Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1243.

Zum Reden ist man nie zu alt, zum Hören nie zu jung

Schüler des Reutlinger Friedrich-List-Gymnasiums haben im Rahmen eines Projekts Zeitzeugen von Flucht und Vertreibung befragt

22 Schülerinnen und Schüler der Klasse 9d des Friedrich-List-Gymnasiums Reutlingen stellten am 12. Juli 2007 im Haus der Heimat in Stuttgart ihr aufwendiges Zeitzeugenprojekt „Flucht und Vertreibung – Die Erfahrungen unserer Großeltern“ vor und ernteten für ihre für das Radio bearbeitete Dokumentation viel Lob und Anerkennung von Fachleuten, darunter Historiker und Vertreter des Innenministeriums sowie der Schulverwaltung. „Ich konnte während des Gesprächs mit meiner Großmutter richtig mitfühlen, welche Ängste sie während der Flucht ausgestanden hat“, berichtete Berenike, deren Großmutter 1945 vor der Roten Armee aus Schlesien flüchten mußte. Andere Zeitzeugen berichteten unter Tränen von Vergewaltigungen, von vermißten und verwaisten Kindern, von der Angst vor russischen Soldaten, von Albträumen bis zum heutigen Tag.

„Während des Zweiten Weltkriegs und in der Zeit danach waren 14 Millionen Deutsche in Ostmittel- und Südosteuropa von Flucht und Vertreibung aus ihrer Heimat betroffen. Fast jeder vierte Baden-Württemberger hat heute Vorfahren aus diesem Raum oder stammt selbst von dort. Was liegt da näher, als dieses Thema im Geschichtsunterricht mit Hilfe noch lebender Zeitzeugen zu behandeln?“ erklärte Christine Bertram, Geschichts- und Klassenlehrerin der 9d, die Idee zu diesem außergewöhnlichen Zeitzeugenprojekt. In mehreren Arbeitsgruppen interviewten die Jugendlichen von März bis Juni sechs Zeitzeugen von Umsiedlung, Flucht und Vertreibung aus Schlesien, Ostpreußen, Ungarn, dem Sudetenland und dem Banat. Eine besonders persönliche Note erhielten die Befragungen durch den Umstand, daß alle Zeitzeugen Großeltern oder nahe Verwandte der Schülerinnen und Schüler waren.

Bei der Präsentation der Schülerarbeiten wurde deutlich, wie wichtig und nützlich die Beschäftigung mit dem Thema ist. Die Jugendlichen verstehen ihren eigenen Worten zufolge jetzt besser als zuvor, wie sehr die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft durch Erfahrungen von Krieg, Flucht und Vertreibung geprägt wurde und teilweise noch wird. Ob es um die EU geht, um den Konflikt auf dem Balkan oder um das deutsch-polnische Verhältnis: „Immer wieder stoßen wir auf Themen und Konflikte, die eine lange Vorgeschichte haben und nur vor ihrem Hintergrund zu verstehen und zu lösen sind. Hierfür konnte dieses Zeitzeugen-Projekt einen wichtigen Betrag leisten“, resümierte Christine Bertram bei der Schülerpräsentation im Haus der Heimat.

Carsten Eichenberger (KK)

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