Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1398.

Zwischenruf

Der 11. November, Tag des Gedenkens, nicht ohne Bedenken

In der Geometrie des Todes ist der Lebende verloren. Er muss sich selbst wiederfinden: Kriegsgräber (Ossuaire de
Douaumont)
Bild: Wikimedia Commons

Das Ende des Ersten Weltkriegs liegt 100 Jahre zurück. Die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts endete am 11. November 1918. Seitdem begehen unsere französischen Nachbarn jährlich den „Armistice“, den Tag des Waffenstillstands. In jedem Dorf steht, oft beim Rathaus, der Mairie, ein Kriegerdenkmal, an dem sich an diesem Tage die Bevölkerung versammelt, um der gefallenen Bewohner – Väter, Söhne, Brüder – zu gedenken.

Zwischen Deutschland und Frankreich gibt es inzwischen über 2000 Städtepartnerschaften. Es gehört zur guten Tradition dieser Partnerschaften, dass von deutscher Seite Delegationen zum Gedenken an dem Tag des Armistice zu entsenden und mit den französischen Partnern friedlich der Jahre des Krieges und seiner Toten zu gedenken. Dieser Tag ist deswegen so wichtig, weil sich die blutigen Ereignisse im Norden Frankreichs fest in das kollektive Gedächtnis der Nation eingegraben haben.
Jahrelang hatten sich damals – von 1915 bis 1918 – die Soldaten beider Nationen in den Gräben von St. Quentin und Laon bis Reims und Verdun zwischen Oise, Aisne und Marne gegenübergelegen und in einem zermürbenden Stellungskrieg zu Hunderttausenden gegenseitig getötet, ein Inferno, wie es bis dahin keins gegeben hatte, das nur durch die monströsen Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs übertroffen werden sollte.

Zum 100. Jahrestag des Armistice versammelten sich die ehemaligen Feinde als Freunde in Paris zu Gedenkfeiern. Zahlreiche Staatsoberhäupter und Regierungschefs hatten sich eingefunden und schritten schweigend in einer Phalanx die Prachtstraße Avenue des Champs-Élysées entlang bis zum Arc de Triomphe zum Grabmal des unbekannten Soldaten.

Zugleich hatten sich deutsche Schülerinnen und Schüler in ihre französischen Partnerstädte aufgemacht, um mit ihren dortigen Schulkameraden in die Geschichte des Ersten Weltkriegs zurückzublicken. So die 14jährige Athénaïs aus Sindelfingen, die mit ihren Mitschülern nach Corbeil Essonnes bei Paris gefahren ist, um dort von ihrem Ururgroßvater zu berichten, der 1918 auf dem Kriegsschauplatz Chemin des Dames bei Laon gefallen ist. Er gehört zu den fast 20 Millionen Opfern, die dieser Krieg unter Soldaten und Zivilisten gefordert hat.

Anlässlich des Jahrhundert-Jubiläums hatte „The National Piping Centre“ aus Schottland für Sonntag, den 11. November 2018, um 6 Uhr, weltweit zum gemeinschaftlichen Dudelsackspiel aufgerufen. Mindestens 1000 Musiker haben zu ihrem Holzblasinstrument gegriffen und ihm die bekannten Töne entlockt. Auch in Bad Waldsee im Landkreis Ravensburg waren die Klänge zu hören. Am Sonntag war Marius Held früh aufgestanden. Pünktlich um 6 Uhr hatte er auf dem Steg beim Ruderverein gestanden und in Richtung Stadtsee gespielt. „Es ist eine einmalige Aktion und schon etwas Besonderes, wenn man von Deutschland aus mitmacht“, erklärte der 16-Jährige und weiß, dass die Initiative vor allem in Schottland großen Zuspruch gefunden hat. Doch ganz gleich, wo auf der Welt sich die Dudelsackspieler befinden, sie haben alle das gleiche Stück gespielt. Es trägt den passenden Titel: „When the Battle is Over“.

Gemeinsam mit seinem Vater Martin und seinem Dudelsackschüler Ulrich Jung hat Held den Titel am Sonntagmorgen mehrmals intoniert. Schließlich ist das Musikstück nur rund eineinhalb Minuten lang. Dabei trug Held auch die original schottische Uniform und stand folglich in Kilt auf dem Floß, berichtet die „Schwäbische“.

Pünktlich zum 11. November war man auch im Rheinland aktiv. Dort begann um 11 Uhr 11 Minuten die Fünfte Jahreszeit. Tausende von Närrinnen und Narren krakeelten, johlten und lärmten verkleidet und Alkoholfahnen schwenkend durch die Straßen und über die Plätze ihrer Städte. Der rheinische Frohsinn kennt keine Grenzen. Nur einmal, während des Golfkrieges 1991, hielt man, und auch das nur teilweise, inne. Ansonsten lässt sich das fröhliche Brauchtum durch nichts, schon gar nicht durch historische Gedenktage oder ein solches Jahrhundertereignis wie das Ende des Ersten Weltkriegs in seiner allumfassenden Vergnügungssucht beeinträchtigen.

Klaus Weigelt (KK)

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