Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1235.

Zettelkasten als Fluchtgepäck

Das Werk des nordsiebenbürgisch-sächsischen Mundartforschers Friedrich Krauß findet mit dem fünften Band des Wörterbuchs den Abschluß

Mehr als 850000 Zettel hat der siebenbürgische Pfarrer Friedrich Krauß (1892–1978) benötigt, um in rund 60 Jahren den Wortschatz seines heimatlichen Dialekts zu sammeln. 1978 übernimmt das Institut für Geschichtliche Landeskunde der Universität Bonn seinen Nachlaß. Dort beginnt 1980 die Arbeit am Nordsiebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuch (NSSWB), gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).

Mit hoher wissenschaftlicher Kompetenz und viel persönlichem Einsatz ist das umfangreiche Werk nach nur 25 Jahren mit  Vorlage des fünften Bandes fertiggestellt. Ende Februar ist es auf einer Tagung zur „Lexikographie der deutschen Mundarten in Südosteuropa“ in München vorgestellt worden.

Steht frühmorgens unerwarteter Besuch vor der Tür des Nordsiebenbürger Sachsen, dann „struckelt“ die „Drimzochel“ und hofft, daß sie nicht wie eine „Strubbelente“ aussieht. Auf Hochdeutsch: Die Schlafmütze zieht sich hastig etwas an und ordnet gegebenenfalls noch schnell ihr Haar. Die mittelfränkischen Mundarten Siebenbürgens besitzen vorrangig Merkmale aus der westlichen Moselregion um Trier und Luxemburg, zeigen aber auch jüngere ostmitteldeutsche und bairische Elemente sowie Einflüsse aus dem Österreichischen, Ungarischen und Rumänischen.

Schon im 12. Jahrhundert ziehen die ersten Siedler nach Siebenbürgen, vom ungarischen König zur Kultivierung des Landes im Karpatenbogen geholt. Mit vielen Sonderrechten ausgestattet und sehr eigenständig, spielen die „Sachsen“ bis ins 19. Jahrhundert eine besondere Rolle und entwickeln eine blühende Kultur. Nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wandern die Deutschen massenweise aus Siebenbürgen aus. Die älteste deutsche Sprachinsel mit ihren Mundarten ist vom Untergang bedroht.

Nicht nur der Sprache, sondern auch dem nordsiebenbürgischen Kulturgut kann man in den fünf Bänden mit 4500 Seiten auf die Spur kommen: Neben Wortformen und Satzbeispielen liefert es viele Verweise auf volkskundliche und handwerkliche  Eigenheiten. Sprachgeschichtliche Einblicke und kulturhistorische Details komplettieren die lexikalische Dokumentation der traditionsreichen Sprachinsel.

Pfarrer Krauß hat in rund 60 Jahren Wörter, Sätze und Redensarten in der Mundart seiner nordsiebenbürgischen Landsleute aufgeschrieben und schon begonnen, ein Manuskript für das Wörterbuch auszuarbeiten. Nach seinem Tod initiiert die Universität Bonn in Zusammenarbeit mit dem Siebenbürgen-Institut den Umzug des gesammelten Materials zum Institutssitz in Gundelsheim am Neckar. Dort beginnen Gisela Richter und Helga Feßler 1980 mit der Arbeit am ersten Band, der 1986 im Böhlau-Verlag in Köln erscheint. Der Altrektor der Universität Bonn, Professor Dr. Werner Besch, leitet gemeinsam mit Professor Dr. Kurt Rein von der Universität München den wissenschaftlichen Beirat, dem auch der Bonner Sprachwissenschaftler Dr. Walter Hoffmann angehört hat.

Krauß, geboren am 31. Dezember 1892 in Bistritz, studierte Germanistik und Altphilologie in Marburg, Leipzig und Klausenburg und war tätig als Gymnasiallehrer in Bis­tritz und Pfarrer in Reußen und Weilau. Wegen eines Gehörleidens wurde er 1937 vorzeitig pensioniert. 1944 flüchtete er in den Westen; er lebte seit 1951 in Bonn, danach in  Drabenderhöhe im Bergischen Land, wo er am 5. April 1978 starb.

Seine Arbeit erfuhr selbst während der Evakuierung der nordsiebenbürgisch-sächsischen Bevölkerung 1944 keine Unterbrechung. Im Gegenteil, der Sprachwissenschaftler, der statt Hausrat seine Zettel auf die Flucht mitgenommen hatte, nutzt die im Flüchtlingslager gebotene einmalige Gelegenheit, Landsleute aus verschiedenen nordsiebenbürgischen Ortschaften befragen zu können. Auf diese Weise legte er den Grundstein für das Nordsiebenbürgisch-Sächsische Wörterbuch, dessen Erscheinen er allerdings nicht mehr erleben kann.

Johann Steiner (KK)

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