Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1278.

Zwischen „bleierner Müdigkeit“ und „glühender“ Liebe zu Ostpreußen

Die ostpreußische Schriftstellerin Agnes Miegel (1879–1964) ist heute vergessen. Obwohl sie einst, allerdings im Deutschen Kaiserreich um die vorletzte Jahrhundertwende, als Balladendichterin berühmt war, obwohl sie 1916 mit dem angesehenen Kleist-Preis und 1924 mit der Ehrendoktorwürde der Albertina, wie die Universität ihrer Heimatstadt Königsberg hieß, ausgezeichnet wurde, obwohl noch zu Lebzeiten der Autorin 1952/55 die „Gesammelten Werke" in sechs Bänden erschienen, ist ihr Name in der Öffentlichkeit kaum noch bekannt; ihre anrührenden Gedichte über die Flucht im Winter 1945, „Abschied von Königsberg" und „Wagen an Wagen", ihre „Geschichten aus Alt-Preußen" (1924) werden nicht mehr gelesen, und auch das literaturwissenschaftliche Interesse an ihrem Werk ist nahezu erloschen, sofern es nicht politisch motiviert ist.

Noch vor drei Jahrzehnten war das ganz anders. Da trugen Schulen in den vier Städten Düsseldorf, Osnabrück, Wilhelmshaven und Willich mit Stolz ihren Namen, in mehreren Städten waren Straßen nach ihr benannt, und die Deutsche Bundespost ehrte die Dichterin zum 100. Geburtstag 1979 mit einer Briefmarke. Aber weder die Gründung einer Agnes-Miegel-Gesellschaft am 9. März 1969 mit dem Festvortrag des aus Ostpreußen stammenden, in München lehrenden Germanisten Helmut Motekat, Verfasser einer „Ostpreußischen Literaturgeschichte", noch die Einrichtung eines Agnes-Miegel-Hauses am 26. Oktober 1974, ihrem zehnten Todestag, in Bad Nenndorf am Deister, wo sie nach der Flucht aus Königsberg am 27. Februar 1945 und nach den Jahren in Dänemark ihre letzte Bleibe gefunden hatte, haben verhindern können, daß ihr Werk in Vergessenheit geriet.

Die vorliegende Briefausgabe, die zur Leipziger Buchmesse im März 2009 erschien, ist das erste Buch mit authentischen Agnes-Miegel-Texten seit 1962 und die erste Veröffentlichung ihrer Briefe überhaupt. Der Titel „Als wir uns fanden, Schwester, wie waren wir jung" ist einem Gedicht zum 60. Geburtstag Agnes Miegels 1939 entnommen, das die Briefpartnerin Lulu von Strauß und Torney (1873–1956) von Jena nach Königsberg schickte.

Die beiden Briefschreiberinnen, die zwischen dem 7. Januar 1901 und dem 27. Dezember 1922 miteinander korrespondierten, hatten sich über einen dritten Balladendichter kennengelernt, Börries Freiherrn von Münchhausen (1874–1945). Er hatte im „Göttinger Musenalmanach für 1901" (Dezember 1900) Balladen beider Dichterinnen, die, wie der Briefwechsel ergibt, zugleich seine Geliebten waren, abgedruckt und dadurch eine lebenslange Freundschaft gestiftet. Mit dem Jahr 1922 brach die Korrespondenz ab, ohne daß dem Leser erklärt würde, warum. Ein letzter Brief wurde, elf Jahre danach, zu Lulus 60. Geburtstag am 20. September 1933 geschrieben.

Als Agnes den ersten Brief abschickte, war sie Pflegerin im Kaiser-Wilhelm-Krankenhaus in Berlin, während Lulu, die in Bückeburg/Weserbergland zu Hause war, noch bis zum 7. März 1901 im Berliner Charlottenheim wohnte, um das literarische Berlin zu erkunden. Im gleichen Jahr erschien ihre erste Novelle „Bauernstolz", der weitere Prosatexte, darunter die Romane „Lucifer" (1907) und „Judas" (1911) folgten. Leider sind Lulus Briefe an Agnes nicht erhalten, weil die Empfängerin sie, wie sie im Brief vom 9. September 1908 bekundete, vernichtet hat („Ich zerreiße und verbrenne alle Briefe"), so daß die Herausgeber andere Quellen zur Erläuterung einbeziehen mußten. So ergibt sich beim Lesen der Briefe und der Erklärungen in den Fußnoten das eindrucksvolle und farbige Bild vom frühen Leben einer ostpreußischen Schriftstellerin mit wechselnden Anschriften in Königsberg (Weidendamm, Mitteltragheim, Kneiphöfische Hofgasse, Großer Domplatz), die offensichtlich kein Glück mit Männern hatte (1908: „Ich möchte mich so brennend gerne verlieben") und ehemaligen Geliebten wie Börries von Münchhausen und dessen Vetter, dem Kunsthistoriker Hans von der Gabelentz (1872–1946), noch Jahre nachtrauerte.

Jenseits aller Freuden und Kümmernisse im Privatleben der Autorin sind diese Briefe aber auch unersetzliche Zeugnisse des kulturellen Lebens im späten Kaiserreich und in der frühen Weimarer Republik. So werden Autorennamen und Buchtitel genannt wie der der Deutsch-Russin Lou Andreas-Salomé (1861–1937), die nacheinander Freundin und Ratgeberin des Philosophen Friedrich Nietzsche (1844–1900), des Psychoanalytikers Sigmund Freud (1856–1939) und des Dichters Rainer Maria Rilke (1875–1926) war und die in Göttingen begraben liegt. Weitere Namen sind der des Goethe-Forschers Reinhard Buchwald (1884–1983), Lektor im Diederichs-Verlag, der des ostpreußischen Schriftstellers Friedrich Reck-Malleczewen (1884–1945 ermordet im Konzentrationslager Dachau), der postum mit seinem „Tagebuch eines Verzweifelten" (1947) bekannt wurde, und schließlich der des Politikers Theodor Heuss (1884–1963), der nach zwei Weltkriegen Bundespräsident werden sollte (1949/59).

Während der elf Jahre 1907/17, in denen Agnes Miegel in Königsberg ihre kranken Eltern pflegte, hat sie ein, gemessen an ihren Vorstellungen, nutzloses Leben geführt. Ihre Fähigkeit, Gedichte zu schreiben, erlosch zusehends: Zwischen 1907 und 1920 ist kein Buch mehr von ihr erschienen. Auch ihre Krankheiten nahmen in diesen Jahren zu und verbreiteten sich über den ganzen Körper. Auch von „bleierner Müdigkeit" (1921) schrieb sie noch vier Jahre nach dem Tod ihres Vaters, für den sie sich aufgeopfert hatte. Nach bürgerlichen Kriterien war sie nach dem Ersten Weltkrieg eine gescheiterte Existenz, was ihr bewußt war. Sie hatte keinen Beruf, der sie ernähren konnte, weshalb sie Bettelbriefe nach Jena schrieb, wo ihre Freundin nach der Hochzeit 1916 mit Eugen Diederichs ein erfülltes Leben führte und in der Verlagsarbeit aufging.

Die einzige Abwechslung, die Agnes Miegel blieb, waren Reisen von der nach 1918 abgetrennten Exklave Ostpreußen „ins Reich", nach Berlin, Weimar, München, Hannover, Kolberg, einmal mit Lulu nach Italien, oder, wie im Sommer 1921, mit Ina Seidel nach Jena. Aber auch diese Reisen waren von Not überschattet, wie sie Armut und Krankheit erzeugten, von „diesen ständig würgenden Geldsorgen", schrieb sie 1921. Die mehrmals, schon 1902, an Lulu gerichtete Bitte, sie in Königsberg zu besuchen, blieb unerfüllt, obwohl sie ihre Heimatstadt, das umgebende Samland, die Küstenorte Cranz, Rauschen, Schwarzort in leuchtenden Farben schilderte. Ihre Liebe zu Ostpreußen überhaupt ist das, was diese Briefe so wertvoll macht für uns nachgeborene Leser. „Ich hänge glühend an Ostpreußen", schrieb sie 1921 nach Jena, nachdem sie jahrelang vergeblich versucht hatte, ihre Briefpartnerin hierher zu locken – bis sie selbst weggehen mußte.

Die Briefe sind gut und zuverlässig kommentiert, was ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung durchaus keine Selbstverständlichkeit ist. Manches freilich blieb unerklärt: Wer sind „Lolchen und Bolchen"? Was sind „Poggen und Addern"? Wer waren die „letzten Verwandten" oder die „letzten Blutsverwandten"? Die flache Hand heißt nicht „palmus", sondern „palma", und das Dorf Pinnau mit seinen 67 Einwohnern lag nicht „nahe der Stadt Wehlau", sondern im Kreis Heiligenbeil.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

Marianne Kopp/Ulf Diederichs (Herausgeber): „Als wir uns fanden, Schwester, wie waren wir jung". Agnes Miegel an Lulu von Strauß und Torney. Briefe 1901 bis 1922. MaroVerlag, Augsburg 2009, 336 S., 22 Euro

«

»