Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1320.

Würde kommt aus der Würdigung des andern

Im Königsberger Gebiet pflegen russische „Landsleute“ das deutsche Kulturerbe

Mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg ist unter den noch lebenden Menschen aus den deutschen Ostgebieten oft die Meinung verbreitet, nun sei bald alles aus: die offizielle Politik interessiere sich ohnehin schon seit Jahrzehnten nicht mehr für die Belange der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, als Wählerschaft seien die noch verbliebenen Landsmannschaften irrelevant, die Förderung der ostdeutschen Kultur nach §96 BVFG erreiche nur marginale Werte im Vergleich zur staatlichen Förderung sonstiger Kultur wie der Filmförderung, und in den mittelosteuropäischen Staaten werde die frühere deutsche Kultur, wo sie denn noch erkennbar sei, vereinnahmt und verfremdet. Wenn erst einmal die früheren Bewohner der deutschen Ostprovinzen gänzlich ausgestorben seien, dann werde man auch ihre Kultur restlos verschwinden lassen. – Solche von Resignation und Trauer geprägten Töne kann man in Kreisen von Betroffenen immer wieder hören.

Trifft diese Sicht der Dinge zu? Steht in wenigen Jahren das Ende einer jahrhundertelangen kulturellen Entwicklung im östlichen Europa bevor? Am Beispiel von Reiseeindrücken aus der Kaliningradskaja Oblast, dem früheren Königsberger Gebiet, im April 2012 werden gegenläufige, durchaus mutmachende Erfahrungen berichtet.

Wer kennt in Deutschland noch den Bildhauer Hermann Brachert (1890–1972)? Der in Stuttgart geborene Künstler übernahm 1919 die Abteilung für Bildhauerei an der Kunst- und Gewerbeschule Königsberg, wurde 1933 von den Nazis entlassen und übersiedelte mit seiner Familie nach Georgenswalde bei Rauschen, wo er seine plastischen Arbeiten vor allem der Frauenschönheit widmete. Nach über 25 Jahren in Ostpreußen verließ er mit vielen anderen 1945 seine Wahlheimat und kehrte nach Stuttgart zurück, wo er Rektor der Akademie der bildenden Künste wurde. 1972 ist er in Schlaitdorf bei Nürtingen gestorben.

Obwohl zahlreiche Werke Bracherts in Königsberg gegen Kriegsende zerstört wurden, blieben gerade in Georgenswalde und in Rauschen an der Samlandküste seine berühmte Nymphe, die Schwebende Nymphe, die Wasserträgerin und zahlreiche andere Werke erhalten. Anfang der 1990er Jahre wurde deswegen auf Anregung des Architekten und Brachert-Freundes Dietrich Zlomke ein kleines Museum in deutsch-russischer Zusammenarbeit errichtet, bis heute sorgsam geleitet von Ala Sarul, die in Georgenswalde ihr Leben ganz dem Andenken an Hermann Brachert gewidmet hat. Nach Plänen von Zlomke soll in naher Zukunft neben dem Museum eine Bildhauerschule begründet werden, um dem erbaulichen Rückblick auch eine Dimension der Zukunft zu verleihen.

Im Königsberger Deutsch-Russischen Haus finden sich an einem April-Abend mehr als fünfzig Russen zusammen, um einen Vortrag über Ernst Wiechert zu hören, der im Mai 2012 seinen 125. Geburtstag hat und der über 30 Jahre seines Lebens in Königsberg wirkte, davon zehn Jahre als Studienrat am Hufen-Gymnasium. Die meisten Zuhörer, nicht nur die der deutschen Sprache Mächtigen, kennen Wiechert dank der ersten Übersetzungen ins Russische, die von der Germanistin Lidia Natjagan besorgt und in Buchform herausgegeben wurden.

Das Deutsch-Russische Haus geht auf eine Anregung der Stiftung Königsberg GmbH von 1989, des Kurators Fried von der Groeben, zurück und wurde 1993 zusammen mit dem Bundesministerium des Innern errichtet. Dieses Haus prägt inzwischen seit vielen Jahren unter der engagierten Leitung von Andrej Portnjagin das deutsch-russische kulturelle Leben in Kaliningrad in einer beispielhaften zusammenführenden Weise.

Das Hufen-Gymnasium neben dem Tiergarten hat den Krieg weitgehend unbeschadet überstanden und dient heute als ein der Staatlichen Kant-Universität angegliedertes Bau-Kolleg mit Schwerpunkt Altbausanierung. Im Erdgeschoß sind Examensarbeiten zu sehen, die Königsberger Monumente zum Thema haben. Vor dem Hauptportal wurde von dem unvergessenen russischen Dichter Sem Simkin (gestorben 2010) ein Findling deponiert, der in deutscher und russischer Inschrift auf das Wirken Ernst Wiecherts an dieser Schule hinweist. Im ersten Stock empfangen die Direktorin des Kollegs, eine Deutschlehrerin und Studenten die deutschen Besucher in einem Gedenkraum, der gleichermaßen der Erinnerung an das Gymnasium und an seinen berühmten Lehrer gewidmet ist. Die Studenten haben eine Wiechert-Lesung eingeübt und überzeugen durch ihre Sprachkenntnisse und ihr jugendliches Engagement.

Am Hansaplatz, dem heutigen Platz des Sieges, liegt der Nordbahnhof, von dem aus man wie früher mit der Bahn an die Samlandküste fahren kann. Der Bahnhof weist seit 2011 eine Besonderheit auf: eine schlichte schwarze Gedenktafel mit einem von Stacheldraht durchkreuzten Davidstern und einer Inschrift in deutscher  und russischer Sprache. Die Tafel erinnert an den ersten von drei Transporten, mit denen die SS fast fünfhundert jüdische Bürger Königsbergs am Johannistag des Jahres 1942 von diesem Bahnhof nach Minsk verbracht hat, um sie dort zu ermorden. Die Tafel wurde von der Jüdischen Gemeinde in Kaliningrad, der Stadtgemeinschaft Königsberg und der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas gemeinsam im Juni 2011 in Anwesenheit von jüdischen Zeitzeugen enthüllt und ist seitdem ein stilles Mahnmal daran, daß auch in Königsberg die Nationalsozialisten gewütet haben.

Die Kaliningrader Universität von 1967 wurde zum 750. Stadtjubiläum 2005 in Staatliche Kant-Universität umbenannt. Ein von Herbert Beister (gestorben 2012) gestiftetes Porträtbildnis des Philosophen ziert die rechte Seite des Hauptportals, und aus einiger Entfernung grüßt seit 1992 das Standbild Kants von einem Sockel, eine vom Bildhauer Harald Haacke geschaffene Replik des Denkmals von Christian Daniel Rauch, die Kaliningrad den beiden Kant-Verehrern Marion Gräfin Dönhoff und Friedrich Wilhelm Christians verdankt.

Das Standbild des Gründers der Universität, Herzog Albrecht von Brandenburg-Ansbach, steht seit 2005 als Geschenk der Stiftung Königsberg gegenüber der Stoa Kantiana auf der Kneiphof-Insel an der Stelle, wo einst die Alte Universität von 1544 ihren Platz hatte.

In der Haupthalle der Universität sind die russischen Studenten von Königsberger Geistesgrößen umgeben, deren Reliefs an den Wänden angebracht sind: der Mathematiker und Physiker Franz Neumann (1798–1895) und der Chemiker Karl Gottfried Hagen (1749–1829), Simon Dach (1605–1659), der Dichter des „Ännchen von Tharau“, und der Universalkünstler E.T. A. Hoffmann (1776–1822), der Politiker und Dichter Theodor Gottlieb von Hippel (1722–1796) und Kants Gegenspieler Johann Georg Hamann (1730–1788). Es ist bemerkenswert, daß die neue Kaliningrader Universität in dieser Weise die Tradition der altehrwürdigen Königsberger Albertina aufnimmt und weiterzuführen versucht.

Ganz in der Nähe, an der alten Schloßmauer, befindet sich seit 1993 wieder die Kant-Tafel mit dem berühmten Wort aus Kants „Kritik der praktischen Vernunft“, jetzt in deutscher und russischer Sprache: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Die Stadtgemeinschaft Königsberg (Pr) hat die Tafel in Zusammenarbeit mit der Kaliningrader Stadtverwaltung an der Stelle anbringen lassen, wo sie bereits vor über hundert Jahren, seit 1904, an der Schloßmauer von allen Königsbergern gelesen werden konnte.

Im Dom auf der Kneiphof-Insel wurden im April 2012 an Kants 288. Geburtstag zwei Gelehrten-Tafeln von Gerfried Horst, dem Vorsitzenden der Gesellschaft der Freunde Kants und Königsbergs, enthüllt. Die deutsche Tafel ist eine Stiftung dieser Gesellschaft und der Stadtgemeinschaft Königsberg. Über der Stelle auf der Nordseite des Domes, wo die Gelehrten der Albertina begraben wurden, sieht man jetzt 32 bedeutende Namen. Die russische Tafel auf der Südseite des Domes enthält erst neun Namen, darunter den des 2002 verstorbenen Astronomen Kazimir Lawrinowicz, dem ausgezeichnete Werke über den Astronomen Friedrich Wilhelm Bessel (1784–1846) und die Albertina (1544–1945) zu verdanken sind.

Der wiederaufgebaute Dom sei ein großartiges Beispiel deutsch-russischer Zusammenarbeit, betont Dombaumeister Igor Odinzow: Anfang der 1990er Jahre standen von der dachlosen Ruine nur die Grundmauern auf dem früher dicht bebauten, nun aber völlig leeren Kneiphof. Seit 2005 ist der Bau wiederhergestellt, nicht in allen Details wie früher, aber als gelungenes Bauwerk, nutzbar für Gottesdienste, Konzerte und Vorträge. In den beiden Türmen befinden sich wie früher kostbare Ausstellungen, die Wallenrodtsche Bibliothek, ein Kant-Museum und als neueste Attraktion ein riesiges Stadtmodell des alten Königsberg.

Im hohen Chor werden die Grabreliefs Herzog Albrechts, seiner Gattin Dorothea und anderer Familien von polnischen Fachleuten restauriert, und die modernen Kirchenfenster wurden von den Nachkommen der im Dom begrabenen Hochmeister des Deutschen Ordens und Königsberger Familien gesponsert. In den Erdgeschossen der beiden Türme befinden sich auf der Nordseite eine orthodoxe, auf der Südseite eine evangelische Kapelle: die Ökumene ergänzt das deutsch-russische Zusammenspiel.

Schönste Attraktion ist seit 2005 die große Orgel, auch eine Zusammenarbeit einer Potsdamer Orgelfirma mit russischen Künstlern, die sich der Außengestaltung angenommen haben. Sie ist elektronisch mit einer kleineren Saalorgel verbunden, einzigartig in ganz Rußland, wie Dombaumeister Odinzow stolz bemerkt. Ohne die Orgel, die drei Millionen Euro gekostet haben soll, beziffert Odinzow die Gesamtkosten des Wiederaufbaus auf sieben Millionen Euro – im wesentlichen deutsche und russische öffentliche Mittel und Spendengelder – ein Bruchteil der Summe, die in Dresden für den Wiederaufbau der Frauenkirche aufgewendet wurde.

An der Nordseite des Domes findet der Besucher eine kleine, vom Museum Stadt Königsberg in Duisburg erstellte Ausstellung über evangelische Kirchenlieder, die erstmals im Dom erklungen sind. Das bekannteste ist das Adventslied „Macht hoch die Tür“ von Georg Weissel aus dem Jahre 1642. Gegenüber auf der Südseite hat sich Dombaumeister Odinzow etwas Besonderes einfallen lassen: Für jeden berühmten Organisten, der in „seinem“ Dom spielt, setzt er eine Note mit Namenszug in die vorgegebenen Bronzelinien neben den Notenschlüssel. Er verweist auf Olivier Latry, den Organisten von Notre Dame in Paris, der im Juli 2012 Kaliningrad wieder besuchen wird. Er ist mit dem Domorganisten Artjom Chatschaturow befreundet. Bronzereliefs erinnern an die Komponisten Otto Nicolai (1810–1849), den Gründer der Wiener Philharmoniker, die zu seinem 200. Geburtstag 2010 in Kaliningrad gastierten, und an Richard Wagner (1813–1883), der schon mit 23 Jahren Musikdirektor des Königsberger Theaters wurde und dort seine Minna Planer geheiratet hat.

Wieder im Frühlingssonnenschein, kann die Reisegruppe das 2005 restaurierte Königstor bewundern, sieht bei einer Pregelrundfahrt das Museum der Meere mit dem Flüchtlingsschiff „Vitjas“ und das renovierte Tor Friedrichsburg, erschließt sich die Königsberger Alltagsgeschichte im Museum Friedländer Tor und kommt bei einem Spaziergang am Schloßteich an der Stadthalle vorbei, die 2012 einhundert Jahre alt wird und heute als Museum für Geschichte und Kunst dient. 2010 fand dort die erste Kant-Ausstellung nach dem Krieg statt, eine Zusammenarbeit zwischen dem Museum Stadt Königsberg und dem Kaliningrader Museum.

Es sollten nur ein paar Reiseeindrücke geschildert werden. Jede systematische Analyse der deutschen Kultur, wie sie heute von russischen „Landsleuten“ und Heimatforschern in der Kaliningradskaja Oblast, also nicht nur in Kaliningrad, gepflegt wird, würde einen ungeahnten Reichtum zutage fördern, der zur Resignation keinen Anlaß gibt. Es zeigt sich vielmehr, daß vieles, was in Jahrhunderten gewachsen ist, genügend Überlebens- und auch Überzeugungskraft hat, dass es weiterleben wird, auch wenn die angestammte Bevölkerung nicht mehr für seine Pflege sorgen kann.

Klaus Weigelt (KK)

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