Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1221.

Zärtlicher Antreiber

Ernst Schremmer, der jugendliche Geist ostdeutscher Kunst und Kultur, wäre 90 Jahre alt geworden

Neunzig Jahre wäre er, und es wäre schön, seiner zu gedenken, so ein Anruf aus Bonn. Dann ein Brief und in Kopie beigefügt die Zeichnung von Oskar Kreibich aus dem Jahre 1982 – da war er 66 Jahre „alt“. Wer sich aber seiner erinnert, der sieht ihn etwa so: eine Art fliegender Bote, er lebte aus seinen zwei Aktentaschen, die vollgestopft waren von bekritzelten Papieren, aus denen er aber alle wichtigen Notizen und Nachrichten mühelos zusammenfand. Eine merkwürdige, liebenswerte Ruhelosigkeit bestimmte sein Leben, dessen meiste Zeit in den deutschen und internationalen Eisenbahnzügen stattfand – er war von geradezu rührender Bescheidenheit und einer gewissen Scheu, daß man Fragen zu seiner Person stellen könnte.

Er muß eine behütete Kindheit gehabt haben, er war ein brillanter Schüler und gewann nach Privatstunden bei einer älteren Dame ein Stipendium des Institut Français – und die stolze Lehrerin übergab ihm für eine Frankreichreise das Sparbuch, in dem sie fein säuberlich die Zahlungen des jungen Gymnasiasten eingetragen hatte! Diese einstige Lehrerin war die einzige Bezugsperson aus der alten Heimat, und er schrieb ihr aus allen Ländern immer wieder und wieder. Ich hatte ihn beim Studium in Prag kennengelernt. Er blieb wegen seiner schweren Lungeninsuffizienz von der Einberufung verschont und arbeitete nach seiner Promotion bei dem Germanisten Prof. Dr. Erich Trunz in Reichenberg in der Kulturabteilung der Gauverwaltung.

Nach dem Krieg wurde Esslingen sein Standort, wo er gemeinsam mit dem Schriftsteller Josef Mühlberger aus Trautenau die Künstlergilde gründete und 1958 vertriebene Künstler aller Sparten und aller Herkunftsgebiete zur ersten Esslinger Begegnung einlud, die dann immer im Mai stattfand. Als Berufsverband angelegt, vom Land Baden-Württemberg ebenso wie von der Stadt und vom Bund gefördert, entwickelte sich daraus eine einzigartige, für sehr viele vertriebene schöpferische Menschen lebenswichtige Gemeinschaft.

Und Ernst Schremmer war der Spiritus movens. Er verfügte über eine besonders lebendige Art zu erzählen, zu schreiben, zu organisieren, zu helfen – und er trat immer bescheiden zurück, wenn es um die Sache ging. Es sei etwa an seine blendenden Einführungen in unzählige Ausstellungskataloge erinnert, an seine wache Beobachtung des Kunstmarktes, an sein besonderes Interesse an Theater und Ballett. So eilte er nach Salzburg zu den Festspielen ebenso wie nach Edinburgh – dies in seinem sogenannten „Urlaub“. Er war als Journalist gefragt und besonders als – Reiseleiter! So heißt auch sein keineswegs überholtes Handbuch für Reisen in die Tschechoslowakei! Wie rasch waren die Plätze ausverkauft, wie unterhaltsam die Fahrten. Schremmer am Abend der letzte, in der Früh der erste, unermüdlich.

Im Vorstand der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat redete er der künstlerischen Kreativität unermüdlich das Wort. Auch im Adalbert Stifter Verein war er im Vorstand, und gemeinsam mit diesem war er seit Beginn der Sammlungen in Regensburg am Stadtpark – zunächst in der Sudetendeutschen, dann in der Ostdeutschen Galerie – aktiv beteiligt in der Leitung, in der Jury, bei den herbstlichen Begegnungen. Dort, im Verwaltungsgebäude, dem ehemaligen Schützenhaus, hatte er im Gastzimmer zeitweise ein kleines Zuhause, betreut vom Ehepaar Pinzer.

Als eine schwere Krankheit ihn jäh aus der Arbeit riß, war er ganz verändert. Der Schmerz über die Entwicklung in Esslingen machte ihn fast stumm. Ich habe ihn in den verschiedenen Krankenhäusern wiederholt besucht.

Es war erschütternd, wenngleich auch dann gelegentlich sein Temperament wieder aufblitzte.
Am 3. Mai 1998 ist er ohne Schmerzen sanft verschieden. In Stuttgart liegt er begraben. Die große Sammlung von Erstausgaben mit persönlichen Widmungen der Freunde zumal aus der Gilde hat die Bibliothek im Sudetendeutschen Haus übernommen, die über den größten Bestand osteuropäischer Publikationen in Mitteleuropa verfügt und seinen Nachlaß angemessen verwaltet.

Wir erinnern uns in Dankbarkeit!

Johanna von Herzogenberg (KK)

«

»