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Gedenktage

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200. Geburtstag:
Ignaz Philipp Semmelweis
(1.7.1818 Buda/ Ungarn – 13.8.1865 Döbling bei Wien)

Als „Retter der Mütter“ ist er in die (Medizin-)Geschichte eingegangen: der ungarische Gynäkologe Ignaz Semmelweis. Er war der Erste, der die Ursachen des gefährlichen „Kindbettfiebers“ erkannte, das damals zahlreichen jungen Müttern das Leben kostete. Anerkennung wurde ihm freilich erst nach seinem Tod zuteil.

Geboren wurde Semmelweis im ungarischen Buda am westlichen Donauufer, zuhause wurde jedoch deutsch gesprochen. Er war das fünfte Kind einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, die dem Sohn eine ausgezeichnete Schulbildung ermöglichte. Nach dem Besuch des Gymnasiums begann der junge Semmelsweis zunächst mit einem Philosophiestudium, wechselte dann auf Wunsch des Vaters zu Jura, bevor er sein Interesse an der Medizin entdeckte. In Wien wurde er 1844 zum Dr. med. promoviert. Damals beschloss er, sich auf die Gynäkologie zu spezialisieren. Von 1846 bis 1849 arbeitete er als Assistenzarzt am 1784 eröffneten Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Auch wenn in dieser Klinik meist ärmere Frauen entbanden, so hatte sie doch einen guten Ruf und die Sterblichkeitsrate der Mütter war mit 1,25 Prozent relativ gering. Seit 1820 stieg die Zahl der Todesfälle infolge des „Kindbettfiebers“ jedoch rapide an, ohne dass man der Ursache nachging. Dabei hatte es in diesem Krankenhaus eine entscheidende Veränderung gegeben, nachdem die Geburtsstation der Universitätsklinik angegliedert worden war. Von nun an wurden Hebammen und Medizinstudenten in getrennten Abteilungen ausgebildet. Dabei fiel auf: Die Sterblichkeitsrate der Mütter war in der Abteilung der Medizinstudenten mit fast zehn Prozent ungewöhnlich hoch, während sie bei den Hebammen nur etwa drei Prozent betrug. Doch warum? Selbst einem Untersuchungsausschuss gelang es nicht, diese brisante Frage zu beantworten.

Dem jungen Assistenzarzt Ignaz Semmelweis ließen die vielen Todesfälle jedoch keine Ruhe: „Ein Kind zur Welt zu bringen ist genauso gefährlich wie eine Lungenentzündung“, notierte er 1846 in sein Tagebuch. Um der Ursache auf den Grund zu gehen, obduzierte er die verstorbenen Frauen und stellte fest, dass Venen und Lymphgefäße sowie andere Körperbereiche der Toten entzündet waren. Lag vielleicht eine ansteckende Krankheit zugrunde? Aber das erklärte nicht, warum die meisten Todesfälle erstaunlicherweise in der Abteilung der Medizinstudenten vorkamen.

Dass Semmelweis schließlich des Rätsels Lösung fand, hatte einen tragischen Hintergrund. Einer seiner Kollegen, der sich während einer Obduktion an der Hand verletzt hatte, starb völlig unerwartet an einer Blutvergiftung. Als Semmelweis das Sezierprotokoll las, stellte er erstaunt fest, dass der Kollege die gleichen Symptome aufwies wie die verstorbenen Mütter. Lag das womöglich daran, dass die frisch entbundenen Frauen von Ärzten und Studenten untersucht wurden, die zuvor eine Autopsie vorgenommen hatten? Übertrugen sie auf diesem Wege das „Leichengift“? Tatsächlich erkannte Semmelweis, dass nicht nur die „Leichenteile, sondern auch die aus lebendigen Organismen stammenden anderen zerfallenden organischen Materialien“ imstande waren, eine lebensbedrohliche Infektion hervorzurufen. Überträger mussten zwangsläufig die Mediziner sein, die Tag für Tag mit Leichen in Berührung kamen.

Als notwendige hygienische Maßnahme führte Semmelweis die Handdesinfektion ein: „Um alle Leichenpartikel zu zerstören, die an den Händen haften, benutzte ich seit etwa Mitte Mai 1847 Chlorwasser, mit dem ich und alle Studenten uns vor der Visite die Hände waschen mussten. Nach einiger Zeit gab ich das Chlorwasser aufgrund seiner hohen Kosten auf und ersetzte es durch den billigeren Chlorkalk.“

Das Ergebnis war verblüffend: Allein durch die regelmäßige Handdesinfektion ging die Sterblichkeitsrate der Frauen rapide zurück. Trotzdem reagierten die Kollegen zurückhaltend, manche sogar feindselig. Herablassend sprach man von einer „Manie“ Semmelweis´ und hielt das Händewaschen für pure Zeitverschwendung. Das machte die Arbeit am Wiener Allgemeinen Krankenhaus immer schwieriger. Im März 1849 beendete Semmelweis sein Arbeitsverhältnis und zog in das seinem Geburtsort gegenüberliegende Pest, wo er zunächst eine Privatpraxis eröffnete. Doch auch wenn er hier 1855 eine Professur für Geburtshilfe erhielt, so gelang es ihm trotz schriftlicher Veröffentlichung seiner Untersuchungen nicht, die meist skeptischen Kollegen von den Hygienemaßnahmen zu überzeugen. Diese Zurückweisung muss ihn tief getroffen haben.

Trost fand Semmelsweis in seiner 1857 geschlossenen Ehe mit Maria Weiderhofer. Das Paar bekam fünf Kinder, von denen jedoch zwei frühzeitig starben.

Es war Semmelweis nicht vergönnt, seine Kinder aufwachsen zu sehen. Aus noch immer unbekannten Gründen wurde er im Juli 1865 in die Niederösterreichische Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke in Döbling bei Wien eingeliefert. Dort starb der 47-Jährige nur wenig später laut Obduktionsbefund an einer Sepsis, wobei man inzwischen weiß, dass sein Tod durch schwere körperliche Misshandlungen zumindest beschleunigt wurde. Über die Ursache einer mutmaßlich geistigen Störung kann nur gerätselt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass Semmelweis an Alzheimer erkrankt war. Er wurde auf dem Kerepsi-Friedhof in Buda im Grab seiner Eltern beigesetzt.

Anerkennung ist Semmelweis erst postum zuteil geworden, nachdem Pasteur und Robert Koch seine Thesen durch bakteriologische Untersuchungen bestätigen konnten. Inzwischen hat auch seine Geburtsstadt (seit 1873 Budapest) den berühmten Sohn geehrt, indem sie 1965 sein Geburtshaus zu einem medizin- und pharmaziehistorischen Museum gemacht hat. Im Innenhof befindet sich eine Grab- und Gedenkstätte, wo der „Retter der Mütter“ Oktober 1964 zur letzten Ruhe gebettet wurde.

Lit.: Anna Durnová, In den Händen der Ärzte. Ignaz Semmelweis, Pionier der Hygiene, Wien 2015. – Sherwin B. Nuland, Ignaz Semmelweis. Arzt und großer Entdecker, München 2006.

Bild: Kupferstich von Jenő Doby, 1860.

Karin Feuerstein-Praßer

 

Der Beitrag erscheint demnächst auch in den “Ostdeutschen Gedenktagen 2018” sowie in der “Ostdeutschen Biographie”