Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
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Dr. Herbert Czaja

Zeithistorische Fachtagung, Stuttgart, 9./10. April 2010

Dr. Herbert Czaja –
sein kirchliches, soziales, kulturelles und politisches Wirken

Zeithistorisches Symposium der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Verbindung mit der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., Stuttgart, und der Stiftung Ackermann-Gemeinde Stuttgart

Leitung: Christine Czaja, Stuttgart, Redaktion: Dr. Ernst Gierlich, Bonn

Vor vierzig Jahren – im März 1970 – übernahm Dr. Herbert Czaja (1914-1997) in einer schweren Zeit voller politischer Umwälzungen und großer Auseinandersetzungen um die sog. „Neue Ostpolitik“ die Präsidentschaft des Bundes der Vertriebenen. Als führender Repräsentant der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge hat er sich über Jahrzehnte hinweg für deren Anliegen eingesetzt. Sein Ziel war ein gerechter und dauerhafter Ausgleich in einer gesamteuropäischen Friedensordnung.

Pflege und Weiterentwicklung der Kultur der historischen deutschen Ost- und Siedlungsgebiete, wie sie im § 96 BVFG formuliert sind, lagen Herbert Czaja in besonderer Weise am Herzen. Gerade die grenzübergreifende, gemeinsame Kulturarbeit kann – und dies hat er stets betont – eine Brücke zwischen den Deutschen und ihren östlichen Nachbarn bauen.

Herbert Czaja hat in seinen vielfältigen Aufgabenbereichen Politik in christlicher Verantwortung ausgeübt – als Pädagoge, Stuttgarter Stadtrat, Vertreter der katholischen Laien in der Diözese Rottenburg-Stuttgart und im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, als Bundestagsabgeordneter, Vertriebenenpräsident, Sprecher der Landsmannschaft der Oberschlesier, Begründer der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen u.s.w.

Im Rahmen eines zeithistorischen Symposiums sollen die vielfältigen Bereiche und Aspekte seines Wirkens in Einzelvorträgen sowie in Berichten von Zeitzeugen und Weggefährten beleuchtet werden.

Was war er nun eigentlich, dieser 1914 in Teschen/Österreichisch-Schlesien geborene Herbert Czaja? War er Gymnasiallehrer, Politiker, engagierter Katholik, Versöhner und Vermittler zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn, die der Zweite Weltkrieg und seine Folgen entzweit hatte? Er war alles in einem, mit unglaublicher Arbeitsintensität auf vielen Gebieten tätig, und er gestaltete die politische und soziale Landschaft nach dem Krieg maßgeblich mit.

Wesentliche Inhalte der Gesetzgebung des Deutschen Bundestages zu Anliegen der Vertriebenen und Aussiedler gehen auf Herbert Czaja zurück, so im Bundesvertriebenengesetz und im Lastenausgleichsgesetz. Kritisch äußerte er sich zum Aussiedleraufnahmegesetz und zum Kriegsfolgenbereinigungsgesetz und unterstützte das Vertriebenenzuwendungsgesetz. Er reiste stets mit schwerer Aktentasche durch die Lande, in der alle nötigen Unterlagen griffbereit waren. Ein enzyklopädischer Geist! Jedoch ein unbequem wirkender, so dass man dieser Tagung, die ihn noch einmal lebendig werden ließ, nicht den Vorwurf harmlos-freundlichen Lobgesangs machen konnte, seine alten Weggefährten hatten manch Anekdötchen parat. Czaja verlangte viel – von sich und von seiner Umgebung, und da konnte er wohl auch schon mal ungemütlich werden, wenn jemand mit seinem Tempo nicht mithielt. Aber „immer hat Herbert Czaja auch nach dem Menschen gefragt, was mich bewegt, womit ich besonders beschäftigt bin, was mir vielleicht Sorgen macht“, erwähnte Oliver Dix in seinem Vortrag, der leider krankheitshalber nur vorgelesen werden konnte. Dix, der Czaja seit seinem 22. Lebensjahr kannte, ist seit 1994 Präsidiumsmitglied des BdV.

Wo anfangen mit der Lebensbeschreibung eines so rastlosen, so umfassenden Geistes? Geboren wurde Herbert Helmut Czaja am 5. November 1914 in Teschen in Österreichisch-Schlesien. Sein Vater, ein angesehener k.u.k.-Notar, beriet seine Klientel in deutscher, polnischer und tschechischer Sprache, diese Region im östlichen Schlesien war eine multiethnische, und so war er schon als Kind mit den Minderheitenproblemen der Volksgruppen vertraut. Sein Elternhaus war katholisch, und sein starker Glaube sollte ihm sein Leben lang bei allen Schwierigkeiten und Entscheidungen begleiten und stützen. Bis 1920 besaß die Familie Czaja die österreichische Staatsbürgerschaft, danach – bis 1939 – die polnische Staatsbürgerschaft deutscher Nationalität wie alle anderen Bewohner in Ost-Oberschlesien. (Es gab in dieser Region keine Abstimmung wie im übrigen Oberschlesien.) Sohn Herbert besuchte die kleine deutsche Volksschule in Skotschau, von 1925 bis 1933 das Staatsgymnasium in Bielitz, das einzige staatliche Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Ostschlesien. Polnisch war die erste Fremdsprache, die Czaja bald perfekt beherrschte. Seine polnischen Sprachkenntnisse trugen später, viel später, dazu bei, ihm in Polen den Makel des Revanchisten zu nehmen, den nicht nur die Polen, sondern ebenso die deutsche linksgerichtete Presse in ihm sehen wollte. Bruno Kosak aus Cosel/Kozle (OS), ehemaliger deutscher Sejm-Abgeordneter der Republik Polen, jetzt Sejmik (Landtags)-Abgeordneter, berichtete darüber bei dieser Tagung in seinem Vortrag „Herbert Czaja als Fürsprecher für die deutsche und polnische Bevölkerung in Oberschlesien. Wege zur Verständigung der beiden Volksgruppen“.

Sein Abitur musste Czaja in deutscher und polnischer Sprache ablegen, zu seinen Lieblingsfächern gehörten Latein, Griechisch und Mathematik. Er absolvierte sein Studium auf der Jagiellonischen Universität in Krakau und machte hier auch seine Prüfung als Gymnasiallehrer; 1939 wurde er mit summa cum laude zum Dr. phil. promoviert. Sein Dissertationsthema lautete: „Stefan Georges Ringen um ein autonomes Menschentum“. Schon damals war Czaja kein angepasster Zeitgenosse, er stellte sich gegen den Nationalsozialismus und war so unbequem für die Hitler-Regierung, dass sie ihn 1941 in seiner in Przemyśl/Galizien begonnenen Lehrer-Karriere nicht beamteten. Einer Anklage wegen Hochverrats, weil er Juden und Polen geholfen hatte, entging er nur durch den Rat eines Wohlmeinenden, sich schnellstens freiwillig zur Wehrmacht zu melden. Nur das konnte ihn retten. Beim Kampfeinsatz an der Ostfront verlor er das rechte Auge, und im April 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Aus dieser schwerstverwundet entlassen, durfte er in seine Heimat zurückkehren. Aber die war nun kommunistisch, sein Elternhaus zerstört, arbeitsfähige Landsleute wurden in Internierungslagern zur Zwangsarbeit gezwungen, die Lage der Deutschen war eine völlig rechtlose. Um überleben zu können, arbeitete Czaja als Knecht bei einem befreundeten polnischen Bauern. Als sein Doktorvater, der polnische Germanistik-Professor Adam Kleczkowski von dem Schicksal seines einstigen Studenten erfuhr, bot er ihm eine Habilitation an der Universität Krakau an, die Bedingung war allerdings – pro forma – die Annahme der polnischen Staatsangehörigkeit. Czaja lehnte ab, und diese Entscheidung stellte die Weichen für seine Zukunft, seine Vertreibung aus seiner Heimat Oberschlesien war dadurch besiegelt.

Eine Würdigung dieses Lebens, das sich die von ihm mitbegründete „Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen“ vorgenommen hatte, war kein leichtes Unterfangen. Wie soll man all die Aktivitäten, „sein kirchliches, soziales, kulturelles und politisches Wirken“ – so das Motto der Tagung – beschreiben? Dazu noch die selbstgestellte Aufgabe „als Brückenbauer zwischen den Deutschen und ihren östlichen Nachbarn“? Christine Czaja, Mit-Initiatorin der Tagung, erwies sich als echte Tochter ihres Vaters: mit Temperament und Herzlichkeit führte sie souverän durch die Themen und ließ ein Bild nicht nur eines großen Politikers, sondern auch das Bild eines zertrümmerten Deutschlands entstehen, dessen Menschen mit für das Ausland noch heute unfassbarem Aufbauwillen an der Herstellung einer neuen Republik zu arbeiten begannen. Herbert Czaja war einer von ihnen.

Sein Flüchtlingsschicksal hatte ihn nach Stuttgart verschlagen. Hier begann er 1946 als Aushilfslehrer an der Wagenburg-Oberschule für die Fächer Deutsch, Geschichte, Erdkunde und Latein. Er schloss sich der neugegründeten Jungen Union an „und fiel in Versammlungen durch seine gute Rhetorik, seine klugen Diskussionsbeiträge und durch seine „originelle“ Kleidung auf. Er erschien in der schwarz gefärbten Uniform der Kriegsgefangenen und in Stiefeln aus der Soldatenzeit“ berichtet Christine Maria Czaja in ihrem Buch „Herbert Czaja Anwalt für Menschenrechte“. Er lernte Eva-Maria Reinhardt kennen, eine Schwäbin aus politisch und sozial engagierter Familie, sie heirateten, und aus dieser Ehe gingen zehn Kinder hervor. Gewiss trug auch dieser Umstand dazu bei, dass der Heimatvertriebene hier schnell Fuß fasste, erwähnte Elke Erlecke von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Stuttgart in ihrem Vortrag. Immer habe er die Aktivitäten der Adenauer-Stiftung verfolgt, immer noch sähe man ihn als Vorbild, weil er von Anfang an den Kontakt zur Jugend und zur Heimat suchte. Schon bald, 1947, wurde er in den Gemeinderat der Stadt Stuttgart gewählt – als damals einziger Vertreter der Vertriebenen. Was alles er in dieser Zeit bewirkte, stellte Staatsminister a.D. Dr. Christoph-E. Palmer in seinem Vortrag „Herbert Czaja und die CDU – eine schwierige und treue Partnerschaft von 1946-1997“ dar. Im Sozialausschuss kümmerte Czaja sich um jeden Problembereich, machte auf die Notlage der Vertriebenen, Evakuierten und Bombengeschädigten aufmerksam, lenkte den Blick auf das Elend in den Flüchtlingslagern und bald auch auf die Situation der deutschen Volksgruppen in Polen und in der Tschechoslowakei, die weitgehend vergessen war. Durch seine unbestechliche Meinung erwarb er sich nicht nur in Stuttgart großes Ansehen, sondern auch bei politisch Andersdenkenden, beispielsweise bei der SPD und dem Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE).

Im Dezember 1947 gehörte Czaja zu den Mitbegründern der Ackermann-Gemeinde in der Diözese Rottenburg – Hans Gangl, Vorsitzender der Stiftung Ackermann-Gemeinde Stuttgart berichtete gesondert über Czajas Wirken in dieser ersten landsmannschaftlichen Vereinigung Heimatvertriebener in der amerikanischen Zone. Auch das ist heute vielfach vergessen: Herbert Czaja war es, der den sozialen Wohnungsbau in Stuttgart und Umgebung initiierte, 1957 gab er sogar eine Broschüre heraus mit dem Titel „Wie kommt man zu einem Familienheim?“, die innerhalb kurzer Zeit vier Auflagen erreichte. Czaja selbst stellte seine Person immer hintan. „Er war unermüdlich, nachhaltig, auf vielen Gebieten versiert“, begeistert sich Palmer noch heute. 1950 wurde Czaja zu einem viermonatigen Aufenthalt in die USA eingeladen, dort sollten Politiker, die keine NS-Vergangenheit hatten, studieren, wie man die Integration handhabt. Zuvor aber, am 5. August 1950 kam es zur Verkündigung der „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ vor den Ruinen des Stuttgarter Neuen Schlosses. 150.000 Menschen nahmen teil, es war die größte politische Kundgebung nach dem Krieg. Herbert Czaja war als Stadtratsmitglied einer der begeistert zuhörenden Anwesenden. Punkt eins der Charta „Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung“ ist wohl eines der beachtenswertesten Zitate nach dem Krieg und gibt die Überzeugung der Heimatvertriebenen und auch die einer ihrer größten Fürsprecher, Herbert Czaja, wieder.

Nach sechsjähriger Tätigkeit im Stadtrat in Stuttgart kam Herbert Czaja im Jahr 1953 über die Landesliste Baden-Württemberg für die CDU in den 2. Deutschen Bundestag. Er konnte auf ein großes Wissen in der Sozial- und Familienpolitik, im Wohnungsbau, in den Fragen der Eingliederung und der Vermögensbildung für breite Schichten zurückgreifen und erwarb sich über Parteigrenzen hinweg große Achtung. Jedem Nationalismus oder gar Chauvinismus abhold, trat er jedoch ein für ein maßvolles aber klares National- und Geschichtsbewusstsein. Achtmal gelangte Herbert Czaja über die Landesliste in den Deutschen Bundestag (zweimal in der Direktwahl für die CDU) – bis 1990. „Eine absolute Ausnahme“, wie Palmer hervorhob, Czaja konnte auf eine 37-jährige ununterbrochene Zugehörigkeit zum Parlament zurückblicken, und das stets in derselben Fraktion. Dies gelang ihm neben all seinen anderen Aufgaben. Noch bis zu seinem 75. Lebensjahr absolvierte er einen 14- bis 18-stündigen Arbeitstag. Wie auch sonst hätte er das ganze Pensum schaffen können? 1969 wurde er Sprecher der Landsmannschaft der Oberschlesier, 1970 zum Präsidenten des Bundes der Vertriebenen, also der vereinigten Landesverbände und Landsmannschaften, gewählt. Nach der Wahl hatte Czaja einst gesagt, dass „sei kein Posten der Karriere, sondern eine Stellung zum Verschleiß“. Er sollte recht behalten, in seiner 24-jährigen Präsidentschaft musste er neben dem großen Arbeitspensum sich endloser Angriffe erwehren, er sei ein Ewiggestriger, ein „Stahlhelmer“ gar. Er ließ sich nicht beirren. „In einer gesicherten europäischen Friedensordnung ist Raum für einen dauerhaften und gerechten Ausgleich und enge Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Polen“, dieser Satz aus der im Jahre 1970 gefassten „Bremer Erklärung“ bildete seine Richtschnur.

Wie sehr Herbert Czaja heute noch geschätzt wird, bewiesen die unzähligen Gruß-Adressen zu dieser Tagung, von denen aus Zeitgründen nur die wenigsten verlesen werden konnten. Ein Beweis für diese Wertschätzung waren auch die 20 zu dieser Tagung angereisten Oberschlesier, unter ihnen der Vorsitzende des Verbandes der sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Bernard Gaida. Sie berichteten von den Anfängen ihrer sozialkulturellen Gesellschaften vor 20 Jahren überall in Polen bis zu deren heutiger Selbstverständlichkeit. Ihre Akzeptanz, ihre Wahl in den Sejm und den Sejmik (Landtag), deutschsprachiger Unterricht, die Verwendung der deutschen Sprache in der Kirche, zweisprachige Ortschilder – das entstand nicht von allein, sondern musste hart erarbeitet werden.

„Vatikanische Ostpolitik 1945-2000 – Wege und Umwege zu Freiheit und Versöhnung“ hieß das Vortragsthema von Dr. Karl-Joseph Hummel, Bonn. Hummel konzentrierte sein Referat auf die Wandlungen der vatikanischen Ostpolitik 1945-2000 und markierte die einzelnen Stationen eines Weges, der – z.B. im Verhältnis zu den Deutschen – von grundsätzlicher Übereinstimmung im Pontifikat Papst Pius XII. bis zum Tod Papst Pauls VI. im Sommer 1978 zu schwerwiegenden Differenzen führte, bevor die Kurskorrektur Papst Johannes Pauls II. die deutschen Katholiken wieder versöhnte. Die Bereitschaft des Vatikans in den Jahren 1958-1978, demonstrative Gesten der Dialogbereitschaft und diplomatische Vorleistungen als Teil einer kirchlichen Überlebensstrategie in den Ostblockstaaten höher zu bewerten als z.B. die Funktion der katholischen Kirche als gesamtdeutscher Klammer, war für grundsatztreue Katholiken wie Herbert Czaja ebenso schwer erträglich wie der Verzicht auf den traditionellen Grundsatz, Grenzen erst nach einem Friedensvertrag anzupassen. Hummel erläuterte die sich daraus entwickelnden Konflikte am Beispiel der Ausarbeitung der Argumente Herbert Czajas für seine Vorsprache beim Hl. Stuhl im April 1971. Czaja setzte dort mit guten Gründen die Achtung der Rechte und Würde des Nachbarn, die Wiederherstellung der Menschenrechte und das Streben nach einem tragbaren Ausgleich gegen unbedachten, dem Zeitgeist der „Dialogbesoffenheit“ (Alfred Bengsch) verpflichteten politischen Opportunismus.

Anschauungsmaterial der Nachkriegsgeschichte lieferte Dr. Philipp Jenninger, ehemaliger Bundestagspräsident (in den 80er Jahren) und Vatikanbotschafter, indem er die Eingliederung der Flüchtlinge als größte Erfolgsgeschichte nach 1945 darstellte. Maßgeblich daran beteiligt sei Herbert Czaja gewesen, der den Teufelskreis von Hass und Gewalt durchbrochen habe. Mit den Spezialgesetzen zum Lastenausgleich habe er zum sozialen Frieden beigetragen und auch die Grundlage für die Aufnahme heutiger Spätaussiedler geschaffen. Die Debatten um die Ostverträge seien ohne ihn nicht denkbar, die Ostverträge, von denen Czaja immer wieder sagte, sie seien keine Grenzanerkennungsverträge. Pessimisten rief er zu: „Es hilft nicht, über die Dunkelheit zu klagen, Sie müssen Licht machen.“
Große Politik, große Wirkung – und wie sah der tägliche Kleinkram aus, der graue Alltag, der Dienst unter so einem Berserker der Arbeit? Das weiß wohl niemand besser zu beurteilen als Franz Kroppenstedt, ehemaliger Staatssekretär im Bundesinnenministerium unter zwölf (!) Ministern. „Czajas Arbeitsfeld war riesig und meine Mitarbeiter haben ihn gefürchtet“ berichtete er. „Er war von großer Bildung, bienenfleißig, hatte ein gutes Gedächtnis, er war ein Kämpfer, der sich für die Menschen aufgerieben hat“. Ja, gefürchtet habe man ihn, aber auch geliebt, denn er war ein bescheidener und liebenswürdiger Mann, und die Anerkennung seiner Verdienste werde in der Zukunft zunehmen, prophezeite Kroppenstedt.

Die Vortragenden redeten sich in eine solche Begeisterung hinein, dass für die Berichte der „Zeitzeugen“, die mit ihm zusammengearbeitet hatten, kaum mehr Zeit blieb. Da war Herbert Werner aus Ulm, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der CDU, der mit Herbert Czaja im „Initiativausschuss für das ungeborene Kind“ und bei der Vereinigung „Christdemokrat für das Leben“ zusammenarbeitete. Werner hob Czaja als Familienpolitiker heraus, welcher für eine Adoptiverleichterung eintrat und das Embryonenschutzgesetz befürwortete. „Ich habe ihn fast geliebt“, sagte er. Da erinnerte Dr. Siegrid Krülle, Juristin, die über die Problematik der Oder-Neiße-Linie promoviert hatte, an Czajas Rolle in der Studiengruppe Politik und Völkerrecht: „Er war praktisch ein Jurist. Er war ein Mann des Rechts und das Recht war die Richtschnur“. Alfons Ryborz, Rechtsanwalt und ehemaliger Mitarbeiter in der Kulturstiftung sagte: „Er war eine Vaterfigur. Er hat für die Vertriebenen und Entrechteten gelebt und immer Kompromisse gesucht.“ Zu Wort kamen auch (unter etlichen anderen mehr) Blasius Hanczuch, Ratibor, und Friedrich Schikora aus Gleiwitz, wichtige Mitbegründer der sozialkulturellen Gesellschaften in Oberschlesien.

Wie viele Unwahrheiten und Verleumdungen sich um die Person Herbert Czajas rankten, wusste Oliver Dix zu berichten. Bei ihm hieß es: „Herbert Czaja war ein unermüdlicher Verfechter des Rechtes auf die Heimat und der Menschenrechte! Die von ihm betonte Beachtung des Selbstbestimmungsrechtes als jus cogens, also als Bestandteil des zwingenden Völkerrechts, bei den Verträgen blieb bis heute ungeklärt.

Niemals hat er jedoch maximale Ansprüche erhoben. Viele warfen ihm dies allerdings vor, ohne jedoch seine Argumente zu kennen. So hat er eine Wiederherstellung der Reichsgrenzen vom 31.12.1937 zu keinem Zeitpunkt gefordert. Herbert Czaja ist für einen glaubwürdigen Kompromiss eingetreten, der auch – wie er einmal sagte – „bescheidene deutsche berechtigte Anliegen erfüllen könnte.“

Es ist an der Zeit, diese Zusammenhänge hier klar aufzuzeigen. In einer Tagung mit ausländischen, insbesondere polnischen Journalisten suchte Herbert Czaja gezielt den Dialog, um Missverständnisse auszuräumen. Dies gelang insofern, als sich die Berichterstattung über ihn mehr als je zuvor vornehmlich an den Tatsachen orientierte.“

Unterstützt wurde dieses zeithistorische Symposium, zu dem so viele Besucher gekommen waren wie zu keinem Zeitpunkt vorher, vom Innenministerium des Landes Baden-Württemberg, der Konrad Adenauer-Stiftung, Stuttgart, und der Ackermann-Gemeinde Stuttgart.

Bericht Erika Kip

Hier die Tagungsbeiträge von:

Dr. Philipp Jenninger, Bundestagspräsident a.D. Erinnerungen an Herbert Czaja

Oliver Dix
Herbert Czaja als Anwalt der Vertriebenen