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Ausgaben: Ausgabe 1308.

Zu sehr besorgt?

Nachbar Polen plant weiter den Atomeinstieg

„Scheinbar braucht der Mensch immer neue Natur – oder selbst fabrizierte Katastrophen, die ihn für ein paar Sekunden zum kritischen Denken verführen“, schreibt eine Leserin in der „Zeit“. Die Atomdebatte nahm nach dem GAU im japanischen Kernkraftwerk Fukushima auf der ganzen Welt enorm zu. Während die Bundesrepublik Deutschland einen Ausstieg aus der Kernenergie überlegt und zu planen sucht, will die Republik Polen ein neues Atomkraftwerk bauen.

Bis 2020 soll der Anteil erneuerbarer Energien am Energiemix in Polen 20 Prozent betragen. Aber in diesem von der EU vorgegebenen Tempo kann Polen den Umbau der Energieversorgung weg von fossilen hin zu erneuerbaren Energien kaum leisten. Die heimische Kohle ist billig, der Wechsel zu Wind- und Solarenergie dagegen teuer.

Deshalb will die polnische Regierung Energie auch mit Atomreaktoren erzeugen. Noch bis vor kurzem gab es hier keine öffentliche Diskussion darüber. Doch die oppositionelle Linkspartei SLD forderte neulich ein Referendum über den Bau von Atomkraftwerken. Wie Premierminister Donald Tusk jedoch erklärte, sei eine Volksabstimmung nicht nötig. „Ich habe den Eindruck, daß die polnische Öffentlichkeit an möglichst preiswerter, möglichst sicherer und möglichst sauberer Energie interessiert ist“, so Tusk wörtlich. Man dürfe nicht in Panik geraten. Die eigentliche Ursache der Strahlungsgefahr in Japan sei nicht die Havarie eines Atomkraftwerks, sondern Erdbeben und Tsunami.

Vor dem Unglück von Fukushima waren 30 Prozent der Polen für den Bau eines Atomkraftwerkes. 32 Prozent waren ausdrücklich dagegen. Wie es heute aussieht, dazu gibt es keine aktuellen Daten. Die Befürworter der Kernenergie versuchen den GAU in Japan mit einer Naturkatastrophe zu erklären und dadurch von der eigentlichen Wahrheit abzulenken: die Atomkraftwerke waren nicht sicher, sind es nicht und werden es niemals sein, wie Ökologen und Umweltpolitiker unterstreichen. Hanna Trojanowska, die Regierungsbeauftragte für Atomenergie, spricht dennoch von Sicherheit. Wie sie in einem Interview für den Polnischen Rundfunk sagte, werde Polen ein AKW der dritten Generation bauen, nach neuesten Standards: „Strom wird in Polen vor allem durch Kohlekraftwerke erzeugt. Nur dank eines Atommeilers kann die Abhängigkeit von Kohle und die schädliche Emission von Kohlendioxid verringert werden. Außerdem wird die Atomenergie mit rationalen Kosten produziert. Sie ist auch umweltfreundlich.“ Angesichts des Energiebedarfs und zum Zweck der Energiesicherheit in Polen sei es wichtig, die Energieversorgung zu diversifizieren. Man brauche die Atomkraft, meint Trojanowska.

Die Gegner der Atompolitik behaupten, Polen verfüge über entsprechende Ressourcen, um einen guten Energie-Mix zu entwickeln. Auch wenn das Land nicht unbedingt die besten Bedingungen für Solarener-
gie biete, gebe es andere Möglichkeiten, erneuerbare Energie zu erzeugen. Jacek Korski, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des polnischen Kohlekonzerns Kompania Weglowa SA, meint dazu: „Der Nationale Fonds für Naturschutz unterstützt viele Initiativen für den Gewinn der Energie aus erneuerbaren Quellen. Damit meine ich vor allem Windkraftwerke und Biomasse. Solche positiven Beispiele nehmen in Polen zu. Sie reichen jedoch noch nicht aus, um von einer bedeutenden Energiebilanz sprechen zu können.“

Trotz aller Kritik bleibt die polnische Regierung bei ihrem Vorhaben. Der Berliner Senat appellierte an das Nachbarland, eine energiepolitische Wende herbeizuführen. „Kernkraft ist keine Lösung“, sagte Senatssprecher Richard Meng dem „Tagesspiegel“. Man könne nur hoffen, daß die atomare Katastrophe in Japan zum Umdenken führe, so Meng weiter. „Und das heißt: Aussteigen in Deutschland und nicht einsteigen in Polen.“ Auch Matthias Platzeck, der Ministerpräsident Brandenburgs, mahnte Polen nachdrücklich, die Atompläne zu stoppen. Doch der Regierungschef Tusk äußerte sich kritisch zu diesem Appell. Für ihn sei er unangebracht. „Ein Staat mit 17 Atomkraftwerken sollte nicht zu sehr um die polnischen Pläne zur Atomkraft besorgt sein“, so Tusk.

Bis Ende Juni sollen alle rechtlichen Bestimmungen für den AKW-Bau in Polen vorliegen. Bis Dezember 2013 soll über die Lage des Kernkraftwerkes entschieden werden.

Arkadiusz Luba (KK)

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