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Treue zu Deutschland

Das Vermächtnis des von den Nationalsozialisten ermordeten Jesuitenpaters Alfred Delp / Von Dr. Herbert Czaja, MdB †

 

Am 2. Februar 1945 wurde P. Alfred Delp SJ hingerichtet. Das Todesurteil war, anders als bei vorangegangenen Urteilen, nicht sofort vollstreckt worden. Zeitweise gefesselt, konnte er ab 11. Januar eine Reihe von Briefen und Meditationen aus dem Gefängnis herausschmuggeln (Gesammelte Schriften IV, S. 102 ff.), die sich auch mit der sittlichen und religiösen Pflicht für Deutschland befassten. Zwischen aussichtslosem Hoffen auf Rettung und der Vorbereitung auf den Tod hat er sie teilweise „in großer innerer Ruhe“ auf dem Weg zur letzten Freiheit vor Gott und dem Erlöser geschrieben. Sie sind ebenso ehrlich wie erschütternd.

 

Unerträgliche Ketzerei

Ohne direkten Kontakt mit dem 20. Juli 1944 zu haben, wurde er verurteilt wegen der für Freisler unerträglichen „Ketzerei gegen das Dogma: NSDAP – Drittes Reich – Deutsches Volk = leben gleich lang und sterben miteinander“ (IV, 106). Wenige Monate vor der militärischen Kapitulation, die Deutschland fortbestehen ließ, schrieb Delp: „Mein Verbrechen ist, dass ich an Deutschland glaubte, auch über eine mögliche Not- und Nachtstunde hinaus. Dass ich an jene simple und anmaßende Dreieinigkeit des Stolzes und der Gewalt nicht glaubte. Dass ich dies tat als katholischer Christ und als Jesuit. Das sind die Werte, für die ich hier stehe am äußersten Rande und auf den warten muss, der mich hinunterstößt: Deutschland über das Heute hinaus als immer neu sich gestaltende Wirklichkeit – Christentum und Kirche als die geheime Sehnsucht und die stärkende, heilende Kraft dieses Landes und Volkes …“ Auch Delps frühere zahlreiche Aussagen zur geschichtlichen Bedeutung von Heimat, Volk und Deutschland sind heute auch noch – und wieder gültig. Kardinal Höffner hat beim Neujahrsempfang der Diözesanräte von Köln dazu Bedeutsames formuliert.

Delp war unter anderem wegen der Besprechungen mit Helmuth J. Graf Moltke (ohne Teilnahme von Nationalsozialisten, aber in Anwesenheit eines Jesuiten) über eine mögliche Erhaltung der Einheit des Deutschen Reiches und die Mobilisierung der Unbelasteten zur politisch-geistigen Abwehr bei der Besetzung des Reichsgebietes verurteilt worden (IV, 113 und 357 ff.). Dabei war gedacht an die Mobilisierung der Heimatverbundenen, „der wirtschaftlichen Gegebenheiten“ und der „Kirche als moralischer Hilfe“ (IV, 357), allerdings nach völliger Ablösung der NSDAP und ihrer Repräsentanten. „In diesem Fall (der Besetzung) darf kein Friede geschlossen werden, sondern muss im ganzen Reich eine einheitliche Linie der Abwehr durchgehalten werden“ (IV, 357). Wenige Monate vor der Kapitulation forderte er die Sicherung des Arbeitsfriedens und den bundesstaatlichen Föderalismus und Abwehr gegen die Unterdrückung, vor allem in den Regionen und Ländern.

Am meisten hatte er Freisler erregt, als er und die anderen darauf hofften, nach einem verlorenen Krieg das Deutsche Reich politisch retten zu können, „bei gewissen innerdeutschen Voraussetzungen“ (IV, 359). Als besondere Belastung galt auch, dass er mit Moltke, Mierendorff und katholischen Kreisen Möglichkeiten zur „Schaffung der Grundlage einer schwarz-roten Koalition“ erörterte (IV, 158). Nach Freisler aber durfte und konnte es kein „Nachher“ für Deutschland bei einer Niederlage des Nationalsozialismus geben. Deutsches Volk, Christentum und katholische Kirche waren für ihn unvereinbar.

Delp aber sah die Zukunft so: „Man soll das wissen und festhalten, dass wir bereit sind, für Deutschland zu sterben, weil wir als Christen an Deutschland geglaubt haben“ (IV, 360). „Durch die Art der Prozessführung hat unser Leben ein Thema bekommen, für das sich leben und sterben lässt. Entweder fallen wir als Samen für dieses kommende Deutschland, oder wir werden mit Gewalt und mit ungeheurer Intensität gebildet für den Dienst an diesem Deutschland …“ (IV, 360). Für diesen Samen haben in anderer Weise auch gewirkt: Helmuth J. Graf Moltke, Graf Stauffenberg, Bolz, Julius Leber, Leuschner, Goerdeler und viele andere aus dem sozialdemokratischen, bürgerlichen, aber auch aus dem preußischen oder als konservativ oder sonstwie abgestempelten Widerstand.

 

Folgen des Grauens

Einige konkrete Zielsetzungen mögen – und man muss das aus der Zeitgeschichte verstehen – übersetzt gewesen sein. Die Anfänge der Konzeptionen lagen ja in einer Zeit des scheinbar großen NS-Erfolges in aller Welt und gewaltiger Kriegserfolge. Manches Überzogene in den konkretisierten Plänen und manches Stilistische wird überholt sein, das Grundanliegen für Deutschland, für die Deutschen und für Europa bleibt.

Geraume Zeit hat man bei uns wenig über den „Dienst an Deutschland“ – sittlich gereinigt, eingefügt in den Dienst am Gemeinwohl der Völker – veranwortungsvoll diskutiert. Nun scheint dies wieder eine aktuelle, wenn auch politisch umstrittene Aufgabe zu werden. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz mahnte beim Neujahrsempfang deutlich zum Maß, aber auch zur tapferen Klugheit, zum Offensein und zur Pflichterfüllung für diese gesamtdeutsche und gesamteuropäische Verantwortung.

Die kämpferische Linke verschweigt oft dieses von Delp und anderen Widerstandskräften angesprochene Ziel für unser Volk und für Deutschland. Für die Kommunisten bei uns und für die kommunistische Medienpropaganda bei unseren östlichen Nachbarn gab es diesen Widerstand nicht, oder er wird fälschlich als nationalstaatlicher Rettungsversuch preußischer Junker, unmittelbar vor der unausweichlichen Niederlage, entstellt. Auf der anderen Seite ist für diejenigen, die mit dem Nationalsozialismus geistig verbunden waren, aber auch für einen Teil des deutschen Rechts-Konservativismus, dieser Widerstand extremes Unrecht gegen die – meist rechtspositivistisch verstandene – Unterwerfung unter jede Regierungsgewalt gewesen, also einfach Verrat.

Am schlimmsten aber sind bei ihrem Verhältnis zu diesen Aussagen und Plänen die „Lauen“, die „Epigonen des Nationalsozialismus“. Darunter sind manche, die in der Jugend noch teils unbewusst, teils falsch begeistert, teils aber auch überzeugt „mitmachten“, oder deren Eltern mit der Zwangsherrschaft verwoben waren. Viele von ihnen gestehen nur sehr ungern selbst erklärbare Irrtümer ein und scheuen sich, sie persönlich aufzuarbeiten; man beruft sich auf die Kollektivschuld oder die völlige Unbetroffenheit; die Folgen des Grauens versucht man möglichst anderen aufzubürden; nicht zuletzt fordert man von den Ostdeutschen, gleichzeitig bedauernd, den Verzicht auf ihre Rechte als Sonderopfer für das ganze Deutsche Volk. Aber auch nicht wenige aus diesen Reihen und aus den Reihen derer, die nur den wirtschaftlichen Aufstieg nach dem Krieg erlebt haben, sind bereit, die Pflichten für unser Volk oder das rechtlich fortbestehende Reich auch im freien Teil Deutschlands vor friedensvertraglichen Regelungen und auf die Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands zu verzichten, sich fremden Interessen anzubieten, ohne Abwägung des vor dem Gemeinwohl der Völker und vor einem tragbaren dauerhaften Ausgleich und Frieden Vertretbaren und Richtigen. Nicht selten wird das bei jungen Menschen, denen zu wenig Kenntnisse in der Zeitgeschichte vermittelt wurden, propagiert. Diese „Epigonen des Nationalsozialismus“ wollen die Freiheit unverantwortlich auf Rumpfdeutschland und den wirtschaftlichen Wohlstand beschränken. Die „Lauen“ denken nicht mehr an das Vermächtnis des deutschen Widerstandes für Deutschland, halten es für überholt, zeitbedingt, bestenfalls im Einfluss auf das nicht mehr voll ernstgenommene Grundgesetz für allgemeine europäische Zielsetzungen für konsumiert.

 

„Juristisches Schattenreich“

Aber plötzlich ist in vieler Munde die Frage nach dem deutschen Volk im allgemeinen – also ethnisch gemeint – und dem deutschen Volk im besonderen – also als Staatsvolk –, nach der deutschen Nation, nach dem, was Deutschland auch heute noch ist, welche Rolle es einmal in Europa haben könnte, die Frage danach, was europäische Einigung eigentlich bedeutet. Kissinger, Mitterrand, Chirac, Frau Thatcher, Jacques Delors und Gaston Deferre sagten, wenn man sich im Westen nicht um einen freiheitlichen Ausgleich in der deutschen Frage bemühe, werde sich der Osten mit furchtbaren Folgen für Europa dieser Frage bemächtigen. In der DDR wird wieder ein massiver nationaler Überschwang zum Ziel einer Ausdehnung des „realen Sozialismus“ betrieben, bei uns in der Bundesrepublik macht sich von links und rechts ein isolationistisches, neutralistisches Nationalgefühl bemerkbar – was brauchen wir West, was brauchen wir Ost, wir selbst können uns schützen und allein unseren Weg in Europa bestimmen. Wieder andere schwören auf den „Status quo“, auf Rumpfdeutschland, andere haben bestenfalls West- und Mitteldeutschland im Auge. Helmuth J. Graf Moltke wirkte aber in Schlesien, wo sich der Kreisauer Kreis um die sittliche Selbstreinigung der Deutschen Gedanken machte. Man vergisst auch, dass 1930 Oberschlesien das zweitschlechteste Ergebnis für die NSDAP erbrachte, 1932 dort noch immerhin 36 Prozent das Zentrum und nur 26 Prozent die NSDAP wählten. Bedenklich erscheinen auch verbale Bekenntnisse zu Deutschland – bei gleichzeitiger Vertagung aller Bemühungen für Fortschritte zugunsten Deutschlands in unabsehbare Ferne.

Der Same, von dem Delp sprach, war lange verborgen, manches fiel auf steinigen Grund und unter Disteln, aber auch einiges auf fruchtbares Erdreich. Gehört zu den immer aktueller werdenden Entscheidungen zum „Dienst an Deutschland“ heute nicht wieder die dramatische Frage Theodor Haeckers vor mehr als 40 Jahren – nach Jesaias –: Custos, Quid de nocte – wie steht es um die Entscheidungsstunden? Das Ringen um Delps Vermächtnis, seine zeitgemäße Verlebendigung ist im Gange. Der Weg der Geschichte bleibt immer auch ein Kreuzweg (IV, 307). „Es hat jede Zeit und jedes Geschlecht seinen Auftrag in der Geschichte“ (IV, 308). In Bezug auf sein Volk schrieb Ähnliches früher einmal der jetzige Papst.

Als bedeutend bezeichnete Politiker geben zum aktuellen „Dienst an Deutschland“ unterschiedliche Antworten. Viele Politiker und die meisten Schulbücher, ebenso das Fernsehen und unsere ausländischen Vertretungen wagen meist nicht zu sagen, was Deutschland auch heute noch ist; das ist für ein Staatsvolk ein wahrhaft sonderbarer Zustand; da könnten wir uns schon bei anderen Völkern in Ost und West etwas Mut holen.

Für den stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden und positivistischen Rechtslehrer Dr. Ehmke ist Deutschland ein „juristisches Schattenreich“. Hans-Jochen Vogel, SPD-Fraktionsvorsitzender, und der SPD-Bundesgeschäftsführer Dr. Glotz schwören auf den Status quo und vermitteln hier die Ängste und Angriffe osteuropäischer Diktatoren, ohne sie zurechtzurücken. Als Willy Brandt am 18. November 1984 die Chancen der Geschichte für Deutschland in München suchte, meinte er, dass die durch den Nationalsozialismus geschundene Heimat nicht mehr ein verpflichtendes Vaterland war, aber ihm die deutsche Nation dann nahestand, wenn „es ihren Angehörigen besonders dreckig ging“. Ab wann das für ihn in den ersten Monaten nach dem Kriegsende gilt, wird er am besten selbst darlegen können. Aber bestimmt wird es gegen Deutschland und die deutsche Nation 1985 viel propagandistisches Trommelfeuer geben. Ihm wäre dann zu wünschen, dass er nicht nur wegen der Kindheit ein lebendiges Verhältnis zur Heimat Mecklenburg, sondern auch zu unserem ganzen Deutschland hätte. Um so mehr, als man das „Godesberger Programm“ in der SPD für überholt hält, das immerhin für die „internationalen Verhältnisse“ und Europa das Recht auf die Heimat auch der Deutschen und wirksame Volksgruppenrechte für unabdingbar hielt. 100 Jahre SPD sind 100 Jahre Selbstbestimmung, das wird heute kaum auf die Fragen von Volk und Nation bezogen. Der linke SPD-Flügel gibt sich heftig anti-amerikanisch. Wenn die SPD aber nicht wieder ein Stück auf Schumacher und andererseits auf die linke Mitte zugeht, droht sie einflusslos in der deutschen Politik zu bleiben. In dieser schwankenden Lage aber bräuchte man eine selbstbewusste, mutig für ein freies Europa wirkende Sozialdemokratie.

Die Grünen reden vom natürlichen Leben: wenn es aber um Volk und Staat geht, ist oft marxistisch-leninistisches Vokabular nicht ohne Einfluss; noch öfter herrscht wirklichkeitsferne Schreibtisch-Ideologie, ohne Bindung an die natürlichen Gemeinschaften in diesen Fragen. Die deutschlandpolitischen Ziele der Grünen sind mindestens ungeklärt und innerparteiisch umstritten; veröffentlichte Diskussionspapiere sind katastrophal.

Die FDP bewegt sich auch hier auf einem schwankenden Waagebalken, ängstlich bedacht auf die täglich wechselnde veröffentlichte Meinung. Sie hat in sich selbst sehr zahlreiche unterschiedliche Auffassungen. Der besonders vertraute Mitarbeiter des derzeitigen Vorsitzenden und einer der ganz entscheidenden Männer im Auswärtigen Amt, Herr von Braunmühl, hat im „Europa-Archiv“ einen – für einen Beamten des Auswärtigen Dienstes in dieser Stellung ungewöhnlichen – Artikel veröffentlicht, der wohl mehr für die Stabilisierung des Status quo in Deutschland als für die Stabilisierung der Sicherheit plädierte. Zur Tragweite der Ostverträge äußert sich der Bundesaußenminister verschwommen, teilweise nicht den deutschen Standpunkt verfassungs- und vertragskonform klar umreißend. Bemühungen um den friedlichen Wandel in Europa und Deutschland werden bestenfalls im Sinne humanitärer Erleichterungen, die sicherlich wichtig sind, erwähnt; der bedeutsamen Frage der politischen Nutzung gewaltiger finanzieller Hilfen für Osteuropa zugunsten erträglicherer nationaler und volkswirtschaftlicher Verhältnisse wird ausgewichen.

Das Nichtverfügen über Teile Deutschlands – auch nicht über die Gebiete östlich von Oder und Neiße – in den Ostverträgen, das Fehlen jeder Anerkennungsformel in diesen Verträgen, die Beschränkung auf den Gewaltverzicht (was Gromyko, Scheel und das Bundesverfassungsgericht festhielten) werden weder eindeutig noch griffig dargelegt. Die Beschränkung in den Ostverträgen auf die Hinnahme der „gegenwärtigen Lage“ bis zu friedensvertraglichen oder sonstigen Regelungen bei Nichtanerkennung der territorialen Souveränität Polens und der Sowjetunion in Teilen Deutschlands, ebenso das Wahrungsgebot des Grundgesetzes für gesamtdeutsche Belange und die Treue zu Deutschland werden kaum erwähnt. Es fehlt die Abwehr polnisch-kommunistischer Gebietsansprüche auf das weder vertraglich zugestandene noch nach der Vier-Mächte-Verantwortung mögliche Vollrecht der territorialen Souveränität, also des völkerrechtlichen Eigentums Polens in den Gebieten östlich von Oder und Neiße. Es fehlt die Betonung der vom Grundgesetz und vom Bundesverfassungsgericht geforderten Beachtung der Mitverantwortung für die Wahrung aller gesamtdeutschen Rechtspositionen. Lobenswert ist das Bekenntnis zu den Menschenrechten, doch wird bei deren Verletzung im Einzelfall und gegenüber Zehntausenden Deutschen oder Menschen anderer Völker darüber nicht im Rahmen der zulässigen diplomatischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten verhandelt. Die kleinste deutsche Partei ist in der Außenpolitik jedoch mächtig und die Koalition von ihr abhängig.

Die CDU und die CSU haben sehr gute, noch geltende, etwas zu selten zitierte Grundsatzprogramme zu Deutschlandfragen. Die Regierungserklärung von Bundeskanzler Kohl vom 4. Mai 1983 ist in der Deutschlandproblematik zukunftsweisend und unterscheidet sich von den Erklärungen vorangegangener Regierungen. Die gesamtdeutschen Verpflichtungen des Grundgesetzes und das Offensein der ganzen deutschen Frage stehen vornan, das Bekenntnis zum Selbstbestimmungsrecht auch der Deutschen zur aktiven Menschenrechtspolitik ist klar. Stark betont ist der Deutschlandvertrag, der bekanntlich zur Wiedervereinigung und einer erst späteren endgültigen Grenzregelung in Deutschland verpflichtet, den die Ostverträge ausdrücklich unberührt ließen. Ebenso wird Nachdruck auf die klaren Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts von 1973 und 1975 gelegt, wonach nicht nur Mitteldeutschland weiterhin zu Deutschland gehört, sondern auch die Gebiete östlich von Oder und Neiße. Es folgt das Bekenntnis zu den Ostverträgen, wobei der Kanzler wiederholt vor dem Verschweigen der für Deutschland günstigen und das Offensein der deutschen Frage begründenden Bestimmungen warnte. Er bezeichnete Zimmermanns Bekenntnis zur weiteren Zugehörigkeit der Ostprovinzen zu Deutschland bis zu friedensvertraglichen Regelungen in London öffentlich als rechtmäßig und widersprach besonders plastisch der dauernden Teilung Deutschlands in Moskau. Er lobte auch die deutschlandpolitischen Verdienste der Heimatvertriebenen und nahm sie gegen Angriffe aus dem Ostblock in Schutz. Der Fraktionsvorsitzende, Dr. Dregger, ist ein überzeugter gesamtdeutscher Patriot.

 

Gesamtdeutsche Verantwortung

Allerdings bräuchte gegenüber den kommunistischen Druckversuchen im Alltag die Union noch, nicht nur für Experten, griffigere Formeln darüber, was in den Ostverträgen steht und was nicht darin steht: dass territoriale Integrität eben Gewaltverzicht bedeutet und Polen Ansprüche gebietlicher Art an Deutschland stellt, nicht wir an völkerrechtlich anerkanntermaßen zu Polen gehörende Gebiete – wozu die Gebiete östlich von Oder und Neiße eben nicht zählen. Der Bundeskanzler hat entscheidenden Einfluss auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen genommen. Die Union bräuchte noch mehr Einfluss auf das konstante außenpolitische Wirken für einen friedlichen Wandel zugunsten der Menschenrechte und Deutschlands. Die Wende muss allerdings aus vielen Wendemanövern bestehen. Wegen manchmal übervorsichtiger Äußerungen gibt es im politischen Alltag einige Unsicherheiten. Der Debattenstand der Jungen Union in der Deutschlandfrage ist offen und beachtlich. Wichtig wäre, sich an das Prinzip Adenauers verstärkt zu erinnern: Die Sicherheits- und die Deutschlandfrage gehören untrennbar zusammen. In der auswärtigen Kulturpolitik und auch in einigen innerstaatlichen Entscheidungen zur Deutschlandfrage müsste die Union noch stärker auf die Beachtung der gesamtdeutschen Verantwortung drängen.

1985 wird es gegen die Treue zu Deutschland und zu unserem Volk harte Angriffe geben. Unmittelbar nach dem Tode Delps wurde das Protokoll von Jalta formuliert. Die amerikanische Administration moniert, dass die zugesagten Freiheiten in Osteuropa fehlen, und erklärt, sie habe Osteuropa nicht preisgegeben. Vor dem Deutschlandvertrag, am 22. März 1952, erschien im „Bulletin“ ein amtlicher außenpolitischer Artikel zu den Wechselbeziehungen von Jalta zu den Oder/Neiße-Fragen. Damals erklärte das Auswärtige Amt, die Nichterfüllung von Jalta und der Zeitablauf hätten die Möglichkeit eines Friedensdiktats gegen Deutschland hinfällig gemacht, man werde in Zukunft mit Deutschland verhandeln müssen – und dies auch über die Ostprovinzen. Wenn man von der Kontinuität der deutschen Außenpolitik spricht, sollte man diese amtliche Stellungnahme, die wahrscheinlich vom NS-verfolgten Völkerrechtsberater Konrad Adenauers, Prof. Kaufmann, formuliert wurde, beachten.

 

Die politische Aufgabe

Für 1985 sollte man sich an einigen Worten Delps stärken. Deutschland behält eine geistige, eine soziale, eine politische Aufgabe. „Wir sind die einzigen, die es immer wieder wagen, ganz von vorne zu beginnen …“ (IV, 328) Dies gilt nach Delp auch für die deutsche Rolle in Europa. „Wehe, wenn das schöpferische deutsche Volk auch nur in einer geschichtlichen Stunde schwiege, aus Resignation und Ermüdung.“ Er verlangt eine Leidenschaft zu den geistig fundierten Ordnungen und die Sicherung einer sozialen Gesellschaft. Delp wäre heute auf dem Weg nach europäischen und humanistischen Werten, einer föderalen Ordnung der Staaten, Völker und Volksgruppen, in der die Heimatverbundenheit eine große Rolle spielt, einem Weg der entschiedenen Abwehr von Überschwang, unglaubwürdiger Unterwürfigkeit, Isolationismus und Neutralismus in den Fragen unseres Volkes, unserer Nation und Deutschlands.

Delp meinte es bitter ernst und aktuell um sein Volk und um die Regionen Deutschlands. Im „Dunkel der Zerreißprobe“ schreibt Delp, der Herr „sät mich als Samen oder er richtet mich zu einem großen Werk“.