Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
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Die Ukraine zwischen Russland und der Europäischen Union

Symposium des Göttinger Arbeitskreises
in Verbindung mit der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen,
Göttingen, Collegium Albertinum, 30. November/1. Dezember 2019

Konzeption und wiss. Leitung: Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Gilbert H. Gornig, Marburg

Über Jahrhunderte versuchten die Ukrainer ihren Weg als eigenständige Nation zu bestreiten und als solche anerkannt zu werden. Sie lernten ihre Bedürfnisse zurückzustellen und sich verschiedenen Machthabern, ob im 18. Jahrhundert dem Zarenreich und der Habsburger Monarchie oder im 19. Jahrhundert zum Teil Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei und Russland unterzuordnen. Lediglich im Jahr 1919 gelang es der Ukraine zeitweilig ein eigenes Staatswesen zu etablieren. Unter Stalin herrschte in der Ukraine als Teil der Sowjetunion eine Zeit des Terrors. Millionen Menschen fielen der Hungersnot sowie den „großen Säuberungen“ zum Opfer. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg besserte sich die Lage der Ukrainer nicht. Nach einer kurzen Periode des „Tauwetters“ mit gewissen Freiräumen der ukrainischen Bürger brach eine erneute Zeit der Russifizierung an. Letztendlich, wenn auch später als erhofft, war es den Ukrainern endlich am 24. August 1991 vergönnt die Unabhängigkeit der Ukraine zu verkünden. Mit der Orange Revolution im Jahr 2004 und der Maidan-Revolution im Jahr 2013 zeigten die Ukrainer, dass nicht mehr die postsowjetischen Eliten, sondern die Bürger selbst den Wandel bringen sollten. Als sich der ukrainische Präsident Janukowytsch im November 2013 unerwartet weigerte, das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu unterzeichnen, protestierten zehntausende Bürger auf dem Maidan, einem zentralen Platz in Kiew. Diese Proteste uferten in schwere Kämpfe aus und führten letztlich zur Absetzung des ukrainischen Präsidenten. Es war unklar, ob sich die Ukraine außenpolitisch dem Westen öffnen oder sich lieber der Gunst Russlands versichern möchte. Ende Februar 2014 besetzten innerhalb von wenigen Tagen Streitkräfte ohne Hoheitszeichen die Krim. Es handelte sich laut Aussage Russlands nur um örtliche Selbstverteidigungskräfte und nicht um russische Streitkräfte. Dies wurde allerdings später dementiert. Die Besetzung von Teilen der Ukraine sollte laut Putin der Bevölkerung die freie Meinungsäußerung sichern und die dort lebenden Russen vor Diskriminierung schützen. Es wurde die Vermutung laut, dass Putin durch diese Vorgehensweise in Wirklichkeit machtpolitische Ziele verfolgt, die er nicht offen äußerte. Nach dem Wechsel der Regierung auf der Krim erklärte der Oberste Sowjet die Unabhängigkeit der Halbinsel. Daraufhin sprachen sich am 16. März 2014 nach russischen Informationen offiziell 96,7 Prozent der Bevölkerung in einem Referendum für einen Anschluss an die Russische Föderation aus. Ähnlich stimmten am 5. September 2014 nach der Verkündung der „Republiken Donezk und Luhansk“ auch 89 Prozent der Bürger in Donezk und 96 Prozent der Bürger in Luhansk ab. Auch hier war das Ziel letzten Endes einen Anschluss an Russland zu erreichen. Dem Konflikt sind bereits über 10.000 Menschen zum Opfer gefallen. Im September 2014 wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der aber nicht eingehalten wird. Die internationale Staatengemeinschaft reagierte durch Worte und Sanktionen auf die russischen Handlungen in der Ukraine. Russland antwortete mit eigenen Wirtschaftssanktionen. Ein Ende des Konfliktes ist bis heute nicht in Sicht. Für fünf Millionen Menschen in der Ukraine ist, nach Aussage des Menschenrechtskommissars des Europarates, nicht einmal die Grundversorgung gesichert. Es fehlt an sauberem Wasser, an medizinischer Versorgung sowie an Kindergärten und Schulen. Die Bürger in der Ukraine sehnen nun schon seit langem ein Ende des Krieges herbei und wünschen sich eine Normalisierung des Alltagslebens.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Dietrich Rauschning

Diese bewegte Geschichte und aktuelle Ereignisse veranlassten den Göttinger Arbeitskreis in bewährter Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen die Ukraine in den Mittelpunkt eines Symposiums zu stellen, wobei auch Referenten aus der Ukraine und ihren Nachbarländern zur Sprache kommen sollten. Die Tagung sollte zugleich eine gewisse Sympathie für das Land und die Menschen der Ukraine signalisieren, aber auch die Kenntnisse über dieses Land erweitern und zeigen, dass angesichts anderer weltweiter Probleme die Ukraine nicht vergessen ist. Die Referenten aus der Ukraine dankten uns sehr und Referenten benachbarter Länder äußerten den Wunsch, dass auch ihr Heimatland einmal im Mittelpunkt einer Tagung stehen sollte. Wir entschieden daher, uns Belarus in der nächsten Novembertagung 2020 zu widmen.

Nanaliya Popovitsch, Phd.

Prof. Dr. Kerstin S. Jobst.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach einer fachkundigen und lebendigen Einführung durch Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Dietrich Rauschning, Georg-August Universität Göttingen, Göttinger Arbeitskreis, referierte Nanaliya Popovitsch, Phd., Uzhhorod National University, Ukraine, zur Geschichte der Ukraine von der Antike bis zur Neuzeit. Im Mittelpunkt stellte sie die Sprachenentwicklung und zog damit Verbindungen zur Politik und kulturellen Entwicklung. Professor Dr. Kerstin S. Jobst, M. A., Universität Wien, Österreich, eine der besten deutschsprachigen Kennerinnen der Ukraine und ihrer Geschichte fesselte die Zuhörerschaft mit ihrem Vortrag über die Geschichte der Ukraine von der Neuzeit bis zur Februar-Revolution, wobei Karten und Bilder das Referat noch weiter belebten.

Prof. Dr. Andrij Kudrjačenko

Prof. Dr. Kasimierz Wóycicki

 

 

 

 

 

 

 

 

Damit war der Übergang geleistet für das Referat des renommierten Prof. Dr. Andrij Kudrjačenko, Universität Kiew, Ukraine, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, mit klaren Aussagen zur jüngeren Entwicklung, nämlich von der Februar-Revolution bis zum Zerfall der Sowjetunion. Die Ukrainische Narration der Vergangenheit und die europäische Idee war Gegenstand des lebendigen Vortrags von Prof. Dr. Kasimierz Wóycicki, Universität Warschau, Polen, Direktor der Europäischen Akademie Kreisau. Er begrüßte ganz besonders, dass eine solche Tagung durchgeführt wurde und rühmte auch die lebendige und fachkundige Mitarbeit der Zuhörerschaft. Als besonders kenntnisreicher Diskussionsteilnehmer zeichnete sich Dr. Dr. h.c. Alfred Eisfeld vom Göttinger Arbeitskreis aus, ein weithin bekannter Kenner der Materie.

Pastor Andreas Hamburg

Viktor Kostiv, LL.M.

Beeindruckend und nachhaltig wirkend war der Vortrag von Pastor Andreas Hamburg aus Bremen, zum Thema „Ukraines Ethnien, Sprachen und Religionen“. Er wuchs in der Ukraine auf und wirkte dort viele Jahre und war auch hochrangigen Vertretern des Landes begegnet. Wer könnte besser über die Euromaidan-Bewegung berichten als ein Aktivist auf der Straße und auf dem Maidan, der auch von einer Verfolgung durch die Geheimpolizei berichten konnte. Viktor Kostiv, LL.M., Uzhgorod, Ukraine, ist insoweit schon mehrmals in Deutschland aufgetreten.

Dr. iur. Holger Kremser

Dr. iur. Carolin Gornig

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Annexion der Krim durch Russland, eine völkerrechtliche Würdigung, behandelte der bekannte und bewährte Referent Dr. jur. Holger Kremser, Georg-August-Universität Göttingen, Göttinger Arbeitskreis. Frau Dr. iur. Carolin Gornig, Gießen, behandelte das hochaktuelle Thema der völkerrechtlichen Würdigung der Einmischung Russlands in der Ostukraine. Dieses Thema war zu einem großen Teil Thema ihrer jüngst abgeschlossenen und mit einem Preis versehenen Dissertation an der Universität Erlangen. Insgesamt wurde geklärt, ob die Abspaltung der Krim rechtmäßig war und die Durchführung internationale Standards erfüllte. Putin zeigt sich fest davon überzeugt, dass Russland nicht gegen Völkerrecht und geltendes Recht verstoßen habe. Allerdings steht er mit dieser Auffassung im Kreise der meisten Regierungschefs und Autoren des Völkerrechts allein. Die Ost-Ukraine ist Schauplatz von Kämpfen zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Truppen. Sie ist gezeichnet von einer wirtschaftlichen Krise und einer Spaltung der Bevölkerung zwischen Ost und West.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Gilbert H. Gornig

Zum Abschluss kam Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Gilbert Gornig, Philipps-Universität Marburg, Göttinger Arbeitskreis, zu Wort, mit dem Thema Sanktionen gegen Russland wegen des Ukrainekonflikt, rechtlich gesehen. Er leitete auch die zweitägige Tagung in Göttingen. Zu Gast waren etwa 45 interessierte und fachkundige Hörer, auch einige Studierende.

 

 

Nach den Referaten gab es stets rege Diskussionen, den Austausch unterschiedlicher Ansichten, immer konnte man sich aber doch auf einen Grundkonsens einigen.Es zeigte sich, dass die Ukraine für viele immer noch ein unbekanntes Land ist. Die schwierige Auseinandersetzung um die Existenz einer ukrainischen Ethnie, aktuelle Fragen zur Religion infolge der Unabhängigkeit der ukrainischorthodoxen Kirche und zur Existenz einer eigenen Sprache, jüngste politische Entwicklungen, der Euromaidan, die Krimannexion und die die russischen Übergriffe auf die Ostukraine sowie die Sanktionen der Europäischen Union gegenüber Russland wegen der Übergriffe auf die Ukraine wurden diskutiert und dabei wurde kaum ein wesentlicher Aspekt ausgelassen. Nochmals sei hervorgehoben, dass ein äußerst engagiertes, interessiertes und fachkundiges Publikum begrüßt werden konnten. Bereits heute gab es Nachfragen nach dem Tagungsband, auch aus dem Ausland.

Im Jahr 2016 wurde der Ukraine-Konflikt als ein vergessener Krieg bezeichnet, da die Berichterstattung durch andere Ereignisse wie die Griechenlandkrise oder die Flüchtlingspolitik in den Hintergrund geriet. Das gilt auch heute noch. Dadurch wurde der Ukraine-Konflikt weitgehend aus den Medien verdrängt, obwohl in der Ostukraine immer noch Tote zu beklagen sind. Mit der Tagung wurde für ein interessiertes Publikum eine große Lücke geschlossen. In einem Tagungsband werden bald die Referate einem noch breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Die nächste Tagung mit Belarus im Mittelpunkt wird von vielen schon mit Spannung erwartet.