Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1216.

Zur Nachbarschaft verurteilt

Es ist eine Veröffentlichung des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Mit den zwölf Seiten des Vorspanns (Gliederung, ein deutsches und ein polnisches Vorwort) sind es mehr als 500 Seiten über ein Jahrfünft, so der deutsche Herausgeber, über sechs Jahre, so die polnische Zählung, und man liest im Buch sogar von sieben Jahren, die „präsentistisch (sic!) analysiert“ werden sollen (laut Dieter Bingen). Im Jahre 2000 erschien der erste Band derartiger Analysen für die zehn Jahre von 1989 bis 1998.

Die polnische Mitherausgeberin nennt das Buch das „Resultat der Arbeiten deutscher und polnischer Forscher“ über „die deutsch-polnischen Beziehungen in den wichtigsten Lebensbereichen“. Allerdings sind unter den 20 Mitarbeitern an diesem Buch zwei Deutsche und 18 Polen. Gerade weil die polnische Herausgeberin davon spricht, daß Deutsche und Polen „zur Nachbarschaft verurteilt“ sind, wäre es angebracht gewesen, nicht mehrheitlich polnischen Stimmen das Wort zu erteilen, sondern – vielleicht sogar in gleicher Zahl – auch deutschen Mitarbeitern. Ohnehin ist dieser Sammelband viel zu dick ausgefallen, für jedes Jahr dieses Jahrfünfts stehen gleichsam 100 Seiten mit unterschiedlichen, sich meist wiederholenden Interpretationen zur Verfügung.

Die am häufigsten und immer widerstreitend genannte Politikerin ist, neben Bundeskanzler Gerhard Schröder, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, Mitglied des Deutschen Bundestages. Dies ergibt sich dadurch, daß eine Vielzahl der polnischen Autoren das „Zentrum gegen Vertreibungen“ immer von neuem „politisch analysiert“. In einem Dreistufen-Verfahren geschieht das, wie überhaupt durchwegs in der Widerspiegelung der Ereignisse in den Jahren zwischen 1998 und 2004 verfahren wird: zuerst die Nachricht, und diese ist allgemein bekannt, dann der Leitartikel, der Meinung verbreitet und Meinung bilden soll, und jetzt endlich das Grundsätzliche und Allgemeine, das professionell gefestigte und gescheite Urteil. Um dieses Urteil zu begründen und zu formulieren, sind den Autoren jeweils 20 bis 40 Seiten eingeräumt.

Am ausführlichsten und zugleich am aggressivsten befaßt sich Wojciech Pieciak in seinem Beitrag „Historische Diskussionen und die Rolle in der kollektiven Erinnerung und in den deutsch-polnischen Beziehungen“ mit dem „Zentrum gegen Vertreibungen“. Vom Verfasser, übrigens einem der jüngsten Beiträger, heißt es: 1967 geboren, Germanist, Redakteur der katholischen Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ in Krakau.

Die vom Autor an uns Deutsche gestellte Frage laute nicht, ob wir uns an die „Opfer von Vertreibungen“ erinnern oder erinnern dürfen, sondern „wie“ die Deutschen erinnern: „Wie sieht ihr neues Gedächtnis aus. Welches ist seine Sprache?“ Es wird von einer „Erinnerungslandschaft“ gesprochen, in der „Polen nicht vertreten“ ist. Es gebe das Holocaust-Mahnmal mit der Erinnerung an das jüdische Schicksal und jetzt das Vorhaben eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ als Erinnerung an das deutsche Schicksal, aber wo bleibe Polen mit seinem Schicksal während des Zweiten Weltkrieges? Dies sei die Frage, die zuerst eine Antwort verlange. Heftigen Widerspruch löst, so meint Pieciak, auch die Tatsache aus, daß ausgerechnet der Bund der Vertriebenen Initiator dieses Zentrums sein soll.

Offenbar schwingt im „kollektiven Gedächtnis“ immer noch das kommunistische Schlagwort von den „Revanchisten“ mit. Das heißt, all das, was der Bund der Vertriebenen in eigener Verantwortung unternimmt, ist von vornherein von Übel. Fehlen darf dann auch nicht, daß die Charta der deutschen Heimatvertriebenen vom 5. August 1950 böswillig zu „einem in ihrem Wesen revisionistischen Dokument“ erklärt wird. In der gleichen Tonlage wird gleichzeitig mit Erika Steinbach auch Jörg Friedrich wegen seines Buches „Der Brand“ über den Bombenkrieg geradezu feindlich beurteilt.

Da der Sammelband, der sonst schon wegen seines Umfangs und der Übersetzungen aus dem Polnischen bestimmt nicht hätte erscheinen können, vor allem von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und dem Auswärtigen Amt in Berlin, außerdem noch von den Bundesländern gefördert worden ist, bleibt zu fragen, wo die deutschen Einlassungen geblieben sind. Den (nicht durchwegs) nationalistisch verfaßten Beiträgen hätten abgewogene deutsche Stellungnahmen entgegengesetzt werden müssen!

Ein kluger Beitrag stammt von Beata Ociepka, Professorin der Politikwissenschaft, über „Das Bild der Deutschen und der Polen in den Medien“, in dem sie die Medien des eigenen Landes wohlbegründet sowohl psychologisch als auch kritisch betrachtet und abhandelt. „Die Darstellung der Probleme offenbart Manipulationsmechanismen, die darauf beruhen, einige Informationen zu verschweigen und andere wieder aufzubauschen.“ Ociepka greift die Personalisierung des „Zentrums gegen Vertreibungen“ auf, weil die Angriffe stets gegen Erika Steinbach initiiert und geführt werden, und zugleich die Überhitzung der in Polen geführten Diskussion, die während der journalistischen „Sauregurkenzeit“ im Sommer 2003 ausgelöst worden ist. Sie macht auch deutlich, daß erst dank der in den polnischen Medien geführten hitzigen Diskussionen aus diesem „Zentrum gegen Vertreibungen“ ein Problem geworden ist, das dann als Echo auf Deutschland zurückschlug, so daß nunmehr ein kaum beachteter Vorgang zu einem kritischen Ereignis der deutsch-polnischen Beziehungen hochgespielt worden ist.

In die fünf, sechs Jahre, über die analytisch referiert wird, fallen vor allem der Beginn der Mitgliedschaft Polens in der NATO 1999 und der Beitritt zur Europäischen Union mit dem 1. Mai 2004. Über die Folgen letzteren Datums kann wegen des Erscheinungstermins des Buches noch nicht berichtet werden, darum ergeht man sich in Hoffnungen. Aber die Zugehörigkeit zu den Acht, die sich als das Neue Europa verstehen und mit der Politik der USA im Irak konform gehen, ganz im Gegensatz zu Deutschland, hat den Aufsatzschreibern Stoff geboten. Allerdings ist Neues und vor allem Gewichtiges nicht zu erfahren, es sei denn, man bezieht als Leser die aktuellen Umfragen über des Volkes Meinung und neuere Zitate aus jüngsten Presseveröffentlichungen als Neuigkeiten in sein Bild von den deutsch-polnischen Beziehungen ein.

Daß dieses umfangreiche Buch einem dringenden Bedürfnis, mehr zu wissen, Rechnung trägt, kann nicht behauptet werden. Es wird viel Text angeboten, aber wenig Inhalt ist das Ergebnis.

Nachbarn auf Distanz. Polen und Deutsche 1998–2004. Hg. von Anna Wolff-Poweska und Dieter Bingen. Harassowitz Verlag, Wiesbaden 2005, 496 S., 29,80 Euro

Herbert Hupka (KK)

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