Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1337.

Zusammenraufen als Zivilisationstechnik

Tagung über Ungarn und Deutsche als Brückenbauer der europäischen Einigung mit Beteiligung des OKR im ungarischen Szekszárd

Zusammenraufen1Nach den Kriegen des 20. Jahrhunderts musste man dankbar sein, dass sie in den 50-er Jahren laut Márta Fata vom Institut für Donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen, in Kochlöffelkriegen ausliefen und zumindest regional ein Ende fanden, wenig rühmlich, aber immerhin opferarm. So hießen die Konflikte, die damals zwischen den von der unteren Donau vertriebenen und den „eigentlichen“, den baden-württembergischen Schwaben ausgetragen wurden, als diese und jene sich, von den Siegermächten im viel zu kleinen Ländle zusammengezwungen, auch im Haushalt zusammenraufen mussten.

Überhaupt ist das Zusammenraufen, das ergab die Tagung der Konrad-Adenauer- Stiftung in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kultur in östlichen Europa – OKR und der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen in Szekszárd Mitte Oktober, bis heute eine der unabdingbaren Zivilisationstechniken. Im ausgehenden 20. und dem aufgehenden 21. Jahrhundert hat man gelernt, dass nur Zusammendenken zu allgemein erträglichen und tragbaren Schlüssen führt, dass man miteinander reden muss, wenn man miteinander leben will; dabei ist dieses Wollen eben ein Müssen und umgekehrt, schließlich sitzt man in der globalisierten Welt immer enger beieinander und jedes Gegeneinander wäre fatal.

So war es denn auch kein Showdown, sondern ein beiderseits willkommener Austausch, als György Hölvényi, Staatssekretär für Kirchen-, Minderheiten- und Zivilgesellschaftsfragen im ungarischen Ministerium für Humanressourcen, einen, so Frank Spengler, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Budapest, „Rechenschaftsbericht“ über die Erfolge der Regierung in diesem Bereich hielt und gleich darauf Otto Heinek, der Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, zahlreiche Bedenken, ja Beschwerden vorbrachte. Letzterer hatte seinen Vortrag, witzig und nicht minder gewitzt, unter ein Motto nordschleswigscher Provenienz gestellt: Eine zufriedene Minderheit hat sich aufgegeben. Die ungarndeutsche Minderheit hat sich nicht aufgegeben, sie ist also pflichtgemäß und konsequent und produktiv unzufrieden. Staatssekretär Hölvényi notierte gewissenhaft, so dass OKR-Präsident Klaus Weigelt launig, aber sachlich richtig feststellen konnte, die Anliegen der Ungarndeutschen seien auch durch diese Tagung auf Kabinettsebene gehoben worden.

Zusammenraufen2Für einen bequem im sozialen Netzwerk der Bundesrepublik Deutschland Aufgehobenen ist es ein Erlebnis, diesen Otto Heinek und seine Tolnauer Mitstreiter Mihály Józan-Jilling und György Kremer zu sehen und zu hören: gestandene Männer, die wissen, dass nichts steht, auch nach mehr als zwanzig Jahren nicht, dass alles morgen fallen kann, dass die zwar demokratische, gleichwohl oft dramatische Umwälzung in Ungarn und allenthalben Kinder gebiert – und frisst. Georg Paul Hefty, der in ost- und südosteuropäischen Gefilden bewährte F.A.Z.-Fahrensmann, legte im Gespräch mit der Komitatsselbstverwaltung Tolnau den Finger auf die Wunde: Wo ist die Gewähr, dass all das, was diese tatkräftigen Aktiven ins Werk gesetzt haben und setzen, Bestand hat? Mögen die Ungarn und die Deutschen und die Ungarndeutschen auch Brückenbauer der europäischen Einigung sein, Identität ist genausowenig unumstößlich wie Brücken. Wer ist in ein paar Jahren wer, und wie schafft er es, er selbst zu bleiben?

Aus Heftys Sicht – und dem Beifall nach zu urteilen gab es niemanden, der sie nicht teilte – ist die Mühe und Arbeit gerade dieser kleinen Gruppen an sich selbst und für ihr pflegliches Auskommen in der größeren Gemeinschaft auf kommunaler und regionaler über die Landes- bis hin zur europäischen Ebene der einzige halbwegs verlässliche Wechsel auf die Zukunft, gleichsam ein zaghaftes Versprechen darauf, dass Europa in irgendeiner Weise „gelingt“. Es ist eine auf den ersten Blick befremdliche, aber durchaus schlüssige Dialektik: Nur wer ganz er selbst sein will in allen religiösen, ethischen und ethnischen Belangen, handelt so, dass auch alle anderen sie selbst sein können und dass ein Gemeinwesen entsteht, in dem das möglich ist. Georg Paul Hefty stellte sogar die oft, auch in der Themensetzung zu dieser Tagung, bemühte Metapher in Frage: Brückenbauer der europäischen Einigung. Brücken seien vonnöten, wenn sich schier unüberwindliche Hindernisse querstellten, für den Gang Europas zu sich selbst aber reichten Straßen, Wege, ja mitunter Pfade aus.

Eben und geradlinig sind diese natürlich nicht. Davon kündet schon die europäische Amtsbezeichnung des ungarischen Parlamentariers Ferenc Kalmár: Er ist Rapporteur für die Lage und Rechte europäischer nationaler Minderheiten des Ausschusses für Chancengleichheit und Antidiskriminierung der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, und er gestand, dass er mit dem pejorativ anmutenden Begriff „Minderheiten“ ebenso seine Probleme habe wie mit dem des „Nationalstaates“. Hier tun weitere Differenzierungen – etwa zwischen traditionellen ethnischen Gruppen und den eher ad hoc zustande kommenden Gruppierungen der Migranten – Not, denn jedwelche Pauschalisierung ist ein Schritt weg von der Sensibilität, die man gerade in diesem sensiblen Bereich walten lassen muss.

Schon dass der Umgang mit den Minderheiten von seiten der Europäischen Union mehr oder minder pauschal zum Kriterium für die Zugehörigkeit der einzelnen Mitgliedsstaaten erhoben worden ist, wird weder den komplizierten Zu- und Umständen in diesen Staaten gerecht noch den ebenso komplexen und komplizierten Befindlichkeiten all der Gruppen und Grüppchen. Jan Diedrichsen, Generalsekretär der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen, wies mit nachgerade inständiger Eloquenz darauf hin, dass etwa das Mitglied und Sorgenkind Griechenland diesem Maßstab bis heute keineswegs gerecht wird. Dafür überbrachte Edwin Warkentin, der persönliche Referent des für Minderheiten und Aussiedlerfragen zuständiger BMI-Staatssekretärs Christoph Bergner, den Dank an das ungarische Parlament, welches als erstes im östlichen Europa mit Einvernehmen aller Parteien einen nationalen Gedenktag für die seinerzeit aus dem Land vertriebenen Deutschen eingeführt hat. Am 19. Januar 2014 wird er zum ersten Mal begangen, und die an der Szekszárder Tagung Beteiligten, allen voran der Budapester KAS-Leiter Frank Spengler, OKR-Präsident Klaus Weigelt und LVU-Vorsitzender Otto Heinek, taten lebhaftes Interesse an einer Mitgestaltung kund.

ZusammenraufenAn diesem Feiertag, aber auch an allen anderen Tagen der letzten Jahre zeigt sich eine gar nicht mehr so neue Offenheit, die sich schon im durch Vertretungen im Parlament und das Ergebnis der Volkszählung von 2011 niedergeschlagen hat, als sich rund 50 Prozent mehr ungarische Staatsbürger als 2001 zu einer Minderheit bekannt haben, was Klaus Riedel, der Gesandte der deutschen Botschaft in Ungarn, besonders zu würdigen wusste. Die großen Leistungen Deutscher entlang der Geschichte Ungarns von der Christianisierung über die technischen Neuerungen und wirtschaftlichen Wertsteigerungen bis hin zu Glanzlichtern in Kunst und Kultur, die Gerhard Seewann, Stiftungsprofessor an der Fünfkirchener Universität, eindrucksvoll und plastisch Revue passieren ließ, fallen dabei ebenso ins Gewicht wie die aktuellen, vermeintlich kleinen Errungenschaften in Sachen Unterrichtswesen, von denen Béla Horváth, Dekan der Fakultät Illyés Gyula derselben Universität, zu berichten wusste.

Nur wer ganz er selbst sein will, handelt so, dass auch alle andern sie selbst sein können und dass ein Gemeinwesen entsteht, in dem das möglich ist.

Gerade im Kontext Schule und Unterricht aber wurde auch der am beständigsten nachwirkende Kummer, die schmerzlichste Wunde, die das Kriegsfolgenschicksal den Ungarndeutschen geschlagen hat, angesprochen und sollte im Verlauf der Tagung, zumal im Vortrag Otto Heineks und bei der Begegnung mit Vertretern der Tolnauer Selbstverwaltung, immer wieder in ihrer fatalen Dimension zur Sprache kommen: die Sprache eben, die Muttersprache, deren Verlust und die großen Mühen, sie wiederzubeleben und lebendig zu erhalten.

Schwer nachzuvollziehen, aber umso anrührender war der knappe autobiographische Rückblick von Andrea Komáromy, der Stellvertreterin des Botschafters von Ungarn in der Schweiz. Sie hat als Kind von einer ungarndeutschen Frau Deutsch gelernt, danach in Budapest Germanistik studiert, aber bis in die achtziger Jahre nichts davon gewusst, dass diese Sprache auch in Ungarn eine Heimat hat. Nun zu beklagen, wie groß und für die Betroffenen verletzend solche ehemals politisch gesteuerte, aber auch heute fortbestehende Indolenz und Ignoranz selbst in Deutschland immer noch ist, genügt Ralf Thomas Göllner, dem stellvertretenden Direktor des Ungarischen Instituts Regensburg, das an der dortigen Universität ein Hungaricum betreibt, beileibe nicht – ihr auf den Leib zu rücken bemühen sich vielmehr er und seine Kollegen und Studenten nach Kräften mit den Mitteln der akademischen Forschung und Lehre.

Das wiederum sind Kräfte, die eine Tagung wie diese zwar nicht schaffen kann, deren Entfaltung sie aber punktuell zu dokumentieren und schon dadurch in den Köpfen die ansteckende Unruhe auszulösen vermag, die es braucht, damit man sich, jenseits aller Metaphern, auf den Weg macht, nach Griechenland oder Szekszárd, nach Budapest oder Bonn, zueinander.

Georg Aescht (KK)

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