrichtung einer Forschungsstelle für Kultur und Geschichte der Bukowina (Buchenland), 3. Geplante Forschungsschwerpunkte und Aktivitäten und 4. Personalausstattung – Finanzierung.

Die Forschungsstelle sollte einen kulturpolitischen und kulturpädagogischen Auftrag wahrnehmen, Informationen über die Bukowina dokumentieren und an eine jüngere Forschergeneration weitergeben. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe boten ihre eigenen Forschungsschwerpunkte für die Arbeit der Forschungsstelle an: Dokumentation volkskundlicher Aspekte des Kulturlebens der Bukowina (Kapfhammer), Dokumentation bayerisch-schwäbischer Beziehungen zur Bukowina (Fried), Erforschung der ethnischen Problematik in der Bukowina als politischer Modellfall (Hampel) und Beobachtung der gegenwärtigen Situation im buchenländischen Raum mit Schwerpunkt Schulwesen (Kotzian).

Die Aufbauphase des Bukowina-Instituts am Alten Postweg 97a wurde von der Universität Augsburg weitgehend ignoriert. Erst langsam und schrittweise kam es zu einer Annäherung zwischen Institut und einzelnen Universitätsmitgliedern, sodann mit verschiedenen Lehrstühlen über gemeinsame Forschungsschwerpunkte. Dabei hatte das Bukowina-Institut immer nachzuweisen, dass es im Wissenschaftsbetrieb etwas anzubieten hatte. Im Jahr 2003 wurde dem Bukowina-Institut schließlich vom bayerischen Wissenschaftsministerium der Status eines „Instituts an der Universität Augsburg“ nach dem Bayerischen Hochschulgesetz verliehen.

Bereits in den ersten Jahren seines Bestehens organisierte das Bukowina-Institut mehrere wissenschaftliche Konferenzen, an denen auch Vertreter der Universität Augsburg (allerdings „privat“) als Referenten und Forscher teilnahmen.

Die Tätigkeit wurde interdisziplinär und international aufgezogen. Nach dem Modell des Augsburger Bukowina-Instituts wurden Institute in der Ukraine an der Universität Czernowitz und in Rumänien in Radautz durch die Akademie der Wissenschaften gegründet. Alle drei Institute vereinbarten partnerschaftliche Zusammenarbeit und führten gemeinsam wissenschaftliche Tagungen durch. Der „Aspekt der jüngsten Entwicklungen“ wurde von den Verantwortlichen der Einrichtung ohne politischen Auftrag aufgegriffen und in den Vordergrund gerückt.

Im Rückblick auf „Zehn Jahre Forschungsarbeit über einen einst multikulturellen Landstrich“ schrieb die „Süddeutsche Zeitung“: „Mit der Gründung des Bukowina- Instituts sollte nunmehr die Erinnerung an das rege Kultur- und Geistesleben dieser Region wachgehalten werden, die heute in ihrem nördlichen Teil zur Ukraine und im Süden zu Rumänien gehört.“ Auch diese Würdigung seitens einer überregionalen Zeitung zeigt: Das Bukowina-Institut war alles andere als gescheitert.

Nach der Gründung zog sich der Aufbau des Instituts etwa 18 Monate hin. „Gut ein Jahr nach der Gründung waren dann auch die angemieteten Institutsräume im Augsburger Univiertel bezugsfertig“, so die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrem Bericht weiter. Am 10. November 1989, dem Tag nach der Nacht, in der in Berlin die Mauer gefallen war, fand die Schlüsselübergabe in den neuen Räumen des Instituts am Alten Postweg 97a in unmittelbarer Nähe der Universität Augsburg statt. „Dieser historische Tag eröffnete nicht nur Deutschland, sondern auch der jungen Forschungseinrichtung völlig neue Perspektiven. Denn plötzlich bestand die Möglichkeit zur direkten Begegnung mit den Menschen in der Bukowina und zur Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Institutionen dieser Region.“ Soweit das Resümee der „Süddeutschen Zeitung“.

Am Tag der offiziellen „Einweihung und festlichen Eröffnung des Bukowina-Instituts“ am 13. Februar 1990 sprach der Bayerische Staatsminister für Arbeit und Sozialordnung, Dr. Gebhard Glück, Bundespräsident Richard von Weizsäcker sandte ein Grußwort, und in Anwesenheit von sechs Bischöfen, Priestern und Vertretern unterschiedlicher Religionen und christlicher Konfessionen wurde in einem ökumenischen Weiheakt das Bukowina- Institut seiner Bestimmung übergeben. In den Jahren 2014 und 2015 gibt es also zwei weitere Gelegenheiten, die Arbeit des Bukowina-Instituts und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 25 Jahren zu würdigen.

Ortfried Kotzian (KK)

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